Das wundersame Follower-Wachstum der CDU

Hier twittert die CDU-Onlineredaktion, doch wer folgt? (Foto: Screenshot)

Hier twittert die CDU-Onlineredaktion, doch wer folgt? (Foto: Screenshot)

Twitter-Follower gewinnt man nicht nur durch interessante Inhalte. Man kann sie auch bei zweifelhaften Agenturen kaufen. Nutzten bisher vor allem drittklassige Social-Media-Berater oder E-Commerce-Anbieter, die es nötig haben, solche Dienste, gerät nach Hyperland-Recherchen nun eine seriöse Organisation in Verdacht: die CDU.


Es ist bei jedem Wettbewerb dasselbe: Zunächst wird er erfunden, dann gibt es Leute, die mogeln und schließlich professionelle Helfer bei den Mogeleien. Was für Doping im Sport gilt, gilt auch für Erfolgszahlen in sozialen Netzwerken. Spätestens seit Twitter oder Facebook für kommerzielle Interessen entdeckt wurden, schmückt man sich gern mit dem Erfolg in den sozialen Netzwerken – sprich: mit möglichst vielen Anhängern. Und wenn der Erfolg nicht von alleine kommt, hilft man eben nach.
Seit geraumer Zeit gibt es genau für diese Fälle Agenturen, die ganze Pakete von künstlichen Facebook-Freunden oder Twitter-Followern anbieten. Je nach Qualität der Agentur sind das reine Fake-Follower oder echte Nutzer, die für das Folgen der Kundschaft am Gewinn beteiligt werden. Ziel solcher Käufe: Das eigene Twitter-Profil taucht in Rankings weiter oben auf und steht im Vergleich zu Konkurrenten besser dar.

Auffällige Bewegungen beim CDU-Account

Bisher nutzten lediglich zweifelhafte Social-Media-Berater oder Onlineshops solche Dienste. Im Rahmen von Recherchen über die Social-Network-Aktivitäten von Politikern und Parteien hat Hyperland nun aber einen weiteren möglichen Follower-Käufer entdeckt: die CDU. Bis in den April hinein war das Twitter-Profil der CDU (@cdu_news) völlig unverdächtig. Das von einer Online-Redaktion aus Mitarbeitern der CDU-Bundesgeschäftsstelle gepflegte Konto sammelte seit dem Start Anfang 2009 stetig neue Follower ein, Ende April waren es immerhin schon fast 20.000. Die SPD (@spdde) hatte zu dem Zeitpunkt zwar schon ca. 5.000 mehr, doch das spielt ja eigentlich keine große Rolle.

Offenbar schon. Denn vom 26. bis 29. April passierte Seltsames: Innerhalb von nur drei Tagen gewann @cdu_news rund 5.000 neue Follower hinzu. Ein Zuwachs, für den man zuvor über ein halbes Jahr benötigt hatte. Selbst wenn etwas Sensationelles in der deutschen Politik oder im Twitter-Account der CDU passiert wäre – was nicht der Fall war -, wären die Zahlen wohl nicht so rasant angestiegen. Die Verlaufskurve des Dienstes Twittercounter.com, der die Follower-Zahlen von Millionen von Twitter-Accounts sammelt, zeigt den Entwicklungssprung eindrucksvoll. Was ebenfalls zu sehen ist: Nach dem 29. April setzte sich die unauffällige Entwicklung wieder fort.

Auffällige Bewegungen im Twitter-Account der CDU. (Foto: Screenshot)

Auffällige Bewegungen im Twitter-Account der CDU. (Foto: Screenshot)

Was ist Ende April nun also passiert? Hyperland sah sich die neuesten 10.000 Follower der CDU genau an und fand dabei sehr schnell fast genau 5.000 Follower, die nicht zum Rest passen. Nachdem sich bisher vor allem Twitterer aus Deutschland für @cdu_news interessierten, waren es nun auf einmal welche aus Venezuela, Milwaukee und Indien. Fast alle dieser über 4.900 Twitter-Accounts folgen zudem mehr als 1.000 anderen Twitterern, haben selbst aber nur maximal 60 eigene Follower. Und: Fast alle haben nur drei bis zehn Tweets veröffentlicht. Ebenfalls auffällig sind die Namen der Accounts: @ykKOMIENSIMMIE, @Zaidacx46 oder @eoWebKinzPopxo hießen die neuen CDU-Freunde. Künstlich klingende Namen.

