Virtuelles Weltenbummeln: Sightseeing in künstlichen Welten

Landschaft aus dem Spiel: Red Dead Redemption (Quelle: Screenshot)

Landschaft aus dem Spiel: Red Dead Redemption (Quelle: http://www.rockstargames.com/reddeadredemption, Screenshot)

Auch wieder daheim geblieben? Keine Zeit für Urlaub, zu viel Arbeit, zu wenig Geld? Kein Problem. Unser Autor Jochen Dreier glaubt sowieso daran, dass virtuelles Sightseeing der Urlaub der Zukunft ist.

Die ersten Urlaubsgefühle kamen auf, als ich die Zeit an einer steilabfallenden Canyon-Klippe verstreichen ließ. Ab und zu beobachtete ich mit dem Fernglas das Spiel eines Rudels Kojoten im Tal. Die Sonne versank langsam hinter fast transparenten, aber doch leicht sandfarbenen Wolken. Im letzten Dämmerlicht zündete ich mir ein Feuer an, hörte zu wie das trockene Holz knisternd von den Flammen verschlungen wurde, lauschte in die Geräusche der Nacht und auf das leichte Schnaufen meines Pferdes.

Beinahe hätte ich vergessen, dass ich doch eigentlich auf dem Weg war, ein Nest voller Banditen auszuräuchern, die irgendwie was mit der Entführung meiner Familie zu tun haben sollten und sowieso wollte ich doch ein weiteres Level in der “Scharfschützenherausforderung” aufsteigen. Das hier war kein Urlaub am Grand Canyon, es war das Computerspiel “Red Dead Redemption” und ich hatte gefälligst zu spielen – oder etwa nicht?

Offene Welten laden zum Verweilen ein

Immer mehr Spiele werden in sogenannten “Open Worlds” angelegt, die mir als Spieler nicht nur völlige Bewegungsfreiheit in einem riesigen Gebiet geben, sondern mich auch nicht ständig dazu anhalten, die Story zu verfolgen. Ich kann entweder geradeaus alle Missionen erfüllen – oder eben wie in Red Dead Redemption – einfach nur durch die Landschaft reiten, Flüsse, Seen und Gebirge bereisen oder mich in einen ratternden Zug setzen und die Landschaft an mir vorbeiziehen lassen.

Eine der vielen Welten aus Minecraft (Quelle: westeroscraft.com/press.html)

Eine der vielen Welten aus Minecraft (Quelle: westeroscraft.com/press.html)

Ist es beim Cowboy-Spiel Red Dead Redemption die von den Profis aus dem Rockstar-Studio so wunderbar gestaltete Tier- und Pflanzenwelt, so ist es bei Minecraft, dem achtbesten jemals verkauften PC-Game, die unfassbare Größe und Kreativität einer kollektiven Schöpfung aller Spieler.

In den unzählbar vielen Welten von Minecraft haben, alleine oder in Gruppen, internationale Spieler so faszinierende Landschaften und Bauwerke erschaffen, dass eine Liste mit sieben Welt-, pardon, Blockwundern nicht ausreichen würde, sie aufzuzählen. Allerdings sind alle Minecraft-Welten zusammen achtmal so groß wie die Oberfläche der Erde und somit unmöglich in einem Menschenleben komplett zu bereisen.

Reiseform der Zukunft

Deswegen muss man sich eben bestimmte Orte heraussuchen. Zum Beispiel den Server der “Game of Thrones”-Fans, die sich die Aufgabe gestellt haben, alle Burgen und Festungen aus der gleichnamigen Buch- und der Fernsehserie nachzubauen. Auch das maßstabgetreue Modell des Raumschiffs Enterprise, welches ein verrückter Baumeister alleine aus den virtuellen Blöcken zusammenbastelte, ist ein Besuch wert. Architekturfreunde können sich an hunderten von modernen Hausentwürfen erfreuen, die wohl sogar Frank Lloyd Wright, dem Architekten des Guggenheim-Museums in New York, ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hätten.

Der Autor Ernest Cline sieht in seinem Roman “Ready Player One“ das virtuelle Weltenbummeln gar als vorherrschende Reiseform der nahen Zukunft. Denn in der Romanwelt ist die Weltwirtschaft durch den Mangel an fossilen Rohstoffen zusammengebrochen, womit Reisen für den größten Teil der Erdbevölkerung ein unerschwinglicher Luxus geworden ist. Und so lenkt sich die Menschheit von ihrem harten, ärmlichen Leben ab, in dem sie sich mit speziellen Brillen und Handschuhen in ein riesiges virtuelles Paralleluniversum einloggt – in die OASIS.

Ich dagegen lasse das Feuer verglühen und lege mich schlafen – gespannt darauf, was der morgige Tag bringen wird. Vielleicht finde ich dann Zeit, die Banditen zu fangen und endlich meine Mission zu erfüllen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

4 Kommentare | 14. August 2012 | 14:31 Uhr | Twittern | Facebook

4 Kommentare

  1. Sicherlich ist eine solche virtuelle Welt faszinierend und es ist spannend zu sehen, was eine Community erschaffen kann. Ich bevorzuge da jedoch lieber einen realen Trip in die Welt!

    Werner | 15. August 2012 | 11:44
  2. Leider bieten virtuelle Welten derzeit nur audiovisuelle Reize. Ohne die anderen drei Sinne anzusprechen, machen virtuelle Ausflüge, wenn überhaupt, nur kurzfristig Spaß.

    Dann doch lieber richtiger Urlaub, wo man Palmen riecht, Salzwasser schmeckt und mit den Händen im Strand gräbt.

    Reime Freund | 15. August 2012 | 12:16
  3. Open-World-Spiele sind durch ihr Konzept perfekt für virtuelle Reisen geeignet… was mir aufgefallen ist: Auch Egoshooter wie Battlefield und andere fallen durch sehr gute Grafik und weitläufige Landdschaften auf. Allerdings ist hier aufgrund des Genres kaum Zeit zum Verweilen, was teilweise fast schon schade ist.

    Frank | 15. August 2012 | 12:16
    • Julius Endert

      Sehr geehrte Frau Susi bibelmaus,
      vielen Dank für Ihre zahlreichen Kommentare. Den Teufel hier anzuführen und
      regelmäßig Bibelverse in den Kommentaren zu zitieren, dass ist hier nicht der richtige
      Ort. Hyperland ist ein weltanschaulich und politisch neutrales Blog und soll es auch bleiben.

      Ich bitte, dieses in Zukunft zu beachten und freue mich auf inhaltliche Kommentare,

      viele Grüße,
      Julius Endert

      Julius Endert | 15. August 2012 | 15:47