Estimize – Die Weisheit der Crowd vs. die Wall Street
Ein Start-up aus New York macht der Wall Street Konkurrenz. Statt der kleinen Gruppe von Großbank-Analysten soll die Masse im Internet durchleuchten, wie es Firmen geht. Hebt die Idee ab, dürfte sich Facebook freuen.
Man muss sich schon Mühe geben, die Macht der Wall Street überzubewerten, wenn es um Quartalszahlen geht. Die Straße in New York City ist eine stolze Straße. Wehe, ihre Erwartungen werden nicht erfüllt. Facebook und Apple hat das vergangene Woche Millionen gekostet. Der Wert beider Firmen sank innerhalb von Minuten um Milliarden, Facebooks Aktie gar auf einen neuen Tiefstand.
Doch wessen Erwartungen wurden da genau nicht erfüllt?
Die Consensus-Gruppe
Das ist eine Gruppe von etwa 20 Analysten. Meist von Großbanken aus werden sie im Vorfeld des Zahlenreigens von Firmen wie Reuters oder FactSet befragt. Der Durchschnitt ihrer Prognose ist der Konsens der Wall Street. Doch “das ist nur ihr Nebenjob”, sagt Leigh Drogen. Drogen war keine 20, als er schon Millionen für einen Hedge Fund verwaltete. “Der Anreiz für Wall-Street-Analysten ist, nicht genau zu sein – sondern mehr oder weniger ihre Kunden zu befriedigen. Keiner bezahlt sie für ihre Genauigkeit.”
Der Markt, sagt Drogen, ist für ihn das “ultimative Puzzle”. Und dieses verdiene die Aufmerksamkeit der Crowd. Vor einem guten Jahr hat er die Firma Estimize gegründet. Eine Plattform, auf der jeder ein Konto eröffnen und heiter mitraten kann. Wieviel nimmt Apple ein? Was verdient Facebook? Aus allen Prognosen wird der “Estimize-Konsens” errechnet. Und der war in mehr als der Hälfte der Fälle genauer als die Prognose der Wall Street.
Jeder kann Analyst sein
Einer der Kontoinhaber kommt aus München. Ein junger Händler, “Nils1975″ nennt er sich. Vertrauen Sie dem Mann. Er liegt in mehr als 80 Prozent der Fälle richtig, steht auf seinem Estimize-Profil. “Nils1975″ ist einer von 1.300 Finanz-Nerds, die auf Estimize knapp 8.000 Prognosen abgegeben haben für die Bilanzen im vergangenen Quartal. “TechStockRadar” ist auch einer. Vertrauen Sie auch diesem Mann, in mehr als 90 Prozent der Fälle liegt er goldrichtig. Im letzten Quartal lag er sogar in 99 Prozent der Fälle richtig, gibt sein Estimize-Profil bekannt.
Estimize ist keine neue Idee, Firmen wie WhisperNumbers gibt es seit den Neunzigern. Doch noch nie waren die Zahlen so transparent, und noch nie war eine Plattform so zugänglich. Hinter jeder Prognose ist ein Profil. Bei jedem Profil kann man vergangene Prognosen ansehen und die durchschnittliche Genauigkeit des Analysten.
Fakt ist…
Zwei Fakten zur Genauigkeit der Crowd:
- Grundsätzlich ist die Crowd optimischer als die Wall Street. Doch wenn sie es nicht ist, dann sollte man ihr glauben. Es gilt die Regel: Wenn die Crowd pessimistischer ist als die Wall Street, dann ist die Genauigkeit noch höher.
- Geht es um Nischen-Titel, also nicht die Aktien von Firmen im Rampenlicht wie Facebook oder Apple, ist die Crowd genauer.
Die Crowd, sagt Gründer Drogen, reguliert sich selbst. Die unabhängigen Analysten geben nur dann Prognosen ab, wenn sie glauben, richtig zu liegen. Von Industrien, die sie nicht kennen, lassen sie die Finger. Sind sie zu mutig oder schlampig, greift Estimize ein. Wer eine Prognose abgibt, die völlig vom Mainstream abweicht, muss einen sehr hohen Grad an Genauigkeit in früheren Prognosen abgeliefert haben, um gemessen zu werden. Ansonsten lässt Estimize die Prognose im digitalen Nirvana verschwinden.
Stochern im Nebel
In den letzten Wochen der Bilanzsaison hat sich gezeigt, dass Prognosen halt Prognosen sind, egal woher sie kommen. “Gut drei Viertel der Firmen haben die Erwartungen nicht erfüllt”, sagt Drogen. Man lese: In fast 75 Prozent der Fälle haben die Analysten falsch gelegen in dieser Bilanzsaison.
Im Grunde war dies auch auf Estimize.com nicht anders. Doch gab es dort auch beachtenswerte Ausnahmen: Einige waren genauer, als die Wall Street. Das vergisst Estimize nicht, und gibt genau diesen Ausnahmen künftig mehr Gewicht. So wird der Konsens dauernd verbessert. Bald will Drogen so genannte Leader-Boards veröffentlichen, und so die besten Analysten ins Rampenlicht holen – egal, ob sie einer Großbank angehören oder mit der Finanzindustrie gar nichts zu tun haben.
Geschäftsmodell Finanzanalyse im Netz
Schlappen wie in diesem Quartal will die Wall Street vermeiden. Mit Finanzinformationen ist darum viel Geld zu verdienen. Mehrere Start-Ups versuchen sich in dem Feld, Trefis ist eines davon. Die Plattform schlüsselt die Erfolgsprodukte von Firmen auf, zeigt beispielsweise auf, wie wichtig das iPhone für Apple ist. Starmine durchsucht das Internet und andere Medien nach Analysen und Prognosen, präsentiert sie interessierten Investoren auf einer Plattform und wurde von Reuters gekauft.
Davon ist Estimize wohl noch einen Moment entfernt, doch das Vertrauen der Investoren hat das Unternehmen gewonnen. Mit ihrem Geld könne Leigh Drogen seine Mitarbeiterzahl diesen Sommer verdoppeln, sagt er. Eine weitere Investment-Runde würde noch nächste Woche abgeschlossen.
Den richtigen Apple-Riecher
Momentan verkauft Estimize die Daten an Investoren und Analysten. Wer genau seine Kunden sind, könne er nicht verraten. Doch im vergangenen Jahr hat er gezeigt, wozu die Crowd in Sachen Genauigkeit fähig ist. Als Apple im April 40 Milliarden verdient hat, rieb sich die Welt die Augen. Das hatte keiner erwartet. Außer die Crowd auf Estimize.com, die lag nicht mal einen Prozent-Punkt daneben.
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1 Kommentar | 30. Juli 2012 | 12:53 Uhr |
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Interessante Idee. Aber ich vertraue mein Geld weder der Crowd noch Großbank-Analysten an. Höchstens dem Kopfkissen …