Wie Salafisten das Netz nutzen
Wenn Salafisten ihre Ideologie verbreiten wollen, dann brauchen sie keine geheimen Treffpunkte und keine Moschee – denn von YouTube aus lässt es sich besser predigen und in Internet-Foren umfassender diskutieren als irgendwo sonst. Zwei der Webseiten der radikal Gläubigen wurden jetzt auf Anweisung des Innenministeriums vom Netz genommen – zwei von vielen.
In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge zwischen 4.000 und 5.000 Menschen, die den Koran genau beim Wort nehmen, ihn also ultraorthodox auslegen und den historischen Kontext bewusst ausklammern. Um neue, vornehmlich jüngere, Menschen vom Salafismus zu überzeugen, verteilen sie Korane, veranstalten mehrtägige Islamseminare und nutzen verstärkt das Internet, um ihre Botschaften zu verbreiten: in Form von Texten, wie zum Beispiel ein Essay des Al-Kaida-Mitglieds Anwar Awlaki (“44 Wege, den Dschihad zu unterstützen“) oder aber durch Videos.
Laut Benno Köpfer vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg nutzen die Salafisten in Deutschland vor allem YouTube und Internet-Foren: “Die erste strikt salafistische Seite, salaf.de, existiert zwar seit 2000, aber eine breitere Bewegung gibt es erst seit 2005, als die Imame ihre Predigten filmen und anschließend auf YouTube stellen ließen. Das, was die salafistische Szene heute bewegt, wird im Forum Ahlu-Sunnah diskutiert.” Auch das Innenministerium teilt diese Ansicht und hat deswegen im Jahr 2007 das “Gemeinsame Internet-Zentrum” (GIZ) gegründet. Die Aufgabe des GIZ ist dabei klar: “Neben der offenen Nutzung des Internets zur Beschaffung und Auswertung von Informationen durch die Beobachtung einschlägiger Internetangebote, soll auch eine operative Bearbeitung und Verfolgung technischer Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Internet behördenübergreifend stattfinden”, heißt es gegenüber dem Hyperland-Blog.
Die Taktik der Salafisten
Das Vorgehen der Salafisten ist eine Art religiöses Rundum-Paket. In einem ersten Schritt inszenieren sie den Islam als unterdrückte Religion. Köpfer sagt: “In der Weltsicht der Salafisten ist der Staat böse, die Journalisten uninformiert und alle berichten falsch über sie. Mit dieser Haltung versuchen sie, Jugendlichen klar zu machen, dass es die ‚authentischen Informationen’ nur bei ihnen selbst gibt.”
Sabine Schiffer, die sich mit dem Islambild in den deutschen Medien
auseinandersetzt, findet sich beispielsweise oft in Videos von Salafisten wieder. ”Meine Forschungsergebnisse zum Feindbild Islam werden von vielen missbraucht”, sagt Schiffer im Gespräch mit Hyperland. Auf Webseiten von Salafisten finden sich Videos, in denen Auszüge aus Schiffers Vorträgen mit Reden des zum Islam konvertierten Predigers Pierre Vogel zusammengeschnitten werden. “Dadurch entsteht der falsche Eindruck, ich würde mich auf Pierre Vogel beziehen”, sagt Schiffer und hofft: ”Hier müssen wir auf die Medienkompetenz des Publikums setzen, denn es gelingt niemandem mehr, die Weiterverwendung von veröffentlichtem Material im Internet zu kontrollieren.”
Im zweiten Schritt beantworten die Salafisten Fragen zum islamischen Lebensstil, etwa wenn Vogel sich dabei filmen lässt, wie er ein junges Mädchen per Handygespräch kurzerhand in die Gemeinschaft der gläubigen Muslime aufnimmt: Die ganze Prozedur dauert nur knapp fünf Minuten und ist mit dem Nachsprechen einer Glaubensformel erledigt.
Außerdem nehmen die Salafisten Stellung zu aktuellen Ereignissen, beispielsweise Polizeiaktionen wie am 14. Juni, als im gesamten Bundesgebiet Razzien in von Salafisten genutzten Moscheen und in Wohnungen durchgeführt wurden. Im Zusammenspiel ergibt sich daraus eine Art Gegenöffentlichkeit, die für Jugendliche attraktiv wirken kann. Der Islamwissenschaftler Moussa Diaw sagt: “Salafisten erreichen Jugendliche, die sich von den Moscheen abgewandt haben. Sie vermitteln ein Gefühl der Stärke und lassen Fragen nicht unbeantwortet. Das vermittelt den Eindruck von Sicherheit und Bedeutsamkeit.”
Die Szene ist zersplittert
Unter dem Label “Salafismus” werden mehrere Strömungen zusammengefasst, die sich mitunter nicht leiden können und auch keine inhaltliche Basis besitzen. Die Spanne reicht von Salafisten, die sich klar von der Gewalt distanzieren bis zu Leuten wie Yassin Chouka, die zum Mord aufrufen.
“Die Salafisten sind keine homogene Gruppe, das behaupten nur Unkundige”, sagt Diaw. Für jedes Gespräch von Pierre Vogel gibt es ein Video, in dem dieser als Lügner bezeichnet wird. “Die Salafisten glauben, die absolute Wahrheit zu kennen”, sagt Köpfer, “da überlegen sie sich natürlich, wer Muslim ist und wer nicht. Das erklärt, warum wir in Deutschland vier bis fünf Szenen haben, die sich verbal attackieren.”
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Kommentieren | 03. Juli 2012 | 13:48 Uhr |
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