Die Indizien zeigen deutlich: Diese Twitter-Accounts sind Fakes. Derjenige, der sie erschaffen hat – manuell oder maschinell -, versucht zwar, den Eindruck zu vermitteln, dass es sich um echte Personen handelt (mit Profilfoto, Ort und Namen), doch diese Daten sind extrem allgemein und austauschbar gehalten. Und: Auch das Erstellungsdatum der Accounts, das via Twitter-API öffentlich zugänglich ist, spricht gegen echte Accounts. Allein 450 wurden beispielsweise am 24. und 25. Januar erstellt – meist im Abstand weniger Minuten. Zudem kurios: Fast 500 der 5.000 Twitterer veröffentlichten ihren bis zum heutigen Tag letzten Tweet am 15. Dezember 2011, weitere 1.400 am 20. Januar.

Fake-Follower für die CDU

Offenbar hat also jemand tausende Fake-Accounts bei Twitter angelegt, die seit Ende April dem Account der CDU folgen. Im Verdacht: die Firma Social Media Combo, die offenbar in den USA sitzt, aber selbst ihren angeblichen CEO nur mit Sonnenbrille und Kappe in schlechtem Licht abbildet. Sie betreibt offenbar auch Seiten wie addtwitter-followers.com – allesamt mit dem Ziel, Twitter-Follower, Facebook-Freunde, Youtube-Video-Views und andere zweifelhafte Dienstleistungen an den Mann zu bringen. Ein Indiz für die Verbindung zwischen Social Media Combo und @cdu_news: Rund 130 der auffälligen CDU-Follower folgen auch @socialmedia04, dem Follower-Account der seltsamen Firma.

Hat nun also die CDU 5.000 Follower bei der Social Media Combo gekauft, um bei Twitter endlich nicht mehr so weit hinter der SPD zurückzuliegen? Mit den Hyperland-Recherchen konfrontiert, gibt man sich in Berlin überrascht: “Die CDU hat zu keinem Zeitpunkt und für keines ihrer Angebote den Kauf von Followern beauftragt oder veranlasst. Entsprechende Angebote hat die CDU stets entschieden abgelehnt. Die CDU begrüßt die intensive Nutzung ihrer zahlreichen Web-2.0-Angebote und setzt auch künftig auf deren Attraktivität in Inhalt und Gestaltung”, erklärt die Parteizentrale gegenüber Hyperland. Und weiter: “Bezüglich des ungewöhnlichen Anstiegs der Follower-Zahlen im April hat die CDU Twitter damit beauftragt, die Anmeldungen im betreffenden Zeitraum zu überprüfen und ggf. zu löschen.”

Genau das ist am Mittwoch auch geschehen. Twitter hat die auffälligen 5.000 Accounts identifiziert und “supended”, also vom Twitter-Netzwerk ausgeschlossen. Die Zahl der CDU-Follower ist damit wieder um 5.000 geschrumpft. Wer auch immer für den offensichtlichen Kauf von 5.000 Followern für das @cdu_news-Account verantwortlich ist – ein übermotivierter Mitarbeiter, ein anonymes Parteimitglied, oder einfach nur jemand, der 31 Dollar übrig hatte (so billig sind 5.000 Fake-Follower bei Social Media Combo nämlich) – er hatte damit am Ende keinen Erfolg.

Die Sperr-Aktion von Twitter ist auf jeden Fall ein gutes Zeichen in Richtung Follower-Verkäufer: Kunden solcher Anbieter laufen nun Gefahr, ihr Geld ohne Gegenleistung zu verlieren. Schön wäre es allerdings, wenn Twitter, Facebook & Co. stärker aus eigenem Interesse heraus gegen solche Methoden vorgehen würden – und nicht erst nach Hinweisen durch Journalisten. Und die CDU? Die hat nun zwar wieder deutlich weniger Twitter-Follower als die SPD – dafür aber auch keine erfundenen aus Venezuela und Milwaukee mehr.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: schroeder.j

Autorenbild

Jens Schröder ist freier Journalist, Autor und Daten-Analyst für verschiedene Auftraggeber vom Medienportal MEEDIA bis zum ZDF-Blog Hyperland. Nebenbei ist Schröder ein Blogger der ersten Stunde, betrieb und betreibt seit zehn Jahren verschiedene Blogs. 2013 startete er die Social-Media-News-Charts 10000 Flies.
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