Das iPhone in der Hypemaschine Internet

So ungefähr wird es aussehen, das neue iPhone 5 (Photo: Julius Endert)

So ungefähr wird es aussehen, das neue iPhone 5 (Photo: Julius Endert)

Die Hypemaschine Internet läuft ganzjährig auf vollen Touren. Der dramaturgische Kolbenfresser droht immer dann, wenn ein neues Apple-Gerät auf den Markt kommen soll. Schon jetzt laufen Blogs und Magazine heiß, weil die nächste iPhone-Generation ansteht.

Am 12. September soll es soweit sein: Apple stellt (vielleicht) das neue iPhone 5 vor, das man dann (gerüchteweise) ab 21. September bestellen kann. Bestätigen will das niemand, Apple-Sprecher möchten noch nicht einmal das allgemeine Phänomen des Apple-Hypes kommentieren. Dabei kommt das iPhone 5 bestimmt. Und nicht zum ersten Mal: Schon im Sommer 2011 raschelte es durch den digitalen Blätterwald. Im Oktober 2011 erschien es dann wirklich, allerdings nur mit einer “4S” als Version. Diesmal sind zumindest die Anbieter vorsichtig: O2 nennt das sechste iPhone nur “das 5er” und die Telekom spricht noch vorsichtiger vom “neuen Smartphone”.

Waschweiber-Blogs für Gadget-Technik

Indes brodelt die Gerüchteküche, dafür sorgen Gadget-Blogs wie Gizmodo, engadget, ThinkGeek und ihre auf Apple spezialisierten Kollegen wie iMore und 9to5mac. Ihr Arbeitsprinzip lässt sich bösartig gesagt auf einen Nenner bringen: Möglichst viele, schnell zusammengehauene News und Reviews zu Dingen, für die sich Nerds und Geeks interessieren könnten.

Wer ein Dutzend News-Meldungen pro Tag schreiben muss, noch dazu über ein traditionell verschwiegenes Unternehmen, der muss auch zu Gerüchten greifen und aus kleinsten Ereignissen große Nachrichten machen. Wichtig ist dabei, stets der Erste zu sein. Dafür geht man auch mal ungewöhnliche Wege: So kaufte Gizmodo 2010 für kolportierte 5.000 Dollar einen iPhone-4-Prototypen, den ein Apple-Mitarbeiter angeblich verloren hatte. Inzwischen passt Apple wohl besser auf.

Doch die News-Show muss weitergehen. Daher gehört die Analyse der Stellenanzeigen von Apple längst zur Basisrecherche: Weil man dort unlängst 3D-Spezialisten suchte, wollen Gerüchte von einer 3D-Kamera im nächsten iPhone wissen. Länger und dünner soll es sein. Auch Patente stehen unter ständiger Beobachtung – aktuell das mit der Nummer 20120194448, welches das bereits bekannte iPad-Smartcover (schon für sich genommen ein Millionengeschäft) zu einem biegbaren Zusatz-Display macht. Sofern es eines Tages umgesetzt wird.

Frischer Treibstoff für die News-Maschine

Für regelmäßige News sorgen auch Lecks bei asiatischen Zulieferern. Die müssen rechtzeitig mit der Produktion von Bauteilen oder Zubehör beginnen, damit künftige iPhone-5-Besitzern möglichst früh auch Extras shoppen können. Dafür benötigen Sie Daten wie äußere Abmessungen und die Position von Kameralinse, Buchsen und Bedienknöpfen. Gesichert sind ihre Erkenntnisse natürlich nicht – unter Umständen handelt es sich nur um Erfindungen, um schnell bekannt zu werden. Denn mit Apple-Gerüchten kann man zu schnellem Ruhm gelangen.

So wie der japanische Smartphone-Reparaturdienst ilab.cc. Der schusterte Ende Juli auf seiner Website publikumswirksam ein “iPhone 5″ aus mutmaßlichen Ersatzteilen zusammen. Seitdem gilt eine neue, dünnere und länglichere Bauform mit größerem 4-Zoll-Display als ausgemacht. Einen Größenvergleich wagte digi.it.sohu.com, ebenfalls auf Basis eines Dummys. Und am 30.8. machte eine verschwommen abgeknipste Platine die Runde, die belegen soll, dass im sechsten Apple-Handy ein A6-Prozessor arbeitet.

Und sogar Apple-Chef Jobs selbst soll die Medienwelt mit falschen Informationen genarrt haben. So verbreitete das Wall Street Journal Anfang 2010 vor dem Verkaufstart des ersten iPads einen zu hohen angeblichen Verkaufspreis. “Ich las den Artikel im Wall Street Journal und sagte: ah, genau diese Taktik habe ich damals für Apple benutzt. Es ist eine kontrollierte Indiskretion, ein Testballon, um die Leute neugierig auf das iPad zu machen und um herauszufinden, wie die Öffentlichkeit auf den kolportieren Preis von 1.000 Dollar reagiert”, sagte John Martellaro, ehemaliger Apple-Marketing-Manager, dem ZDF auslandsjournal.

Frei erfundene Fakten

Wird eine solche Information in die Welt gesetzt, verbreitet sie sich sofort, völlig unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Es geht gar nicht anders, denn in der brodelnden Gerüchteküche der Gadgets-Blogs schauen sich die Köche ständig gegenseitig in die Töpfe. Kein namhaftes Technik-Magazin kann es sich leisten, eine bestimmte Meldung nicht zu bringen, bloß weil man ohne Primärquelle ihren Wahrheitsgehalt nicht überprüfen kann.

Das ebnet den Weg für Desinformationen wie die der schwedischen Medienfirma Day4. Sie erfand eine asymmetrische Spezialschraube, die angeblich im nächsten iPhone das Öffnen des Gehäuses verhindert, und setzte dazu das schlecht abgeknipste Foto eines 3D-Modells in die Welt. Seiten wie cultofmac.com, softpedia.com und andere kolportierten die Story. Selbst wired.com konnte nicht widerstehen – die Geschichte einer weiteren proprietären Apple-Schikane passte einfach zu gut ins Bild.

Frei erfunden sind die meisten “Mock-ups”. Ursprünglich dienten die Attrappen dem Hersteller als Ausstellungsstück und Form-Prototyp. Inzwischen basteln Heerscharen von Photoshop-Fans an digitalen Designstudien, um die Fantasien zum kommenden Kultgerät sichtbar zu machen, und professionelle Entwürfe (wie dieser oder dieser) sind im Hypeland fast schon eine PR-Maßnahme. Gewiefte Videomacher tricksen sogar ganze Filme wie diesen, der einem ultradünnem iPhone 5 ein Laser-Keyboard samt holografischem Screen andichtet.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

2 Kommentare | 01. September 2012 | 15:57 Uhr | Twittern | Facebook

2 Kommentare

  1. Die Mobilwelt von Apple ist das neue UFO-Phänomen. Mad world kann man da nur sagen. Die Gebahren der Tech blogs ähneln mehr und mehr einem digitalen Hühnerstall. Großes Gackern über ungelegte Eier. Als wenn es irgend jemandem nützen würde, heute zu wissen, wie das Gerät von morgen aussehen wird. Passt allerdings großartig in unsere durchkommerzialisierte Welt. Status ist alles, Nachhaltigkeit könne ja die in der dritten Welt machen…

    fancyPT | 1. September 2012 | 19:56
    • Zustimmung!
      Gruß aus Eisenach

      Heinz Sahl - Eine Stimme aus Thüringen | 3. September 2012 | 09:50