“Pussy Riot”, der Kreml und die Kirche – heftige Dispute im Netz

 

Proteste in Berlin gegen die Inhaftierung der Punk Band (Foto: NiceBastard, CC BY NC SA 2.0; Quelle: Flickr)

Proteste in Berlin gegen die Inhaftierung der Punk Band (Foto: NiceBastard, CC BY NC SA 2.0; Quelle: Flickr)

Vor Gericht wurden die drei jungen Frauen in einem Käfig vorgeführt: Die Mitglieder der Gruppe “Pussy Riot” müssen sich für ihr “Punk-Gebet” Ende Februar am Altar einer Moskauer Kirche verantworten. Die Reaktion im Netz auf den Prozess fallen heftig aus – aber auch die Aktion selbst löst Proteste aus.

Zuerst entfachte ein Video der Anti-Putin-Aktion seitens vieler christlich-orthodoxer Gläubiger eine Welle der Empörung im Netz. Die russisch-orthodoxe Kirche lehnt eine “Vergebung” ab, mischt sich stattdessen in die Diskussion über die “angemessene Bestrafung” ein. Nicht zuletzt deshalb verläuft die Debatte über den “Fall” mittlerweile zweigleisig: Zum einen geht es um das Verhalten des Staates und seiner Organe – zum anderen entwickelt sich ein hitziger Streit über die Rolle der Kirche in der Gesellschaft.

Der Prozess gegen die Punkrockerinnen hat am 30. Juli begonnen. Gemäß Artikel 213, II.Teil des Strafgesetzbuches Russlands werden Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch des “Rowdytums” angeklagt. Das Gesetz sieht eine Strafe bis zu sieben Jahren Freiheitsentzug für diese Straftat vor.

Tweets im Sekundentakt

Die Twitter-Einträge ratterten im Sekundentakt über die Server, nachdem mehr als einhundert russische Künstler (darunter die Schriftsteller Boris Akunin und Boris Strugatzki) und in einem offenen Brief auf “Moskowski Komsomolez” und der Internetseite von “Echo Moskwa” die Freiheit für die drei inhaftierten Bandmitglieder von Pussy Riot gefordert hatten.

Die kreative “Intelligenzija” (so “Echo Moskwa”) klagte an, dass der Punk-Gottesdienst (Video auf YouTube) im Februar 2012 in der Moskauer russisch-orthodoxen Kirche Kropotkinskaya keine kriminelle Straftat war. Russland habe eine weltliche Regierung “und daher kann keine antiklerikale Handlung, sofern sie nicht gegen einen Artikel des Strafgesetzbuches widerspricht, ein Grund für eine strafrechtliche Verfolgung sein.”

“Wir sehen nicht, dass von den drei Musikern (zwei von ihnen sind junge Mütter) eine Gefahr für die Gesellschaft ausgeht.” Zudem kompromittiere die Anklage von Pussy Riot das russische Rechtssystem und “schafft eine Atmosphäre der Intoleranz und des Radikalismus in der Gesellschaft.”

Harte Haltung der Kirche

Wieder einmal spaltet die Kirche in Russland die Gemüter – auch im Netz. Nicht so sehr die Empörung der russischen Kirche über die “Gotteslästerung” der Punk-Gruppe verstört die Netzgemeinschaft, vielmehr die starre Position, die die Geistlichen vertreten, verärgert die Menschen. Es ist die Härte gemeint, mit der beispielsweise Wsewolod Tschaplin, ein russischer Erzpriester, gegenüber NTV Journalisten versicherte: “Dank einer göttlichen Offenbarung bin ich mir sicher, dass der Herr sie dafür, was sie gemacht haben, verdammen wird. Die Sünden werden in einem nächsten Leben bestraft werden.”

Der Schriftsteller und Blogger Jewgeni Andruchow twitterte daraufhin: “Wenn Tschaplin einem Gott dient, dann ist das sicherlich kein christlicher. Christus predigte Liebe gegenüber den Feinden und nicht harte Maßnahmen.” Die Moscow Times sieht den Prozess denn auch in direkter Tradition der Hexenprozesse, mit einer Argumentation wie zur Zeit der Scheiterhaufen.

Solidarität für die jungen Mütter und Gegenproteste

Der bekennend christlich-orthodoxe russische Schauspieler Nikita Dschugurda rief über Facebook zu einem Festival vor dem Moskauer Gericht auf, um gegen die Verlängerung der U-Haft-Strafe der Musikerinnen zu protestieren. Auf Live-Journal.ru singt er, dass Pussy Riot ein “Symbol für ein neues Russland und ein Symbol für eine neue Form der Liebe” sei.

Im Gegenzug haben nun etwa 20 russisch-orthodoxe Schriftsteller einen offenen Brief gegen Pussy Riot verfasst. Nach Ansicht der Verfasser hätten die Musikerinnen mit ihrem Auftritt in der Kirche “zum wiederholten Male ihre innere antichristliche Wesenheit, ihre aggressive unmoralische Natur und ihre antirussische Tendenz zum Ausdruck gebracht.” Die Schriftsteller, wie Valentin Rasputin oder Vladimir Krupin, fordern, dass die drei Inhaftierten unbedingt strafrechtlich für ihr Vergehen geahndet werden müssen.

Nadeschda Tolokonnikowa versicherte am ersten Gerichtstag, dass sie keine Feinde des Christentums seien, sondern lediglich von den christlich-orthodoxen Gläubigen erwarteten, “sich auch auf die Seite der antiautoritären Bürgerinitiative zu schlagen.” Aus diesem Grunde seien sie in der Kirche aufgetreten.

