“Berlin – Tag & Nacht” und der Aufstieg des Social-TV
“Berlin – Tag & Nacht” ist die bisher größte Erfolgsgeschichte des Social-TV. Gestartet im September 2011, sollten eigentlich nur 120 Folgen der Serie gedreht werden und am Anfang sah es so aus, als könnte es sogar vorher schon vorbei sein. Doch gegen Ende des Jahres kam der Erfolg rasant. Mittlerweile hat die Facebookseite weit mehr als zwei Millionen Fans, von denen im Schnitt fast 700.000 täglich auf der Seite aktiv sind. Klar ist: Social Media wird für TV-Sender immer wichtiger, das Verschmelzen von Sendung und Social Web wird zum wichtigen Teil des Sendekonzepts.
In der RTL 2-Serie “Berlin – Tag & Nacht” geht es um eine Gruppe von Freunden – zuerst acht, mittlerweile um die 20, die in der laut Selbstbeschreibung “geilsten WG der Hauptstadt” leben. Die Bewohner sind ausschließlich jung, die meisten von ihnen Wahl-Berliner und in ihrem Leben “geht es ab wie Luzie.” Was anmutet wie eine Reality-Doku ist keine. RTL 2 beschreibt das Format als “Realtainment”, die akkuratere Bezeichnung wäre wohl Pseudo-Doku-Soap. Schauspieler mimen die fiktiven Charaktere und die Szenen stammen nicht aus dem wahren Leben, sondern aus dem Drehbuch.
Fiktive Charaktere werden zu Facebook-Freunden
Der Reality-TV-Anschein wird auch auf der Facebook-Seite gewahrt. Hier findet man Einträge der Charaktere, die täglich Szenen aus ihrem pesudo-realen Leben kommentieren und Fotos und Videos hochladen. Was die Serie so erfolgreich macht, ist Partizipation und die Interaktion zwischen Darsteller und Zuschauer, wobei letztere nur parasozial ist – also scheinbar. Erreicht wird dieser Effekt durch die vermeintlich realen Charaktere, die auf der Facebook-Seite und ihren Profilen von ihrem scheinbar “echten” Leben berichten. Die Serie wird in das eigene Sozialleben integriert, den Figuren werden Ratschläge erteilt und Trost gespendet.
Die Zunahme der Fans auf der Facebookseite ist enorm. Anfang Dezember waren es noch 500.000 Likes, Mitte Dezember schon 740.000, täglich werden es bis zu 15.000 mehr. Zusätzlich haben die einzelnen Figuren eigene Facebook-Fanseiten mit tausenden Fans. Andere Erfolgsserien wie “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” können da nur neidisch zu- und abgucken.
Social Media als Tool der Zuschauerbindung zu nutzen, scheint sich bezahlt zu machen. Auch der Marktanteil der Serie steigt immer weiter. Anfang August hatte sie 920.000 Zuschauer in der werberelevanten Zielgruppe – das entspricht einem Marktanteil von 14,2 Prozent. In der ersten Sendewoche im September 2011 waren es im Vergleich dazu nur 4,4 Prozent.
Auch der erst im August 2011 gestarteten Mediathek des Senders “RTL II Now” hat die Soap einen großen Aufschwung beschert. Die Folgen der zweiten Augustwoche wurden zwischen 700.000 und mehr als 1,5 Millionen Mal angeklickt.
Social-TV als Erfolgsstrategie
Die Agentur Goldmedia ist die ersten, die den Erfolg von Fernsehformaten in sozialen Netzwerken in Zahlen darstellt. Anhand der Nutzerzahlen von Facebook ermitteln sie wöchentlich die Beliebtheit von Fernsehsendungen im Social Web. Ausschlaggebend für die Analyse sind die Anzahl der Fans und prozentual dazu die Anzahl der neuen Fans, sowie deren Aktivität, d.h. die Anzahl der verfassten Kommentare und Likes. In Zusammenarbeit mit dem Fachjournal Meedia gibt es wöchentlich eine Hitliste. Seit der ersten Veröffentlichung am 14. Juni führt “Berlin – Tag & Nacht” jede Woche von Neuem die Liste an. In der vergangenen Woche (06.08.-12.08.) hatte das Format die gigantische Zahl von 696.180 aktiven Fans. Auf Platz 2 der Liste folgte “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” mit gerade einmal 46.000 aktiven Facebook-Fans. Das Erstaunliche ist also nicht nur die unglaublich große Zahl der Fans, sondern auch die Tatsache, dass mehr als 32 Prozent von ihnen auf der Seite aktiv sind.
Vielleicht ist “Berlin – Tag & Nacht” das erste Beispiel dafür, dass nicht nur Fernsehzuschauer ihre Lieblingsformate im Web verfolgen, sondern dass es auch andersrum funktionieren kann und Facebook eine Sendung erst zum Quotenerfolg macht.
Facebook-Auftritte der Sender und Sendungen unterscheiden sich momentan allerdings sehr. Bislang verfügen überhaupt nur 45 Prozent der deutschen Fernsehsendungen über eine offizielle Facebook-Seite. Die einen nutzen das soziale Netzwerk lediglich, um dort Programmhinweise zu verbreiten, die anderen lassen Zuschauer über die Sendungsinhalte diskutieren und wiederum andere Formate, wie eben “Berlin – Tag & Nacht”, haben es geschafft, Teil der sozialen Realität der Zuschauer zu werden.
18 Millionen Likes versammelt die deutsche Fernsehwelt laut Goldmedia bei Facebook auf sich, mehr als zwei Millionen davon gehen alleine an “Berlin – Tag & Nacht”. Das ist ein beachtlicher Erfolg, der die Machtverhältnisse auf dem Fernsehmarkt ins Wanken bringen könnte.
Userzahlen und Facebook-Likes könnten für Fernsehsender also bald genauso wichtig werden wie Zuschauerzahlen und Marktanteile. Und während Konkurrenzsender wie ProSieben mit “We love Lloret” versuchen, den Erfolg nachzuahmen, arbeitet man bei RTL 2 offenbar bereits an einem “Tag & Nacht”-Ableger in Köln.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
2 Kommentare | 19. August 2012 | 14:09 Uhr |
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Social-TV ist laaaangweilig
Hallo,
endlich mal eine Abwechslung in der Webwelt zu diesem Schwachsinn. Ich habe versucht, in einigen Foren und auf einigen Websites kritisch zu sein, stößte dann meistens auf Ablehnung in Form von Kommentarlöschung, oder gar nicht erst die Veröffentlichung der Kommentare.
Weiter so!
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