Syrien im Fokus von Wikileaks

Syria-Files: Der nächste Coup von Wikileaks (Foto: Screenshot)

Syria-Files: Der nächste Coup von Wikileaks (Foto: Screenshot)

 

Wikileaks hat heute im Londoner Presselub Frontline mit den “Syria Files“ sein neuestes Projekt vorgestellt. In den nächsten Monaten sollen dort über zwei Millionen E-Mails aus dem syrischen Regierungsumfeld veröffentlicht werden. Die E-Mails aus den Jahren 2006 bis 2012 stammen von syrischen Politikern und Behörden sowie Unternehmen, die mit staatlichen Aufträgen bedacht wurden. Die E-Mails konnten 680 verschiedenen Domain-Namen zugeordnet werden. Wikileaks glaubt aufgrund “statistischer Analysen”, dass “der Großteil der Dateien authentisch ist”.

Dies ist die bislang größte Veröffentlichung syrischer Regierungsmails. Bereits im März hatten Hacker der britischen Tageszeitung “The Guardian” mehrere Tausend E-Mails des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und seiner Frau zukommen lassen, die von der Zeitung ausgewertet wurden.

Wie bei der Veröffentlichung der Depeschen des US-Außenministeriums kooperiert die Whistleblower-Organisation Wikileaks nun im Fall Syrien wieder mit ausgesuchten Medien, darunter der NDR, die US-Nachrichtenagentur Associated Press sowie die französischen Datenjournalisten von Owni.fr. Auch zwei arabische Medien sind von Anfang an dem Projekt beteiligt. Frühere Kooperationspartner wie der “Spiegel”, der “Guardian”, “El Pais”, die “New York Times” oder “Le Monde” blieben dieses Mal außen vor. Die E-Mails sollen in den kommenden Monaten nur in Zusammenhang mit der Veröffentlichung von entsprechenden Presseberichten auf der Website erscheinen.

Italienischer Rüstungskonzern liefert Funktechnik

Den Aufschlag machten heute die italienische Zeitung “L’Espresso” mit einem Bericht über die Lieferung des digitalen Tetra-Funksystems an Damaskus durch den italienischen Rüstungskonzern Finmeccanica sowie die spanische Zeitung “Público” mit mehreren Artikeln über das Tetra-Geschäft sowie möglichen Verbindungen zur skandalumwitterten Vatikanbank. Zwar wurde das Geschäft bereits 2008 abgeschlossen, doch die Italiener leisteten trotz eines Waffenembargos westlicher Staaten auch während des Aufstands im Februar 2012 noch technischen Support. “Público” stellte dabei fest, dass die Tetra-Technik dort eingesetzt wurde, wo auch Massaker an der Bevölkerung stattfanden.

Der europäische Tetra-Funkstandard wird von Sicherheitsbehörden weltweit bevorzugt, da er eine abhörsichere Kommunikation ermöglicht und eine effiziente Koordinierung von Einsätzen unterstützt. Finemeccanica lieferte ein Tetra-Funksystem auch an iranische Sicherheitsbehörden, obwohl die Verschlüsselungskomponenten dem Wassenaar-Abkommen unterliegen, das den Export solcher Produkte reglementiert. Diese gelten als so genannte Dual-Use-Produkte, also Produkte, die sowohl für militärische als auch für zivile Zwecke eingesetzt werden können.

Wikileaks-Suchmaschine für Medienpartner

Exklusiv für seine Medienpartner stellt Wikileaks eine spezielle Schnittstelle zur Verfügung, über die sie die Millionen E-Mails durchsuchen können. Auf einer Pressekonferenz wurde diese Spezialsuche nun vorgestellt. Über verschiedene Auswahlparameter wie etwa Domain-Namen oder Mail-Adressen lässt sich die Zahl der Treffer eingrenzen. Rund 400.000 E-Mails sollen in Arabisch, rund 68.000 in Russisch verfasst sein, Wikileaks arbeitet derzeit an einem entsprechenden Sprachfilter. Da über 42.000 E-Mails mit Viren und Trojanern verseucht sind, musste Wikileaks entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen.

Wikileaks-Gründer Julian Assange, der sich derzeit in der ecuadorianischen Botschaft in London aufhält, wo er politisches Asyl beantragte, ließ sich auf der Pressekonferenz von zwei Mitarbeitern vertreten. Sie beantworteten ausschließlich Fragen zu dem neuesten Projekt. Er selbst sagte in einer Pressemitteilung, dass das Material nicht nur für Syrien, sondern auch für die Gegner des Regimes entlarvend sei. Auf diese Weise helfe es die jeweiligen Interessenlagen besser zu verstehen und sich einer Lösung des Konflikts zu nähern.

Mit dieser Veröffentlichung rückt die Plattform Wikileaks selbst wieder in das Zentrum des öffentlichen Interesses und stellt unter Beweis, dass das Projekt trotz der Querelen um ihren Gründer immer noch über einiges an Schlagkraft verfügt und auch weiterhin in der Lage ist, Partner für die Veröffentlichung und Aufarbeitung des Materials zu finden.

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2 Kommentare | 05. Juli 2012 | 16:30 Uhr | Twittern | Facebook

2 Kommentare

  1. Link: Assange-Aktionstag: “Trage ein weißes Hemd” für den “westlichen Dissidenten”

    [...] Botschaft in London aufhält. Auch glaubt Young, dass das letzte Wikileaks-Projekt, die Syria Files, letztlich den Abhöraktivitäten westlicher Regierungen zu verdanken sei und dass sich Wikileaks [...]

  2. Link: Transparenzgefechte rund um den Waffenhandel

    [...] Projekt “Syria Files“ auf die vielfältigen Beziehungen westlicher Unternehmen zu dem syrischen Regime hin, die sich etwa in der Lieferung von Dual-Use-Technologien wie dem Tetra-Funksystem [...]