Grimme Online 2012 – die Gewinner

 

Grimme Online Award 2012 vor der Gala. Foto: Torsten Kleinz

Grimme Online Award 2012 vor der Gala. Foto: Torsten Kleinz

Qualität im Netz ist vielfältig und hat alle Bereiche der Gesellschaft erreicht: Ob Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus, Lobbyarbeit oder eindrucksvolle Portraits – die Jury des Grimme-Online-Preises zeichnete am Mittwochabend Angebote aus zahlreichen Bereichen aus.

Vorbei sind die Zeiten, in denen beim Grimme-Online-Award noch besonders häufig programmbegleitende Netzangebote der großen deutschen Fernsehsender ausgezeichnet wurden – große und kleine Projekte standen bei der Preisverleihung der “Deutschlandmeisterschaften der Qualität im Netz” Seite an Seite.

ZDF-Reihe gewinnt Grimme-Online-Preis

Mit zu den Gewinnern gehört das Format “140 Sekunden”, das nicht nur im Netz, sondern auch bei ZDFinfo im Rahmen des „Elektrischen Reporter“ (übrigens Grimme-Online-Award 2007) zu sehen ist und den Geschichten um bemerkenswerte Twitter-Nachrichten nachgeht. Die Motivation beschreibt Ideengeber Tim Klimeš ganz einfach: “In meinem Umfeld habe ich immer wieder gehört: Auf Twitter steht sowieso nur Mist” – dass dem ganz und gar nicht so ist, wollte er seinen Freunden beweisen. Mit Erfolg: “Die Website stellt diese immense Vielfalt an Persönlichkeiten und Charakteren als modernes Panoptikum dar”, erklärte die Jury.

Ebenfalls in der “Kategorie Kultur” und Unterhaltung würdigte die Jury die Serie “Berlinfolgen”, die Berliner Charakteren von der Käferflüsterin bis zum Schrankenwärter mit Fotos, Texten und Filmsequenzen nachspürt. Besonders überzeugt hat die Jury die gelungene Kombination aus Fotos und Reportagefotografie, die sich mit den Mitteln des Netzes nicht hinter aufwändigen Filmproduktion verstecken bräuchte.

Von Lobbys, Musiktheorie bis zum Amazonas

In der Kategorie “Wissen und Bildung” prämierte die Jury gleich drei höchst unterschiedliche Angebote. Mit der “Lobbypedia” gewann ein Projekt, das die Machtverteilung umkehren will. Wenn Politik und Wirtschaft sich allzu sehr vermischen, wird der Verein LobbyControl aktiv, dokumentiert Verbindungen, Geldflüsse und Beziehungen. In der Lobbypedia bindet er die Öffentlichkeit ein, um so mit den eigenen knappen Ressourcen kritische Themen wie Lobbyisten in Ministerien zu beleuchten.

Aus den boomenden YouTube-Kanälen, die heute tagtäglich Millionen Jugendliche an den Computer locken, wählte die Jury ein besonderes Beispiel heraus. “Musiktheorie ist eigentlich eine sehr trockene Angelegenheit”, sagt Klaus Kauker, der selbst Komposition studiert. Zur Prüfungsvorbereitung sprach er den gelernten Stoff kurzerhand in einer Kamera – und stellte das Ganze auf YouTube. “Das ist dann immer größer geworden”, sagt Kauker in Köln. Die Jury würdigte die gelungene Mischung aus journalistischen, lehrreichen und unterhaltsamen Inhalten – so untersucht Kauker auch schon mal, ob Dieter Bohlen sich allzu sehr inspirieren ließ.

Auch klassische Journalisten können mit dem neuen Medium Hervorragendes produzieren – das beweist das ebenfalls ausgezeichnete Projekt “Amazonien — die Seele der Indios” des Kultursenders arte, in dem Leben und Probleme der Ureinwohner im Amazonas-Gebiet eindrucksvoll und vielfältig geschildert werden. Jury-Begründung: “Mit seiner herausragenden technischen wie inhaltlichen Gestaltung ist dieses Angebot ein vorbildliches Beispiel dafür, wie Fernsehinhalte aufbereitet und ins Internet transportiert werden können.”

Magazin für Migranten

Um Menschen, die sich oft von den etablierten Medien nicht repräsentiert fühlen, kümmert sich das Online-Magazin “MiGAZIN”, das sich den Themen der Migranten in Deutschland widmet. Von der türkischen Presseschau bis zu Bewerbungstipps für Jugendliche bietet das Magazin vor allem Themen, die Migranten interessieren. Einen Schwerpunkt bilden auch Portraits von Polizisten und Anwälten, die ihren Weg durch die deutsche Gesellschaft finden mussten. Preispate Richard Gutjahr brachte seine Wünsche auf eine simple Formel: “Mehr MiGAZIN, weniger Sarrazin.”

Dass auch Einzelkämpfer einen Chance haben, Qualität ins Netz zu bringen, beweist Wolkswirtschafts-Student Martin Randelhoff, der sich mit seiner Webseite “Zukunft Mobilität”  einem der großen Themen der Gesellschaft widmet – vom neuen Biosprit bis zum viel gescholtenen “Kampfradler” befasst sich die Seite mit allen Aspekten der Mobilität. Dass er dazu noch Gastautoren einbindet und tagesaktuell stets Neues berichtet, überzeugte die Jury.

Gegen das Vergessen

Dass Denkmäler nicht mehr nur in Stein und Bronze gehauen werden müssen, um die Menschen zu erreichen, beweist das das Audiokunstwerk “Memory Loops”, das mit historischen Originaltöne von NS-Opfern und Zeitzeugen eine virtuelle Reise durch München und die Zeit des NS-Terrors macht. Initiatorin Michaela Melián hatte das Projekt für einen Wettbewerb der bayerischen Landeshauptstadt entwickelt – und stieß auf Widerstände. Dass stilles Gedenken und Multimedia zusammenpassen, wollte vielen Bürgern nicht einleuchten. Doch mit der Hilfe von insgesamt 120 Beteiligten schaffte es Melián, ein Projekt auf die Beine zu stellen, das nicht nur alleine für München steht. “Es steht exemplarisch für die Geschichte in Deutschland”, erklärte sie in Köln.

Den Publikumspreis erhielt wieder ein etabliertes Projekt. Auf dem Medienforum in Köln war die Tagesschau-App ein Politikum erster Kategorie: So forderte Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf dem Branchentreffen mehr Zurückhaltung von der ARD, die sich seit über einem Jahr in einem Rechtsstreit mit Verlegern befindet, die in der App unzulässige Konkurrenz sehen. Dass solche Überlegungen bei der Erstellung der App keine Rolle spielten, betonte Redaktionsleiter Kai Gniffke. Die App sei die notwendige Fortentwicklung der altehrwürdigen Nachrichtensendung: “Ich will nämlich, dass es die Tagesschau noch gibt, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin.”

Kategorie INFORMATION

Kategorie WISSEN und BILDUNG

Kategorie KULTUR und UNTERHALTUNG

Kategorie SPEZIAL

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1 Kommentar | 20. Juni 2012 | 21:47 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. Moin!

    Nur ein kleiner Hinweis. Ich bin nicht “Wolkswirtschafts-Student”, sondern Verkehrswirtschafts-Student. ;-)

    Gruß,
    Martin

    Martin | 21. Juni 2012 | 20:07