TwtrSymphony: das Twitter-Orchester

Die Musiker kommen aus aller Welt (Foto: Screenshot twtrsymphony.instantencore.com)

Die Musiker kommen aus aller Welt (Foto: Screenshot twtrsymphony.instantencore.com)

Weltweit agierende Musiker, die sich nicht persönlich kennen. Ein Komponist aus Kalifornien, von Brahms und Tschaikowski inspiriert. Eine Kommunikationsform, die nur maximal 140 Zeichen erlaubt. Daraus wurden: 140 Sekunden für ein komplettes Musikstück. Michael Chip und das Projekt “Twtrsymphony” zeigen, wie das Web 2.0-Orchester aussieht.

Am Anfang war es nur eine Idee: Ein Orchester aus Musikern zu organisieren, in dem die einzelnen Orchestermusiker über Twitter verbunden sein sollten. Am 4. März startete dann das Projekt TwtrSymphony, für das der kalifornische Komponist Michael Chip verantwortlich ist. Innerhalb weniger Wochen hatten sich rund 100 Musiker gefunden, die Teil des Orchesters sein wollten.

“Ich habe am Anfang nicht erwartet, dass unser Projekt so schnell eine so große Resonanz erfahren würde”, sagt Chip im Gespräch mit Hyperland. Schon innerhalb der ersten Wochen Stücke für die Musiker zu schreiben, die sie alleine einspielen können (sog. Vorspielstücke), sei eine Herausforderung gewesen. In nur zwei Wochen komponierte Chip dann gleich 34 verschiedene solcher Vorspielstücke.

64 Musiker aus aller Welt

Das TwtrSymphony-Orchester besteht mittlerweile aus 64 Musikern. Alle sind ehrenamtlich in dem Projekt involviert. Sie kommen aus Europa, Nord- und Südamerika und aus Australien. Viele von ihnen sind professionelle Musiker und spielen hauptberuflich in verschiedensten Orchestern und Ensembles. Unterstützt wird das Orchester noch von einem Konzertmeister, einigen Toningenieuren und vom Komponisten Michael Chip selbst.

Bislang hat das Web 2.0-Orchester zwei Stücke veröffentlicht: “Birds of Paradise” und “The Hawk Goes Hunting.” Am Ende sollen sie mit zwei weiteren Stücken zu einem symphonischen Werk mit vier Sätzen und einer Gesamtlänge von 9 Minuten zusammengefügt werden. Beide bislang veröffentlichten Werke lassen sich auf der Homepage des Orchesters kostenlos anhören. Sie zeigen, dass sich das Ensemble qualitativ nicht vor klassischen Orchestern verstecken muss.

Orchesterproben mit 140 Zeichen

“Unsere Kommunikation findet über Twitter statt. Dort teilen die Musiker mit, wenn sie mit dem Einspielen fertig sind, Anregungen und Kritiken werden ausgetauscht und Neuheiten kommuniziert. Wir sind kein Orchester, das gemeinsam in einem Saal sitzt und gemeinsam probt, bis das Stück sitzt. Jeder Musiker bekommt von mir seine Notenspur, die er dann selbstständig zu Hause einübt und aufzeichnet”, sagt Michael Chip. Das mache es besonders schwierig, einen gemeinsamen Klang zu finden.

Der Komponist sieht einen klaren Vorteil in dem Konzept des Web 2.0–Orchesters: “Musiker, die – eben auch aus geografischen Gründen – nie zusammenspielen würden, nehmen plötzlich gemeinsam Musikstücke auf und tauschen sich dabei gleichzeitig aus. Das ist eine gute Sache.”

Herausforderungen des Web 2.0

Während Michael Chip in der Kommunikation über Twitter keine Probleme sieht, findet er die größte Herausforderung in dem selbst aufgelegten Zeitlimit für jede Symphonie von 140 Sekunden: “Es ist extrem schwierig in 140 Sekunden eine Symphonie zu komponieren, bei der eine so große Anzahl an Musikern interessante Einsätze haben sollen. Es kann nicht für jeden Musiker Solo-Einsätze geben, aber ich versuche bei der Komposition darauf zu achten, dass jeder Musiker auf irgendeine Art brillieren kann. Außerdem sollen die Stücke mehrere Schichten haben, was wahrlich nicht einfach ist bei einer Länge von 140 Sekunden.”

Die Musik werde durch das TwtrSymphony-Orchester in ihre Kernelemente destilliert. Genauso, wie Twitter es mit der Kommunikation mache. Beschränkt auf 140 Zeichen müsse man auch überlegen, was man genau mitteilen wolle. Die Musik des Web 2.0-Orchesters sei ähnlich: “Ich habe nicht den Luxus, ein einminütiges Intro für das erste Thema zu komponieren”, sagt Chip.

“The Hawk goes Hunting”, das erste veröffentlichte Stück des Orchesters, ist dafür ein Beispiel. Für Musikkenner erklärt Chip die Struktur: Das Stück in der Sonata-Allegro-Form sei klassisch aufgebaut: Intro, Entfaltung (zwei Themen), Entwicklung, Wiederholung und Coda – alles in 140 Sekunden. Die dritte Bewegung ist “Tremulando Danca”, eine Kombination aus Scherzo, Menuett und Trio. “So habe ich klassische Formen in die Bewegungen der Symphonie eingebaut als anerkennende Geste für die großen Meister Haydn und Beethoven, gleichzeitig aber trotzdem etwas Neuartiges geschaffen”, sagt Michael Chip.

Neues Medium – neue Hörer

Wie Chip erklärt, sei es ein Ziel des Projektes neue Hörer, die eigentlich nichts mit der Welt der klassischen Musik zu tun haben für ebendiese zu begeistern. “Wenn wir es schaffen, Menschen zum Anhören der Stücke zu bewegen, die keine Fans der klassischen Musik sind, dann können Orchester und Komponisten weltweit von unserer Popularität profitieren”, meint der Komponist.

Um dies zu garantieren, ist das Orchester nicht nur bei Twitter vertreten, sondern auch bei Facebook, Tumblr, Youtube und InstantEncore.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

1 Kommentar | 23. August 2012 | 13:45 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. Coole Sache.

    Erick Meyer | 27. August 2012 | 16:24