Die Tour: Doping-Sünder und Twitter-Helden

Der Ex-Radprofi und Power-Twitterer Lance Armstrong in aktiven Tour-de-France-Zeiten (2004) (Foto: eugene auf Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)
Der Ex-Radprofi und Power-Twitterer Lance Armstrong
in aktiven Tour-de-France-Zeiten (2004).
(Foto: eugene auf Flickr, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)

Twitter ist in der gesamten Welt der Spitzensportler angekommen, so lautete das Fazit der Socialmedia-Sportlercharts vor einem Jahr. Eine besondere Bedeutung hat das Medium im Radsport: Es dient dazu, die Fans bei Laune zu halten, Einblicke in den Alltag zu gewähren – und als Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung. Das lässt sich zur Zeit an einem Schlagabtausch in Sachen Doping beobachten, bei dem sich zwei ungleiche Gegner gegenüberstehen, die beide gleichzeitig David und Goliath sind.

 

Die seit Ende Juni laufende Tour de France wird von einer unschönen Dopingaffäre überschattet. Das ist an sich im Radsport seit Jahren nichts neues. Ebenfalls bekannt ist, dass sich dabei auch schwere Vorwürfe gegen Lance Armstrong richten, den siebenfachen Gewinner der Tour de France. Armstrong hat seine Profi-Radsportkarriere mittlerweile beendet und wollte gerade seine zweite Karriere im Triathlon beginnen – doch nun erhielt er Startverbot, wegen seiner vermutlichen Verfehlungen im Radsport. Die US-amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada hat gegen ihn und fünf weitere Personen schwere Anschuldigungen erhoben: Die Beschuldigten hätten über einen längeren Zeitraum gedopt, mit unerlaubten Substanzen gehandelt und ein ausgeklügeltes Doping-System aufgebaut, das das ganze vertuschen sollte.

Ein-Weg-Kommunikation ohne Journalisten

Armstrong wehrte sich auf seinem bevorzugten Medium: Twitter. Er bezeichnete die Anschuldigungen als Hexenjagd, wettert gegen ehemalige Mannschaftskameraden und stellte ein Mitglied der Untersuchungskommission öffentlich bloß. In der Offline-Welt kann ihm die Usada gefährlich werden, auf Twitter ist hingegen er das Schwergewicht: Kümmerlichen 3.660 Usada-Followern stehen etwa 3,6 Mio. Armstrong-Fans entgegen.

Das Medium Twitter hat für Armstrong einige Vorzüge gegenüber klassischen Kanälen der Öffentlichkeitsarbeit, so sieht es Jonathan Sachse. Er begleitet die Tour de France als freier Journalist vor Ort, bloggt und twittert selbst über das Event und hatte 2011 für das ZDF eine “Twitter-Schau” der Tour de France erstellt. Bei Interviews könnten Journalisten unangenehme Fragen stellen, und Pressemitteilungen wären bei den öffentlichen Auseinandersetzungen mit der Usada zur Verteidigung unpassend. So gibt Armstrong statt dessen immer wieder kleine Botschaften auf 140 Zeichen ab, die von seinen Millionen Twitter-Nutzern gelesen und von Mainstream-Medien bereitwillig aufgegriffen werden.

Heile-Welt-Tweets

“Es gibt allgemein keine Sportart, bei der Twitter eine vergleichbar große Rolle spielt“, meint Sachse. Zum einen hätten die Fahrer zwischen den Rennen viel freie Zeit, die sie gerne für einen Tweet nutzen, zum anderen hätten sie ein stärkeres Bedürfnis nach Öffentlichkeit als zum Beispiel Fußballer, die eh schon im Mittelpunkt stehen. Insofern sind auch die meisten aktuellen Tour-de-France-Favoriten auf Twitter sehr aktiv, etwa der Schweizer Fabian Cancellara oder der Brite Mark Cavendish. In den Tweets gibt es allerdings kaum einen Verweis auf das Thema Doping. Stattdessen teilen sie lustige Schnappschüsse oder beglückwünschen sich gegenseitig zu Etappensiegen. So konstruieren sie eine heile Welt des fairen sportlichen Wettkampfs, doch die Realität holt sie ein.

