LTE: Die 80-Sekunden-Flatrate

LTE ist rasend schnell - aber wer es tatsächlich nutzen will, verheizt in Sekundenschnelle sein komplettes Datenkontigent (Screenshot: Torsten Kleinz)

LTE ist rasend schnell - aber wer es tatsächlich nutzen will, verheizt in Sekundenschnelle sein komplettes Datenkontigent (Screenshot: Torsten Kleinz; Quelle: Telekom)

Mit dem neuen “Datenturbo” LTE soll das mobile Internet nun endlich dem Festnetz nicht nur gleichgestellt, sondern gar überlegen sein. Suggeriert die Werbung. Doch das Gegenteil ist der Fall: Mobilfunkbetreiber und Serviceanbieter verkaufen uns ein neues, ein beschränktes Internet.

Das Zeitalter des gemächlichen Surfens ist vorbei – so hat es zum Beispiel die Deutsche Telekom entschieden. In der Werbung für das neue iPhone 5, das den schnelleren Datenübertragungsstandard unterstützt, verwandelt sich der Ladebalken in ein Überschallflugzeug. “Schnelles Internet mit bis zu 100 MBit/s”, heißt es dort.

Datenfressender Turbo

Doch wer das Kleingedruckte studiert, merkt schnell, dass es mit dem Überschall-Surfen nicht wirklich weit her ist. Wer zum Beispiel den Tarif Complete Mobil L – der monatliche Grundpreis hierfür liegt immerhin bei 49,95 Euro – hat, bekommt für 9,95 Euro extra ein Kontingent von einem Gigabyte High-Speed-Surfen. Das klingt zunächst eindrucksvoll. Doch bei der versprochenen Höchstgeschwindigkeit von 100 Megabit pro Sekunde ist dieses Datenvolumen im schnellsten Fall in gerade einmal 80 Sekunden verbraucht. Wer nur den Tarif Complete Mobil M abgeschlossen hat, bekommt für den gleichen Aufpreis lediglich ein Datenkontingent von 300 zusätzlichen Megabyte. Dank LTE kann man die theoretisch in 24 Sekunden verbrauchen.

Flatrate mit Handbremse

Ist das Kontingent verbraucht, tritt der Provider auf die Bremse. Bei der Telekom sinkt die Geschwindigkeit auf maximal 64 Kilobit pro Sekunde: Eine Reduzierung um den Faktor 1.500. E-Mails lassen sich damit noch abrufen – vorausgesetzt niemand hat eine Datei angehängt. Anwendungen wie Online-Video oder Videotelefonie kann man vergessen. Das Onlineradio verstummt, selbst das Versenden eines Fotos “mal eben rasch” kann eine Viertelstunde dauern. Wenn es denn überhaupt funktioniert. Updates für die Navigations-App oder gar das Betriebssystem? Die müssen warten. Wer mobil online sein will, setzt sich am besten neben einen WLAN-Hotspot und bleibt dort ruhig sitzen.

Begrenzte Flatrates sind die Regel

Damit steht die Telekom keinesfalls allein da: Fast alle Mobilfunkanbieter verkaufen solche “Flatrates”, deren Grenzen der Nutzer meist nur aus dem Kleingedruckten herausfinden kann. Was sich bei normalem kabelgebundenen Internet kaum jemand traut, ist im Mobilfunkbereich die Norm. So sperren die meisten Provider routinemäßig ihre Datentarife für mitsurfende Laptops oder Tablets ab. Wer das tun will oder gar die Online-Telefonie von Skype nutzen möchte, soll extra zahlen.

Als Grund für die enormen Unterschiede geben die Mobilfunkunternehmen meist technische Gründe an: Der Ausbau eines Mobilfunknetzes ist teuer, zudem teilen sich viele Smartphones eine Mobilfunkzelle. Der Mobilfunkanbieter O2 erlitt im vergangenen Jahr sogar einen Dateninfarkt: Mit riesigem Werbebudget hatte der Telekom-Rivale um zahlungskräftige Smartphone-Kundschaft geworben. Doch als die vielen Kunden ihre neuen Smartphones benutzten, überlastete das die Funkzellen des Konzerns besonders in Innenstädten erheblich. Störungen auch im Sprachverkehr waren die Folge.

Platz nach oben

Sind die rigiden Tarife also nur die Folge der Qualitätsbemühungen der Mobilfunkprovider? Nein, denn Platz nach oben ist offenbar gegeben. So gab die Telekom zur Internationalen Funkausstellung in Berlin stolz ihre neue Kooperation mit dem Musik-Streaming-Anbieter Spotify bekannt. Wer den Tarif wählt, bekommt nicht nur zum üblichen Tarif die Musik von Spotify auf sein Smartphone, die Telekom hält solange auch den Trafficzähler an.

