Bangalore: Zulieferbetrieb statt Innovationsschub
Fährt man durch die Straßen Bangalores in einer der vielen schwarz-gelben Auto-Rikschas, unterscheidet sich die Stadt zunächst nicht besonders von anderen indischen Städten. Es ist laut, staubig und der Verkehr ist verrückt. Doch Bangalore, das ist auch “Electronics City”, das häufig als “Silicon Valley Indiens” bezeichnet wird.
18 Kilometer südlich des Zentrums liegt diese künstlich angelegte Stadt, die in den 1980er Jahren anfing zu wachsen, als gläserne Wolkenkratzer dort in die Höhe schossen. Mit der Öffnung für den Weltmarkt zehn Jahre später kamen auch die großen internationalen Unternehmen. Atul Chitnis ist 1986 nach Bangalore gezogen, wo er heute hauptsächlich als Berater für Technologiefirmen arbeitet. Seine Gründe damals: “Es war eine recht kleine Stadt mit einem sehr modernen Touch und wenig Verkehr.” Er sagt, die Stadt erinnerte ihn an das Berlin der 1960er und 70er Jahre, wo er mit seiner deutschen Mutter und seinem indischen Vater aufwuchs.
Spult man 25 Jahre vor, sieht das Bild der Stadt vollkommen anders aus.
Heute dominieren große internationale Unternehmen die Wirtschaft in Bangalore. Microsoft, Accenture, Siemens, Intel, Samsung, Oracle, IBM – die Liste könnte endlos weitergeführt werden. Sie sind hierher gekommen, weil die Arbeitskräfte günstiger sind als in Europa oder Amerika und das Klima in der Region angenehmer ist als im Rest des Landes. Die “Electronic City”, in der sie sich niedergelassen haben, sollte eine Replik des “Silicon Valley” in den USA werden, manche waren so mutig zu behaupten, die indische Tech-Metropole werde sein Vorbild irgendwann überholen.
Diese Illusionen scheinen jetzt vorbei. Die günstigen Arbeitskräfte allein sind kein Garant für den immer weiter gehenden Aufstieg. Ein “Silicon Valley” wie das in den USA, war Bangalore nie wirklich. Vielmehr muss es verstanden werden als riesiger Zulieferer, aber nicht als Zentrum für Innovation und Unternehmertum.
Mangelnde Infrastruktur und zu schnelles Wachstum
Trotz Wachstum gibt es Probleme in der Stadt, über die man nicht hinwegsehen kann und die die Entwicklung behindern. Die Straßen sind so holprig, dass man auch ohne die alltäglichen Staus nicht viel schneller unterwegs wäre und Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Und ungeachtet des Stempels des “IT-Hubs” ist eine gute Internetverbindung alles andere als selbstverständlich und übersteigt die Kosten eines Internetanschlusses in Deutschland bei Weitem. Atul Chitnis bedauert, dass beim Aufstieg Bangalores “kein Gedanke an die Infrastruktur verschwendet wurde, die nötig gewesen wäre, um so ein großes Wachstum zu sichern.” Dieser Mangel an Infrastruktur erinnert jeden, der durch die Straßen Bangalores fährt dann doch daran, dass man sich nicht in den USA, sondern in einem Schwellenland befindet.
Trotz fehlender Infrastruktur hat Bangalore die höchsten Lebenshaltungskosten in ganz Indien, vor den beiden größten Städten des Landes, Mumbai und Delhi. So manches Unternehmen hat die Konsequenzen aus Verkehrschaos und unkontrolliertem Wachstum gezogen und ist in andere Städte der Gegend abgewandert. “Diese Städte haben aus den Problemen Bangalores gelernt und wissen, wie sie es besser machen können”, sagt Atul Chitnis. Gibt man ihm und anderen Experten auf dem Gebiet Recht, hat Bangalore den Titel des “IT-Zentrums Asiens” längst verloren.
Doch auch wenn die ersten Unternehmen der Stadt den Rücken kehren, das Potenzial bleibt. Lange bevor Bangalore das IT-Zentrum Asiens wurde, war die Stadt bereits bekannt als Bildungsmetropole des Landes. Viele der besten Universitäten Indiens sind in der Stadt versammelt. Das Indian Institute of Science, das Jawaharlal Nehru Center for Advanced Scientific Research (JNCASR), das Indian Institute of Information Technology und viele, viele andere Universitäten und Forschungszentren – sie alle bilden hoch qualifizierte Fachkräfte aus, von denen viele in Bangalore bleiben.
Startups fehlt das Innovationspotenzial
Seit ein paar Jahren hat die Stadt eine wachsende Startup-Szene. Eine Studie des “Startup Genome Projects“, das die Startup-Ökosysteme in unterschiedlichen Städten der Welt untersucht, sieht Bangalore unter den Top Ten – Berlin hingegen landet erst auf Platz 17. Doch Atul Chitnis sieht diese Entwicklung kritisch. Er berät unterschiedliche Startups und musste feststellen, dass die guten Arbeitskräfte lieber in großen internationalen Firmen arbeiten, als ihre eigenen Projekte zu starten. “Der Versuch, junge Leute für Unternehmertum zu begeistern, ist vergebens”, sagt er. Und so suchen Venture Capitals zum Teil ohne Erfolg nach indischem Personal. Sie wollen junge Uniabsolventen, die sich direkt nach dem Studium auf ein solches Abenteuer einlassen wollen. “Doch der durchschnittliche Startup-Unternehmer hier ist über 30 und hat schon fünf oder sechs Jahre in einem festen Job gearbeitet”, sagt Chitnis.
Das Erfolgsrezept für junge Unternehmen und Startups, das Chitnis ausgemacht hat, ist relativ einfach. Man muss sich auf die Gegebenheiten und Eigenheiten der Stadt und des Landes einlassen. “Diejenigen, die scheitern und Bangalore den Rücken kehren sind die, die Bezeichnung ‚Silicon Valley Asiens` wörtlich genommen und erwartet haben, die gleichen Bedingungen wie in den USA und Europa vorzufinden.”
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Kommentieren | 01. Juli 2012 | 12:39 Uhr |
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