Sportindustrie wittert neue Märkte im Netz

Immer mehr Freizeitsportler suchen Anerkennung für die eigene Leistung in sozialen Netzwerken und stellen ihre Trainings- und Wettkampfergebnisse ins Internet. Die Kommentare und Likes der anderen im virtuellen Verein sind Belohnung und neuer Ansporn zugleich. Die Sportindustrie fördert die Vernetzung – und profitiert kräftig davon.

“Man strengt sich mehr an”

Für den ambitionierten Freizeitsportler kann diese Öffentlichmachung des eigenen Bewegungsprofils Leistungsmotivation und Trainingshilfe zugleich sein. “Das kann helfen, den eigenen, inneren Schweinehund zu überwinden”, erklärt Markus Raab, Sportpsychologe an der Deutschen Sporthochschule Köln. Derjenige, der ein bestimmtes Ziel unter seinen Onlinefreunden verbreite – zum Beispiel, einen Marathon zu laufen – setze sich gegenüber dieser sozialen Gruppe quasi selbst unter Druck. Das Ergebnis: “Man strengt sich mehr an.”

Die Einstiegshürde in diese Online-Leistungsgesellschaft ist niedrig. Wer keine Pulsuhr zur Aufzeichnung der eigenen Trainingseinheiten und Wettkämpfe besitzt, der nutzt einfach sein Smartphone. Sport-Apps wie Runkeeper oder Yourtrainings übernehmen die Aufzeichnung und übertragen die Daten ins Netz. Besonders Ausdauersportler haben diese Form der Sport-Telemetrie als Zusatzdisziplin entdeckt und zeichnen zurückgelegte Kilometer, Zeiten, Pulswerte und weitere Daten regelmäßig auf. Die eigenen Leistungen werden nicht nur gespeichert, um sie den Freunden auf Facebook zu zeigen. Eine Auswertung am eigenen Rechner oder über Online-Trainingsratgeber verspricht die individuelle und effiziente Trainingssteuerung.

Mehr Umsatz für die Sportindustrie

Für die Sportindustrie bietet dieser Trend zur Selbstvermessung und Vernetzung Vorteile in vielerlei Hinsicht. Der klassische Sportartikelhersteller entwickelt sich zu einem Sportdienstleistungsanbieter mit (digitalem) Vollsortiment. Die Unternehmen bieten von der Smartphone-App bis zum Laufschuh mit Bewegungssensor die Komplettausrüstung für den voll verdrahteten Sportler. Sie veranstalten eigene Wettkämpfe und locken die Bewegungshungrigen mit Erfolg in eigenen Online-Communitys. Dort finden sich neue Trainingspartner und es lassen sich neue Trainingsstrecken erkunden. Gerade diese Online-Kundenbindung funktioniert immer besser: Das Portal Nike-Plus beispielsweise zählt weltweit mehr als sechs Millionen Mitglieder.

Sportler, die sich dort vernetzen, kommunizieren aber nicht nur untereinander, sondern halten auch Kontakt zu ihren Lieblingsmarken. “Letztendlich setzen die Sportartikelhersteller nur das um, was im Sportmarkt schon seit längerem gefordert wird, das heißt, die Konsumenten sind eigentlich nicht an den Sportartikeln im Einzelnen interessiert, nicht an dem Sportschuh oder an der Pulsuhr, sondern sie sind an Erlebnissen interessiert”, sagt Christoph Breuer, Sportökonom an der Sporthochschule in Köln.

Sportliches Komplettpaket

Die Kunden seien bereit, dafür mehr Geld auszugeben, meint Breuer, denn sie bekämen beispielsweise nicht nur einen Laufschuh, sondern das Komplettpaket. “Es wird da nicht mehr in Frage gestellt, welcher Laufschuh gekauft wird, sondern dann ist ganz klar, dass man den bestimmten Laufschuh des bestimmten Herstellers kauft, weil man eben zu dieser Community gehört”, sagt der Sportökonom.

Für Adidas, Nike und Co. ist gerade die Gemeinschaft der Hobbyläufer eine interessante Zielgruppe mit enormem Umsatzpotential. 30 Prozent der Bevölkerung in den Großstädten sind aktive Läufer und “wir wissen auch, dass gerade das Laufpublikum überdurchschnittlich gut gebildet ist und von daher sehr affin, was die neuen Technologien angeht”, sagt Breuer.

Und so gehört eine automatisch erzeugte Meldung der Runkeeper-App eines laufenden Freundes wie diese, mittlerweile in jede ordentliche Facebook-Timeline: “Just completed a 18.02 km run with RunKeeper, Duration 1:34:35 | Calories Burned 1442, Average Pace 5:15 / km | Average Speed 11.43 km/h | Elevation Climb 126 m.”

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)

 

Kommentieren | 02. Juni 2012 | 11:50 Uhr | Twittern | Facebook