Wer hingegen das Angebot eines Konkurrenten wie Simfy oder Rdio nutzt, muss sich die Musik am Besten im heimischen WLAN aufs Handy laden. Die eingeschränkten Datenkontingente spielen nur für Kooperationspartner keine Rolle.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Torsten Kleinz

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Torsten Kleinz ist freier Journalist und Blogger aus Köln. Seine Kernfrage: Was macht das Netz mit uns und was machen wir mit dem Netz?
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13 Kommentare

  • hase
    25.09.2012, 15:39 Uhr.

    Dies Datenbeschränkungen sind dermaßen lächerlich! In anderen europäischen Ländern gibt es 1GB Traffic für 1€. Da kann man das “Angebot” der hiesigen Anbieter nur als Ausbeute betrachten.

  • Daniel
    25.09.2012, 17:14 Uhr.

    Sehr guter Blog,

    die ganzen Datenpaket-Flatrates sind wirklich ein Witz. Ein Smartphone zu besitzen, bei dem man nach ein paar gesehenen Videos auf 64kb reduziert wird? Mobilität sieht anders aus und die Anbieter können sich schämen, dass diese Datenpakete so minimal klein oder so unheimlich teuer sind…
    Willkommen im Jahr 2012

  • c0r3nn
    25.09.2012, 17:28 Uhr.

    Aus diesem Grund brauchen wir in Deutschland endlich eine gesetzlich geschützte Netzneutralitaet und die Abschaffung der WLan-Störerhaftung.

    Alternativ: Bundesweite Freifunk-Initiativen

  • Knox
    25.09.2012, 19:15 Uhr.

    Diese Datenpaket-Flatrates sind meist viel zu teuer und können bei kleineren Datenpaket-Flatrates oft genug nicht einmal den EMail-Verkehr decken.
    Ich frage mich allerdings, ob zu dem High-Speed-Traffic den man kauft, also in diesem Fall dem 1GB in LTE Geschwindigkeit, auch Datentraffic gezählt wird, der womöglich nur in UMTS- oder auch in EDGE verbraucht wird…???

  • Florian
    25.09.2012, 20:48 Uhr.

    Ich finde das Vorgehen ähnlich gruselig. Ich habe meine 200MB nach spätestens 4 Tagen aufgebraucht…

    Leider ist im Beitrag ein Fehler drin: Auch Festnetz Leitungen werden gedrosselt. Beispielsweise drosselt die Telekom ihr FTTH-Angebot nach 300GB bzw 400GB (je nach Tarif von 150mbit oder 200mbit) auf ISDN Geschwindigkeit, 64kbit.

  • silberdistel
    25.09.2012, 21:47 Uhr.

    Zeichen der Zeit: Hütchenspielertricks und Verarsche überall wo man nur hinschaut.

  • Niedermeyer
    25.09.2012, 22:30 Uhr.

    Besonders toll sind ja auch die beworbenen Tablets und Smartphones, mit denen man laut Mobilfunkanbieter ja so tolle Dinge veranstalten kann, wie Fussballspiele live ansehen, Internetradio, Videos ausleihen und ansehen oder MP3 kaufen.

    Wer nur einen Bruchteil davon versucht, der ist mit seiner 200 MB “Flatrate” bereits nach wenigen Minuten Video am Ende seines Monatsbudgets. Selbst mit “großzügigen 5 GB” kommt man bestenfalls zu drei Tatort-Folgen. Das Ergebnis ist, dass man nur seine E-Mails abruft und den Rest am heimischen PC erledigt. Tolle neue Mobilwelt!

    Und jetzt noch die Krönung der Kundenverblödung: LTE. Eigentlich eine gute Idee, aber dass man dafür Aufpreis bezahlen soll und noch nicht einmal ein anständiges Monatsbudget von 100 GB oder mehr bekommt ist eine Unverschämtheit. Was nutzt mir also LTE? Nichts, da ich nach wenigen mein Kontingent verbraucht habe, falls ich nicht Opfer von Drosselung durch die Gegenstelle oder der Übertragung werde, wie man das häufig bei Videos erlebt.

    So hängen bei 100 MBit Kabel oder VDSL-Anschlüssen die Videos, da irgendwer auf dem Weg zu mir die Priorität runtergesetzt hat. Eine Liveübertragung mit Hängern trotz LTE und VDSL sind normale Zustände. Netzneutralität ist leider nur ein Wunschtraum.

