Glitch-Art: Die Ästhetik des Fehlers

Auch ein Glitch: Fehler bei der Videoübertragung eines Außeneinsatzes an der ISS (Quelle: Screenshot nasa.gov)
Wenn der Upload eines Bildes bei Flickr fehlschlägt und nur Fragmente des ursprünglichen Fotos auf der Plattform zu sehen sind, dann nennt das der Künstler Scott Fitzgerald einen “happy accident”, einen glücklichen Zufall. Bizarre Farben und Verzerrungen, die durch Fehler im Datenstrom von Systemen auftreten, sind für ihn kein Defekt sondern Kunst: Glitch-Art.
Glitch bedeutet soviel wie Panne oder kleine Störung und wird seit Jahrzehnten von Elektro- und Computertechnikern als Bezeichnung für eine Fehlschaltung in einem System benutzt. Das kann ein Software-Problem sein, eine falsche Eingabe oder ein Übertragungsfehler. Glitch-Künstler interessieren sich aber nicht nur für die rein technische Erklärung, sondern mehr für das Ergebnis.
Glitches verändern Farben und Formen eines grafischen Interfaces, die eines digitalen Bildes oder physikalische Eigenschaften eines Computerspiels. Was dann für den Nutzer auf den ersten Blick meist ärgerlich ist, das ist für die Künstler Glitch-Art in ihrer reinsten Form: Die sogenannten “true glitches”.
Immer mehr “echte Fehler”
Das Besondere an den “true glitches” ist, dass sie mit der immer weiter fortschreitenden Entwicklung und Verbreitung der digitalen Technik auch immer häufiger auftreten. Sie gehören zum Alltag. Sei es eine verzerrte Stimme in einem Skype-Telefonat oder eine Bildstörung beim digitalen Fernsehen. Jeder kennt sie, jeder hat sie schon mal erlebt. Manche Glitches aus längst vergangenen Zeiten, wie beispielsweise die im Internetexplorer 6, führen beim Wiedersehen schon fast zu nostalgischen Gefühlen.

Glitch: Fehler bei der Videoübertragung eines Außeneinsatzes an der ISS (Quelle: Screenshot nasa.gov)
Die Glitches sind aber nicht die Darstellung des genauen Fehlers und auch nicht der Fehler im System selbst, sie sind nur das zufällige Ergebnis der Störung und entwickeln dadurch eine völlige neue und eigene Ästhetik. Diese unberechenbaren Formen nennt Scott Fitzgerald “die Seele in der Maschine” und die Künstler und Theoretiker Hugh S. Manon und Daniel Temkin sehen darin die “Wildnis im Computer”, wie sie in ihren Notes on Glitch schreiben.
Künstler als Kuratoren von Glitch-Art
Nach dieser Wildnis jagen die Künstler Antonio Roberts und Jeff Donaldson sozusagen in freier Wildbahn: Sie sammeln true glitches in ihrem Projekt Glitch-Safari. Das kann ein defekter Bildschirm am Times Square sein oder eben ein Übertragungsfehler im Fernsehen.
Der New Yorker Glitch-Artist Phillip Stearns dagegen sammelt nicht nur, sondern stellt auch selbst Glitches her. Für ihn ist das beispielsweise das elektronische Manipulieren einer Digitalkamera oder das Entdecken von versteckten Welten in technischen Geräten. Die Bilder, die solch eine Kamera dann macht, zeigen eben nicht mehr die uns bekannte reale Welt, sondern eine abstrahierte, virtuelle Variante davon.
Stearns hat 2012 zum Year of the Glitch erklärt und stellt jeden Tag selbstgeglitchte oder gefundene Bilder, Videos oder Sounds online. Nun führt er die virtuellen Fehler-Werke aber auch in die analoge Welt zurück – als Textilien. Momentan läuft eine Kickstarter-Kampagne mit dem er Glitches zu Teppichen weben will.

Glitch: Fehler bei der Videoübertragung eines Außeneinsatzes an der ISS (Quelle: Screenshot nasa.gov)
Nicht nur die vielen Unterstützer der erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne zeigen, dass die Ästhetik der Glitches im Mainstream angekommen ist. Der Musiker Kanye West ließ sich ein Video in Glitch-Optik produzieren und der renommierte Künstler und Kunstprofessor Mark Amerika eröffnete vor kurzem das Museum of Glitch Aesthetics im Internet.
Es scheint, als würde der Glitch ein Gegengewicht setzen in einer Welt, in der alles immer schneller, hochaufgelöster und perfekter sein muss, sozusagen in der photogeshopten virtuellen Realität. Glitch ist ein Störfaktor, der den Betrachter aus der schier endlos ansteigenden Flut von Bildern und Kommunikation reißt. Ob durch einen Künstler produziert oder durch Zufall, der Glitch ist wie das Déjà Vu im Film Matrix das sagt, dies ist nicht die echte Welt.
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3 Kommentare | 16. September 2012 | 10:04 Uhr |
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psychedelic
Ich setzte seit 2 Jahre Glichies aus dem DVB-T Empfang als Tusch – und Ölbilder um und auch als Videoarbeiten mit neuer Tonspur (siehe u.a. “Up to the Stars – terrestic Invasion” von 2011).
Gruß,
Tilman Küntzel