Asyl für Assange führt in Ecuador zu heftigen Diskussionen

Gegner und Befürworter eines Asyls für Julian Assange liefern sich im Netz einen heftigen Schlagabtausch (Foto: Screenshot Twitter AsiloA99)

Gegner und Befürworter eines Asyls für Julian Assange liefern sich im Netz einen heftigen Schlagabtausch (Foto: Screenshot Twitter AsiloA99)

Die Situation in Ecuador eskaliert: Die Ankündigung von Ecuadors Außenminister Ricardo Patiño, Julian Assange Asyl zu gewähren, sorgte binnen Sekunden im ganzen Land für eine Lagerbildung in Gegner und Befürworter. Besonders in den sozialen Netzwerken ist diese Spaltung abzulesen.

Facebook war einer der ersten Kanäle, auf dem besonders die jungen Ecuadorianer ihre Meinung mit frisch verlinkten Texten zum Thema Julian Assange äußerten. Hier schreiben die Ecuadorianer offen, was sie von Assanges “Wilkommen” in ihrem Land wirklich halten: “Ecuador stiehlt den Streit von anderen. Wir haben so viele Probleme hier, die Aktion wird unser eigenes Volk bestrafen und ist nur politische Propaganda,” so Kleber García.

“Das kann sich Ecuador nicht leisten! Wir sind nicht Chile oder England”, schreibt ein anderer. Die Angst, die außenpolitischen Beziehungen Ecuadors zu zerstören, ist im Netz omnipräsent.

“Niemand wird uns einschüchtern”

Doch auch auf Twitter wird heftig diskutiert – und hier ziehen die Diskussionen sogar noch weitere Kreise. Denn auf dem Kurznachrichtendienst sind mehr Leute aus den “Zentren der Macht” aktiv – Menschen aus der Politik und den Medien. Besonders Tweets von Präsident Rafael Correa dienen dabei als Ausgangspunkt für weitere Diskussionen: “In diesem Moment, aus der Kanzlei, wird Ricardo [Anm. d. Red.: Außenminister Patiño] die offizielle Entscheidung Ecuadors über den Fall Assange sprechen. Keiner wird uns einschüchtern!” Diese Aussage des Präsidenten kam nur Stunden, nachdem Correa gegen die lokale Presse wetterte: “[…] Wir sind in diesem Land mit den schlimmsten Leuten und der schlimmsten Presse konfrontiert.”

Dieser offensichtliche Widerspruch ist das, was die meisten Ecuadorianer so aktiv in den sozialen Netzen zur Sprache bringen. Sie können nicht verstehen, warum Correa einerseits so hart gegen die ecuadorianischen Medien vorgeht und sich andererseits als Kämpfer für die Meinungsfreiheit weltweit zeigt und eine Auslieferung Assanges an die USA um jeden Preis verhindern will.

Streit mit der nationalen Presse Ecuadors

Vielleicht ist es nötig, die Uhren ein bisschen zurückzudrehen, damit man Correas Position gegenüber den ecuadorianischen Medien genau versteht. Ein kritischer Leitartikel, veröffentlicht in der Tageszeitung “El Universo” am 6. Februar 2011, startete die Pressejagd Correas. Der Präsident sah darin eine Diffamierung seiner Persönlichkeit. Er fürchtete, dass die Ecuadorianer sich durch “unprofessionelle” Medien informieren und dadurch ein falsches Bild der Regierung bekommen.

Zwei Monate später reichten Correas Anwälte eine Klage gegen “El Universo” ein und verlangten drei Jahre Haft für die drei Herausgeber der renommierten Zeitung und den Autor des Artikels, Emilio Palacio. Dazu forderte er Schadensersatz in Höhe von umgerechnet rund 40 Millionen Dollar.  ”El Universo” wurde als schuldig befunden, Palacio ging ins Exil nach Miami.

Dieser Medienkrieg hat in dieser Woche wieder für Streit gesorgt, vor allem auf Twitterprofilen wie “Asilo Julian Assange“, auf dem ein Bild von Palacio neben Assange zu sehen ist, versehen mit dem Satz: “Die Korrupten nach Miami und die, die Wahrheit sagen, nach Ecuador!” Aber auch Kommentare, die die Zeitung unterstützen, sind auf Twitter zu finden. Der Ecuadorianer Carlos Lasso fragt den Präsidenten: “Es gibt keine Proportion zwischen Straftat und Strafe für Julian Assange. War das nicht dasselbe im Fall ‘El Universo’?”

Asyl als Propagandastrategie: Ja oder Nein?

In diesem Moment befindet sich Präsident Correa auf Wahlkampftour durch Ecuador, um im Februar 2013 erneut gewählt zu werden. Im Ausland haben die Medien ihn nach seiner Meinung über den Fall Assange gefragt und er hat wiederholt, dass das Land sich von keinem anderen demütigen lassen wird – in der ausländischen Presse antwortet er ebenfalls auf den Drohbrief Englands, die ecuadorianische Botschaft zu stürmen.

Sofort sprachen Ecuadorianer via Twitter davon, dass Correas Position für die Meinungsfreiheit gegenüber anderen Staaten wichtig ist, aber die Pressefreiheit innerhalb Ecuadors für ihn nicht den gleichen Stellenwert habe. Seine Äußerungen empfinden daher viele als Propaganda in Wahlkampfzeiten; für andere Bürger bedeutet die Haltung ihres Präsidenten aber einen Neubeginn, bei dem sich Ecuador von mächtigeren Ländern emanzipiert.

Auch wenn unklar ist, ob Assange von England nach Ecuador fliehen kann, bleiben die Assange-Verteidiger sehr aktiv im Netz und bedanken sich bei Ecuador für die unbefristete Hilfe und das Angebot, in der ecuadorianischen Botschaft in London bleiben zu dürfen.

