Fahrpläne für jeden: Open Data vs. Deutsche Bahn

Zur Not auch ohne Erlaubnis: Open Plan B hat die Daten von 300.000 Bahnhöfen eigenmächtig veröffentlicht. (Michael Kreil stellt Open Plan B vor; Quelle: Vimeo)

Zur Not auch ohne Erlaubnis: Open Plan B hat die Daten von 300.000 Bahnhöfen eigenmächtig veröffentlicht. (Michael Kreil stellt Open Plan B vor; Quelle: Vimeo)

Seit Mitte September sind die Fahrpläne der Bahn in Google Maps integriert. Was die Bahn mit einem eigens verzierten ICE gefeiert hat, ist für die Open-Data-Bewegung eine vertane Chance: Die Bahn sollte ihre Daten für jeden freigeben. Doch weil das nicht funktioniert, greift man auch schon mal zur Selbsthilfe.
Als einen “Schritt in die Zukunft” preist der Konzern in einem Imagevideo seine Kooperation mit Google. Das mag für die Bahn stimmen, erreicht das Unternehmen damit doch eine lukrative Zielgruppe, schließlich gehört die Navigation mit Google für Millionen Deutsche zum Alltag.

Doch eine Kooperation zwischen Großkonzernen reicht nicht jedem. “Wir kämpfen für die Offenlegung der Fahrpläne, und die Bahn arbeitet heimlich seit zwei Jahren daran, die Daten exklusiv an den Monopolisten Google weiterzugeben”, empört sich Michael Kreil, Entwicker bei Open Data City.

Fahrplandaten veröffentlicht

Anfang September hat Kreil mit der Initiative OpenPlan B eigenmächtig Daten von 300.000 Bahnhöfen der Bahn von deren Webseite abgeschöpft und für jedermann veröffentlicht.

Der Ansatz von OpenPlan B: Statt nur Auskünfte für den Moment zu geben, lassen sich die Fahrplandaten auch anderweitig sinnvoll nutzen. Zum Beispiel kann man aufzeigen, welche Stadtteile und Regionen noch zu schlecht vernetzt sind, oder Rollstuhlfahrern bessere Informationen bieten, wie sie mit der Bahn an ihr Ziel gelangen. Auch eine Offline-Auskunft ohne teure Datenverbindung wäre endlich möglich.

Bahn sieht keinen Bedarf an Freigabe

Doch die Bahn sieht derzeit keinen Bedarf. Ihre eigene App, der DB-Navigator gehe auf die Bedürfnisse von Behinderten ein, so ein Sprecher der Bahn gegenüber Hyperland. Überdies stelle man auf bahn.de zahlreiche weitere Infodienste bereit und sei für weitere Partnerschaften offen. Eine bedingungslose Freigabe der Daten will das Unternehmen aber nicht zulassen. Gäbe die Software eines Drittanbieters falsche Auskünfte, würden diese der Bahn angelastet.

Doch so sehr die Bahn auch ihre eigenes Projekt mit Google feiert, es hat deutliche Grenzen. So umfasst die Kooperation nur die Daten der Bahn, andere Verkehrsunternehmen sollen erst nach und nach integriert werden. Damit kann man zwar sehr gut herausfinden, wie man mit der Bahn von Köln nach Berlin kommt, doch wer mit U-Bahn oder Bus weiterfahren will, muss auf andere Apps zugreifen – oder warten bis Google auch mit den unzähligen anderen Verkehrsverbünden Abkommen geschlossen hat.

Schnittstellen so wichtig wie Daten

Dies ist ein mühsames Unterfangen, wie Andreas Schildbach weiß. Er hat die beliebte Android-App Öffi entwickelt, die Nahverkehrsverbindungen anschaulich und übersichtlich über Verkehrsverbundsgrenzen hinweg errechnet.

“Deutschland ist bei den Fahrplänen zersplittert”, sagt Schildbach. Zwar würden sich die Verkehrsunternehmen nicht mehr querstellen, wenn er ihre Fahrplandaten nutzen wolle – mühselig sei es aber dennoch, die vielen unterschiedlichen Datenformate zu integrieren. Denn bisher agiert fast jeder Verkehrsverbund im Alleingang und bietet eigene Fahrplan-Apps mit einem eigenen Datenformat an. Eine gemeinsame App, um deutschlandweit Fahrkarten für den Nahverkehr zu kaufen, ist nicht in Sicht.

Um solche Hürden zu beseitigen, kämpft Michael Kreil nicht nur für offengelegte Daten, sondern auch für bessere Datenformate. So habe zum Beispiel die französische Bahn eine zentrale Schnittstelle und Ansprechpartner für Entwickler geschaffen. “Und die Verkehrsunternehmen in Deutschland? Sie bremsen diese Innovationen aus”, erklärt Kreil.

Die Bahn reagiert verärgert

Unterdessen hat der Konzern auf die “Datenbefreiungs-Aktion” von Kreil in einem offenen Brief geantwortet. Da dieser die Datenbank aus Bahnmaterialien extrahiert und unter einer freien Lizenz veröffentlicht hat, habe er gegen das Gesetz verstoßen: “Ihre Aktion stellt […] eine absichtliche Verletzung der uns und Dritten zustehenden ausschließlichen Rechte an der Datenbank dar, weshalb wir uns vorbehalten, Sie im Wiederholungsfall zivil- und strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen.”

Damit habe sich Kreil als Gesprächspartner für die Bahn disqualifiziert. “Wir werden das Gespräch mit anderen Open-Data-Förderern suchen”, schreibt Bahn-Managerin Birgit Bohle. In einem Interview mit netzpolitik.org sieht Kreil das sogar positiv: “Endlich sucht die Deutsche Bahn das Gespräch mit Open-Data-Unterstützern.”

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

2 Kommentare | 29. September 2012 | 14:21 Uhr | Twittern | Facebook

2 Kommentare

  1. Totaler Quatsch, alles jetzt für alle offenzulegen. Dazu ist die Bahn nicht verpflichtet und wer das trotzdem macht, der macht sich doch logischerweise strafbar. Außerdem, wer ein Problem hat, soll einfach Google benutzen.

    Nilles | 29. September 2012 | 22:32
  2. Wenn die Deutsche Bahn ihre Daten als Service verkaufen möchte, ist das nur recht und billig. Allein an der Erstellung der Fahrplandaten mit all dem Abstimmungsaufwand sind bei den verschiedenen Geschäftsbereichen hunderte, wenn nicht tausende von Mitarbeitern beschäftigt.

    Aber in der Autofahrernation Deutschland ist die Deutsche Bahn ja sowieso das Horn des Ochsen, das man kneifen muss, wenn man sonst nichts weiter auf Lager zum herummeckern hat.

    ef | 29. September 2012 | 23:51