“Digitalradio ist ein Dauerlauf”

Der Radioempfang der Zukunft wird digital. Ob Internet oder DAB+. Foto: Digitalradio.de

Der Radioempfang der Zukunft wird digital. Ob Internet oder DAB+. Foto: Digitalradio.de

Vor einem Jahr ist das neue Digitalradio DAB+ gestartet. Die Branche zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass der zweite Anlauf des Digitalradios in Deutschland gelingt. Aber: Momentan liegt das Internetradio weit vorne.

“Für die Regiocast Digital hat DAB+ einen sehr erfolgreichen Start hingelegt und ist auf dem absolut richtigen Kurs”, freut sich Christoph Kruse, Geschäftsführer des Radioveranstalters. Das Unternehmen war im vergangenen Jahr eines der ersten, das mit einem bundesweiten Programm beim neuen Digitalradio DAB+ mitmachen durfte: 90elf informiert rund um die Uhr um das Thema Fußball. Kruse freut sich über die Entwicklung: “Der Ausbau der Senderstandorte geht schneller voran als erwartet.”  Auch der Geräteverkauf sei besser als angenommen.

Schattenseiten

Ganz anders sieht Hans-Dieter Hillmoth, Geschäftsführer und Programmdirektor von Hit Radio FFH die Lage: “Es gibt keine Reichweitenzahlen, keine eindeutigen Geräteverkäufe”, sagt er. Er habe schon überlegt, kurz die DAB+-Übertragung abzuschalten, um wenigstens auf diesem Wege Rückmeldungen von den Hörern zu bekommen. “Leider muss ich feststellen, dass es so gekommen ist wie befürchtet: Wir Radiosender zahlen für DAB+ zusätzlich, alle anderen machen sich einen schlanken Fuß.” Ein Geschäftsmodell für Mehreinnahmen habe ihm jedoch noch niemand aufzeigen können. Trotzdem sendet Hellmoth weiter: Fünf Jahre gibt der Radio-Manager der Technik Zeit, sich zu bewähren.

Die Neueinführung des Digitalradios in Deutschland ist ein Balanceakt. Denn schon einmal hatten Politik und Sender zusammen versucht, die alte UKW-Technik abzulösen. Was später beim terrestrischen Fernsehempfang klappte, blieb dem Radio versagt: Die erste DAB-Initiative wurde nach zehn Jahren und Millionenausgaben eingestampft.

Es hängt von den Geräten ab

Die Henne-und-Ei-Problematik beim Digitalradio: Sind nicht genug DAB+-taugliche Geräte im Umlauf, lohnt es sich nicht für die Sender, auf die neue Technik umzustellen. Fehlen die Sender, kauft niemand DAB+-Empfänger. Zwar freut sich die Branche über inzwischen rund 150 taugliche Geräte auf dem deutschen Markt. Doch die sind meist im höheren Preissegment angesiedelt. Beim Billigradio aus dem Supermarkt ist weiterhin UKW-Technik verbaut, ebenso im Smartphone und im MP3-Player.

Der Hersteller Blaupunkt hat seiner aktuellen Generation von Autoradios keine DAB+-Empfänger spendiert – aufgrund der schlechten Erfahrungen mit dem ersten Digitalradio-Initiative. Die alten DAB-Geräte, für das die Besitzer einst noch viel Geld investieren mussten, bleiben seit dem Digitalradio-Neustart stumm. DAB und DAB+ sind nicht kompatibel. Zudem zeigt sich ein anderer Trend: “Gerade durch die Kundenzufriedenheit mit dem UKW-Empfang und der zunehmenden Bedeutung des Internetradios auch in der mobilen Anwendung sind die langfristigen Marktchancen von DAB+ durchaus kritisch zu betrachten”, erklärt Blaupunkt-Produktmanager Wolfgang Weidner. Immerhin: 2013 will auch Blaupunkt DAB+ versuchsweise ins Programm nehmen.

Internetradio trendet

Dass das Internetradio im Trend liegt, zeigt eine Untersuchung im Auftrag des Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM): Demnach kommt jeder sechste Internetradio-Abruf von einem Mobilgerät – Tendenz: steigend. Egal ob UKW-Sender oder DAB+ – auf den neuen Vertriebskanal Internet will kein Sender verzichten. Immer mehr bieten sogar eigene Apps an, die deutlich mehr können als ein herkömmliches Radio: Programme zeitversetzt abspielen, Zusatzinformationen zur Musik anzeigen oder die Nachrichten zu jeder Zeit abspielen – und nicht nur zur vollen Stunde. Nachteile: Noch ist der Internetempfang im Mobilbereich nicht stabil genug. Und: Für die Sender fallen bei jedem Abruf über das Internet Kosten an.