    Also verzichte ich wieder auf LTE und nutze mein HSPA, mit dem ich zum Leersaugen des Kontingents einige Minuten länger brauche. Übrigens bekomme ich von Mobilcom (mit Telekom Hotspot und Telekom-Netz) für 12 € im Monat oder bei O2/Lidl für 15 € im Monat 5 GB.

    Die Telekom nimmt für 3 GB Normalspeed plus 1 GB LTE 49,95. Wer diesen Blödsinn mitmacht, der benutzt auch Kartenmaterial von iOS6.

  • tim
    25.09.2012, 23:21 Uhr.

    und wer auf dem land wohnt, kann es garnicht nutzen.
    sowas (ohne hinweis) zu verkaufen sollte verboten werden. wo bleibt der verbraucherschutz. eine flatrate bedeutet: rund um die uhr mit highspeed downloaden, nichts sonst.

  • Helga Karl
    26.09.2012, 06:29 Uhr.

    Informativer Beitrag. Ich stimme tim zu: Wieder ein Beispiel, warum Verbraucherschutzpolitik nötig ist. Damit gesetzlich dafür gesorgt wird, dass Anbieter zumindest verständlich erklären müss(t)en, welche Leistung der Kunde für das Geld erhalten wird und welche eben nicht.

  • Bob
    26.09.2012, 10:16 Uhr.

    @Tim der eigentliche Grund warum die LTE-Frequenzen ans Netz gehen sind genau die Leute, die auf dem Land wohnen und aktuell kein Highspeed Internet genießen können. Aktuell wird das Netz allerdings noch aufgebaut aber in naher Zukunft wird man auch auf dem Land eine bis zu 50 MBit schnelle Internetverbindung haben. Dass man allerdings aktuell noch keinen Hinweis darauf gibt, dass es noch nicht überall LTE gibt, ist definitv nicht OK und daher gebe ich dir in dem Punkt auch vollkommen recht.

  • Dirk Kramm
    27.09.2012, 14:37 Uhr.

    Der beitrag ist in einem Detail falsch bzw. irreführend: Mensch bekommt das LTE-Volumen (ob nun 300MB, 1 oder 2GB) ZUSÄTZLICH zum UMTS-(HS[D]PA)Volumen DAZU. D.H., wenn das LTE-Volumen aufgebraucht ist, fällt man auf UMTS (je nach Netzbelastung und Gerätefähigkeit bis zu 50 MBit/s) zurück. Dafür hat mensch dann nochmal bis zu 5GB (mit zusatzoptionen und “Starfzahlung” für besonders viel Internetnutzung) und ERST DANN fällt man auf die erwähnten 64 kBit/s zurück! So genau muss das schon dargestellt werden.

    Dass das LTE-Volumen aber ein Witz ist, ist unbestritten richtig und eine Farce (oder Skandal)!

  • Jens
    30.09.2012, 23:06 Uhr.

    Erst einmal Zustimmung: Das mit den begrenzten Flatrates ist doof.

    Aber der Begriff der 80 Sekunden-Flatrate ist doch etwas irreführend. Denn wenn ich jetzt beispielsweise eine Webseite mit 1 MB Größe auf meinem LTE-fähigen Endgerät herunterlade, dann beträgt deren Größe immer 1 MB. Egal ob ich in EDGE-Land bin oder in den wenigen LTE-Städten.

    Um also sein Inklusivvolumen mit LTE so schnell zu verbrauchen müsste man schon sehr große Dateien (Torrents? Linux-Distributionen?) herunterladen, was jetzt nicht der Standard-Anwendungsfall ist.

    Schlußendlich bekommt man meines Wissens bei der Telekom bei Nutzung der LTE-Option (100 mbit/s + Verdopplung Volumen) kein spezielles LTE-Volumen, sondern das normale Volumen wird verdoppelt. Ob das nun via LTE, HSPA oder UMTS abgerufen wird, ist dabei meines Wissens egal.

  • Droid Boy
    30.09.2012, 23:13 Uhr.

    Ich denke auch: Je schneller das Internet, desto mehr Volumen braucht man, denn die meiste Zeit wartet man auf die Daten. Was nun wenn das Warten wegfällt? Du surfst schneller und verbrauchst auch mehr Daten. Nicht pro Seite, aber pro Stunde.

    Deutlich wird das aber erst, wenn man LTE hat, und das ist wie gesagt ja nur in wenigen Städten verfügbar.

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