Die ecuadorianische Moderatorin Dallyana Passailaigue twitterte: “Uns alle interessieren die Inhalte von Wikileaks, wir alle wollen wissen, wenn andere mit uns spielen. Wen sollen wir unterstützen? Für die Menschenrechte!” Assange selbst bedankte sich auf Spanisch bei der Twitterwelt: “Danke an Ecuador und an euch / Gracias a Ecuador y a ustedes.” Seine Äußerung wurde bisher fast 6.000 Mal retweeted.

von: Maria Gracia Centeno Grunauer

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

11 Kommentare | 18. August 2012 | 17:07 Uhr | Twittern | Facebook

11 Kommentare

  1. Mit der Gewährung von Asyl hat sich Ecuador nun wirklich keinen großen Gefallen getan.

    Reime Freund | 18. August 2012 | 18:12
    • Ecuador ist keine Kolonie von irgend einem anderen Land.

      Ecuador ist ein autonomaer Staat. England sollte lieber vorsichtig sein. Überall als Agressor auftretten und das größte Mundwerk haben.

      In Ecuador drohen
      In Argentinien dessen Insel besetzen,
      Im Irak die Zivilbevölkerung bombardieren
      Im Lybien die Zivilbevölkerung bombadieren
      Im Afghanistan die Zivilbevölkerung bombadieren
      In der ganzen Geschichte der Menschenheit als Kolonialist Unterdrücker, Plünderer, und Mörder auftritten.

      Glaubt England wirklich, dass irgend ein Opfer Land es jemals vergessen wird?

      Darius | 19. August 2012 | 11:40
      • Was hat das mit England zu tun?
        Es geht darum, dass Schweden Vorwürfe gegen Assange wegen sexueller Nötigung erhoben hat und England gebeten wurde, den Mann an Schweden auszuliefern.

        Stefan | 19. August 2012 | 13:16
        • hinter jeder Intrige steckt England. Schweden ist doch nur eine Marionette…

          Darius | 19. August 2012 | 20:16
  2. Im Falle Assange? Viva Equador!

    WhiteHaven | 18. August 2012 | 19:35
  3. Wer für das Asyl durch Ecuador ist, hat wohl kein Vertrauen in die schwedische Justiz, oder?

    Odin | 18. August 2012 | 21:53
    • Ganz genau, in dem Fall ist das “mit den Wölfen heulen” und zu Diensten sein!

      Peter Selter | 19. August 2012 | 06:33
      • Eigentlich eher das Gegenteil.
        Es gibt bestimmt nicht viele Staaten, die Assange ein Asyl geben würden.
        Könnte sein, das Ecuador damit politisch Aufmerksamkeit erregen und auch eventuell USA ärgern will.

        Stefan | 19. August 2012 | 13:10
  4. Der Außenminister Ecuadors heißt Ricardo Patiño und der Präsident Rafael Correa. Bitte dies im Artikel zu korrigieren.

    Peter Dieter | 19. August 2012 | 00:17
  5. Gut die Tatsachen so hingestellt als wäre der Bildungsstand der Menschen in Ecuador so niedrig, dass sie nicht unterscheiden können was Recht und was Unrecht ist.

    Es gibt immer einen Anteil an der Bevölkerung, die nicht über den Tellerrand schauen kann.

    ABER die Welt ist nicht Europa + USA + Japan!

    Die ganzen Südamerikanischen, afrikanischen, asiatischen Länder haben nicht vergessen, was der Westen mit Kolonien, mit Plünderungen, Intrigen, Enteignungen, Vergewaltigung, Massenerschießungen, Zerstörungen etc. in ihren Ländern getan haben.

    Ecuador ist nur ein Land von vielen in dem westliche Länder den Saat des Hasses gesäht haben.

    Jemand sagte mal, wenn du den Vater einer Familie vor ihren Augen tötest(Vatermörder), denkst es du etwa das dessen Kinder es jemals vergessen werden?

    In den Augen der Menschen hier ist vielleicht England ein Land wie jedes andere, aber in den Augen vieler Menschen die in die Geschichte ihres Landes blicken und aktuell schauen, ist die Monarchie England der größte Verbrecher Staat!

    Darius | 19. August 2012 | 11:32
  6. Leider verstehe ich diese ganze Entwicklung nur bedingt.
    In Schweden liegt ein Haftbefehl gegen Assange wegen des Verdachts der Vergewaltigung vor. Nachdem alle Prozesswege in England eine Auslieferung an Schweden zu verhindern erfolglos ausgeschöpft wurden, flüchtet sich Assange in die ecuadorianische Botschaft und bittet um Asyl. Es liegt derzeit kein Auslieferungsantrag der USA vor, auch keine Anklage wegen Geheimnisverrat oder ähnliches, auch wenn der Verdacht nahe läge, dass die USA einen Auslieferungsantrag stellen könnten um Assange in den USA den Prozess zu machen.
    Aus Angst und um dem zuvorzukommen hat sich wohl die Flucht in die Botschaft ergeben. Es geht momentan aber immer noch um eine Anhörung/ Prozess wegen Vergewaltigung. Knifflig sich zu äussern worum es denn tatsächlich geht. Um das was bekannt ist und geschrieben wird oder um Dinge, die möglicherweise bereits im Hintergrund ablaufen und das eigentliche Ziel sind, worüber nicht offen gesprochen wird. Ecuador meine ich, hat das Wort USA gehört, und sieht sich hier eventuell die Möglichkeit den USA, sagen wir, eins auszuwischen. Besonders gut zu sprechen ist die Regierung Ecuadors auf die USA zumindest nicht. Die Zukunft dürfte zeigen, worum es denn tatsächlich in diesem Falle ging.

    Hans | 21. August 2012 | 15:00