Richtig Sinn macht DAB+, wenn UKW-Frequenzen abgeschaltet werden können. “Bei einer gleich großen Verbreitung kostet das Digitalradio nur 20 Prozent”, sagt Dietmar Boettcher, Pressesprecher des Deutschlandradios. Unmittelbarer Vorteil für die Sender: Endlich stehen ihnen wieder mehr Frequenzen zur Verfügung. So hatte das Deutschlandradio fast die Hoffnung aufgegeben, jemals bundesweit terrestrisch empfangbar zu sein. Mit DAB+ ist das kein Problem – wenn denn einmal die Sender ausgebaut sind. Derzeit werden ungefähr 60 Prozent der Fläche abgedeckt. Bis zum kompletten Ausbau vergehen noch einmal fünf Jahre.

Mehr überregionales Programm

Der Optimismus überwiegt: So hat der Berliner Sender Kiss.FM sein Lokalprogramm mit überregionalen Inhalte ausgebaut. Im Laufe des nächsten Jahres will der Sender dann auch außerhalb Berlins für sein Programm werben. Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien hat Mitte Juli eine Untersuchung vorgelegt, wonach in dem Bundesland immerhin 800.000 Menschen DAB+-Programme empfangen können. An einem durchschnittlichen Wochentag schalteten 200.000 davon einen Digitalsender ein.

Die Zahlen sind besser als gedacht – doch noch ist es für Jubel viel zu früh. So räumt auch Christoph Kruse ein, dass die Geräteverkäufe noch drastisch steigen müssen: “Die Durchsetzung von DAB+ ist ein Dauerlauf und kein Sprint. Wir müssen in den nächsten vier bis fünf Jahren daran arbeiten, die Verbreitung der DAB-fähigen Geräte zu steigern.”

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

6 Kommentare | 28. Juli 2012 | 13:58 Uhr | Twittern | Facebook

6 Kommentare

  1. >>> DAB und DAB+ sind nicht kompatibel.

    Mal raten: Wenn dann DAB++ kommen wird, wird dieses nicht kompatibel zu DAB+ sein. Oder wie lange hält sich so ein digitaler Standard im Durchschnitt, bis wieder erneut alles über den Haufen geworfen wird?

    Aber um sich relativ belangloses Gedudel anzuhören, reicht UKW allemal. Und sollte UKW abgeschaltet werden, wird man bestimmt nicht so leicht hergehen und alle UKW-Radios in den Müll werfen, da viele analoge Radios mit mehreren Frequenzbereichen ausgestattet sind. Da wird man dann eben wieder vermehrt Kurz-, Mittel-, und Langwelle hören und entdeckt dabei womöglich Dinge, die man so bisher noch gar nicht kannte.

    Zeitportal | 28. Juli 2012 | 15:20
  2. Seit Jahren höre ich nur noch Internetradio, kein Gesabber von wegen den größten Hits oder alle paar Minuten Werbung. Tausende Sender, mein Musikgeschmack und daher ist UKW für mich eh tot. Den Kram auf Digital umzustellen wäre also bei bleibendem Inhalte einfach nur sinnlos.

    Paul Fehsbook | 28. Juli 2012 | 18:40
  3. Radio ist doch Steinzeit. Höre ich seit Ewigkeiten nicht mehr :-P

    Reime Freund | 30. Juli 2012 | 14:46
  4. Ich bin zwar Betreiber eines Internetradios, höre aber gern über die mobilen Endgeräte DAB+. Vor allem im Auto gibt es derzeit noch große Unterschiede wenn es um die Empfangsqualität zwischen Internetradio und DAB+ geht. DAB+ läuft fast überall in meinem Gebiet (zwischen Dresden und Riesa) stabil, während Internetradio auf der Strecke öfters mal den Geist aufgibt. Ich denke DAB+ wird seine Abnehmer finden. Ich glaube auch, dass Internetradio seine Erfolge haben wird. Jedoch ist die Frage, was die Masse im Internetradio hören will? Bisher scheinen da eher die etablierten Marken und wenige kleinere Anbieter Erfolge zu feiern. Hinzu kommt auch die nötige technische Verfügbarkeit: Bei 90elf war in den Anfangsjahren ständig zu sehen, dass sie mit Überlastungen zu kämpfen hatten. Hier muss noch eine Lösung geschaffen werden, damit jeder Internetradiomacher genug Hörer für einen brauchbaren Preis erreichen kann. Ich steige demnächst auf einen amerikanischen Hoster um, weil die Preise erheblich günstiger und die Kontingente und Technologien erheblich weiter sind.

    Christoph | 30. Juli 2012 | 17:41
  5. Ich hab mir ein Radio gekauft, das UKW, DAB+, Internetradio und auch noch anderes wie IPod, USB-Stick usw. kann.
    So kann ich das Gerät auch noch nutzen, wenn es nicht klappt, sieht man ja an den letzten Erfahrungen.

    Wenn Radio läuft, dann DAB+ – ich finds klasse..

    Dieter | 2. August 2012 | 08:50
    • Hallo Dieter, welches Modell haben Sie ? Wäre nett: trari@gmx.de.
      Habe mal den ersten Start mitgemacht und ein richtig teures Radio gekauft, Pleite !
      Jetzt nutze ich zuhause internet-radio und suche ein Akku/Batterie-Gerät für unterwegs oder den ersten deutschen Tsunami…

      icke | 4. August 2012 | 17:20