Weltweiter Protest

Mittlerweile löst das Vorgehen gegen die Gruppe weltweite Proteste aus und kristallisiert sich im Netz unter den Hashtags #FreePussyRiot und #pussyriot. Eine Chronologie der Ereignisse und die neusten Entwicklungen werden unter www.freepussyriot.org (@freepussyriot auf Twitter) veröffentlicht.

Die Inhaftierung wird international als Symbol für den Aufstand der Künstler gegen die politische Unterdrückung in Russland gewertet. Amnesty International bezeichnet das Vorgehen gegen die Musikerinnen als politischen Prozess und protestiert gestern vor der russischen Botschaft in Washington sowie in Berlin und rief zu “Appellen an den Staatsanwalt des Zentralbezirks Moskau” auf. Die Menschen sollen Protestmails, Faxe oder Luftpostbriefe nach Moskau schicken. Und auch die SPD unterstützt auf Facebook die Aktionen, die zur Freilassung der Bandmitglieder führen sollen, ebenso wie die Grünen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

5 Kommentare | 01. August 2012 | 13:16 Uhr | Twittern | Facebook

5 Kommentare

  1. Grüß Gott Susi

    leser | 2. August 2012 | 07:04
  2. Leser, Du bist echt ein ganz lustiger Typ, stimmts?

    Ich finde, Susi hat Recht.

    Aber, Kirche hin oder her, man muss sich mal vorstellen, dass zwei von den Dreien junge Mütter sind, deren Kinder ihre Mütter 5 Monate nicht zu Gesicht bekommen haben. Und das in Russland!! Die demografische Entwicklung scheint da ja noch katastrophaler zu sein als in Deutschland und Mütter sind in Russland doch die am meisten respektierte Gesellschaftsschicht. Es gehört ein gewaltiges Maß an Perversion dazu, einfach aus dem Grund, politische Macht zu demonstrieren, jünge Mütter (die nicht einmal gegen das Gesetz verstoßen haben) hinter Schloss und Riegel zu bringen. Arme Welt.

    Peter Wiedenhagen | 2. August 2012 | 13:01
  3. Es ist fürchterlich.
    Wenn ich mir ,vorstelle, 5 Monate als Vater von meiner kleinen Malina (11 Monate) getrennt zu sein – ich würde sie ja nicht wiedererkennen.
    Und das wegen einer Punkkonzert-Aktion in einer Kirche. In einem zivilisierten, menschenfreundlichen Land reicht dafür eine Ordnungsstrafe oder 20 Tagessätzen. Wegen Respektlosigkeit vor der Kirche, wen jene es verlangt.
    Hier wird Staatsterror gegen die Menschen ausgeübt. Mutterfolter: das schlimmste ist, das Kind so lange nicht zu sehen.
    Unglaublich. Putin, Du bist ein A.
    Damit habe ich persönlich jeglichen Respekt oder Achtung vor dieser russischen Regierung/”Rechtssystem” verloren. Jungen Müttern ihre Kinder entreißen. Wer selber Kinder hat, weiß, was das bedeutet.

    Heinrich

    Heinrich-Der-Seefahrer | 4. August 2012 | 21:21
  4. Muss das fortsetzen:
    Wie labil, unsicher und abgehoben muss eine herrschende Schicht sein, wenn solch eine politisch-kirchliche Provokation zu 5 Monate Trenung von jungen Müttern von ihren Kindern per U-Haft führt?
    Ihr habt doch so gut wie keinen Rückhalt mehr beim einfachen Volk. Putin – Schröderkumpel.
    Dann stell’ Dich doch endlich mal der Kritik der Volksgenossen am System!
    Aber nein, Ihr arbeitet weiter mit dem System Stalins. Kritiker mundtot machen, alle Macht dem Zaren und seinen willfährigen Vasallen.
    Ok, Russland tickt anders – da prügelt der eine milliardenschwere Ogligarch schonmal den anderen vor laufender Fernsehkamera vom Stuhl, bloss weil jener dem ersteren als sprachlich “sehr aggressiv” erschien. Er hätte ihn einfach “neutralisiert” weil er nicht als erster Schläge einstecken wollte, und sich von ihm bedroht fühlte.

    Mensch, dann haut mir doch einfach präventiv eine Atombombe auf den Kopf, wenn Ihr befürchtet, dass ich noch sowas schreibe! Und allen, die dem russischen Zaren -Reich eventuell was am innenpolitisch-intoleranten Zeug von außen zu flicken haben.
    Aber verdammt, lasst diese armen Punkerinnen frei.
    Das ist doch ein lächerliches Trauerspiel. Bringt doch lieber euer Armuts- und Perspektivlosigkeitsproblem, die gesellschaftliche Schere zwischen: superreich und ganz arm und von der Gesellschaft vergessen – in den Griff.
    Statt Systemkritikern wie diesen jungen Punker-Mädchen mit einer Kindesentzugsfolter so dermaßen an die Eingeweide zu gehen, dass man sich schämen muss, wenn Putin noch nach Europa kommen darf.

    Heinrich

    Heinrich-Der-Seefahrer | 4. August 2012 | 21:49
  5. Schade, dass die Girls von Pussy Riot offensichtlich keine Freunde bei den russischen Anonymous-Hackern haben. Denn hätten sie solche Freunde, wäre Putin (und die russischen Behörden) schon längst kaputt…

    hacki | 7. August 2012 | 12:35