Am Mittwoch berichtete die niederländische Zeitung De Telegraaf dann von einer Kronzeugen-Regelung zwischen der Usada und vier Sportlern, die an der jetzigen Tour de France beteiligt sind. Sie hätten zu Armstrongs mutmaßlicher Doping-Verstrickung ausgesagt und im Austausch eine vergleichbare milde Strafe für eigene Doping-Sünden bekommen. Die betroffenen Sportler George Hincapie, Levi Leipheimer, Christian Vande Velde und Dave Zabriskie äußerten sich nicht. Der Team-Manager Jonathan Vaughters hingegen bezeichnete den Bericht als falsch und twitterte: “Regarding the Dutch media report: No 6mos suspensions have been given to any member of Slipstream Sports. Today or at any future date.” Armstrong ätzte: “Let me be clear: the riders in question are also victims of @usantidoping’s unfair process and antics. #unconstitutional.“

Twitter als Megafon

Dass Armstrong so offensiv agiert, könnte damit zu tun, dass für ihn sehr viel auf dem Spiel steht, vermutet Sachse. Die Bemühungen der Usada könnten ihn nicht nur seine Titel kosten, sondern auch sehr viel Geld – wenn die Sponsorenverträge bei erwiesenem Doping ein Recht auf Schadensersatz vorsehen. Für ihn geht es um alles. Er mobilisiert deswegen alles, was er zur Verfügung hat. Wie bei seinen Rennen steckt er nicht auf. Vor dem Schiedsgericht, dass wohl Ende des Jahres, über den Fall entscheiden wird, wird er eine Armada gut bezahlter Anwälte voranschicken. In der Online-Welt nutzt er den Kurznachrichtendienst als Megafon und schreit den mächtigen Gegner an, ihn doch endlich in Ruhe zu lassen. Im Fall Armstrong ist Twitter das Medium eines Verzweifelten.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

1 Kommentar | 07. Juli 2012 | 13:41 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. Twitter nennt sich selbst ein “Micro-blogging-Dienst” von daher verstehe ich nicht warum man von diesem Meinungs-Werkzeug jetzt unbedingte Wahrheit erwartet?!? Lance Armstrong zieht auch gegen die USADA vor Gericht. Ist der Richter dann auch nur ein Medium eines verzweifelt-taumelnden-umsichschlagenen Boxers? Ist das Internet sowieso nur ein Hort der Nerds, Geeks, Spinnern und Verschwörungstheoretikern?

    Sollen sich die Fahrer gegenseitig Beschimpfen, “Dissen” und des Dopings (ohne Beweise) bezichtigen? Sollten sie di Grégorio noch eine gute Fahrt ins Gefängnis nach Marseille wünschen? Mittlerweile hat sich der heiße Bericht über 6Monatssperren gegen aktuelle Fahrer aus dem “de Telegraph”, auf lebenslange Sperren gegen 3 Betreuer abgekühlt. Als Jemand der in der “heilen” Welt unterwegs ist, ist man gut beraten nicht jeder “neuen” Meldung in den Mainstream-Medien, die pünktlich zur Tour erscheint, bereitwillig hinterher zu glauben. Da Produzieren sämtliche Mainstreammedien zu gerne Sensationen und vor allem sich selbst. Eine sachlichere Ebene würde den Mainstream-Medien hier gut tun.

    Man Stelle sich vor ein Fußballer täte es wagen, die Bayernspieler als Brandstifter zu verunglimpfen. (Brandstifter=Bayern=Breno kapiert?!?)

    Übrigens In der Schweiz hat sich eine kleine Formel1-Radsport Trainingsgemeinschaft entwickelt! Das hätte man auch bei Twitter erfahren können…

    Ich wage außerdem zu bezweifeln, dass Twitter ein radsportspezifisches Medium ist; Die meisten Fahrer hatten auch schon vor Twitter Websites, Blogs etc. . Jetzt sind sie nur kanalisiert verfügbar. Der große Unterschied ist, dass Radsportler nicht in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt werden, wie z.B. Fußballer oder Olympiasportler. Olympiasportler kommen nur alle 4 Jahre ins Rampenlicht und hätten gemäß der Logik der obigen Zeilen also 4 Jahre Zeit zu zwitschern zwischen ihren Wettkämpfen.
    Dieses Jahr hat das IOC Twitter, etc. großzügig freigegeben, aber nur wenn sich der Sportler gemäß dem IOC-Code verhält. Die dürfen nur schreiben, was dem IOC gefallen würde. Ob die überhaupt Medikamentenmißbrauch in Blogs oder bei Twitter zum Thema machen dürften?
    Beim DFB gab es bestimmt ein großes Social-Media-Briefing, damit die Hochbezahlten Nationalspieler sich ihre Birne beim kompetenten Umgang mit Medien nicht überanstrengen.
    (Übrigens: Xabi Alonso 2,4 Millionen und Andres Iniesta 3,4Millionen Folger; Demnach potenziell ähnlich geltungssüchtig wie Armstrong)

    jmho
    René

    René | 11. Juli 2012 | 23:05