Pro & Contra: Ist das Internet zu kompliziert?
Neulich wollte ich mich mit einem Freund zum Sport verabreden, da habe ich ihm eine DM (direct Message auf Twitter) geschickt und nie eine Antwort bekommen. Anderntags rief er mich an: “Wieso hast Du dich nicht gemeldet?” Das Internet hat die Zahl der zur Verfügung stehenden Kommunikationskanäle vervielfacht. Einige fühlen sich überfordert – andere können nicht genug bekommen.
PRO: Das Netz ist zu kompliziert
Computer, die im Netz kommunizieren, verfügen im Vergleich zu uns minderbegabten menschlichen Wesen über einen gewaltigen Vorteil: Sie kennen das jeweils gültige Kommunikationsprotokoll für den Austausch von Nachrichten. Die Gesprächsvereinbarung der Maschinen “besteht aus einem Satz von Regeln und Formaten (Syntax), die das Kommunikationsverhalten der kommunizierenden Instanzen in den Computern bestimmen (Semantik)” heißt es etwas kompliziert in Wikipedia.
Aber Kommunikation ist kompliziert, wenn man beginnt, darüber nachzudenken. Und dem Menschen fehlen solch klar geregelten Protokolle, darum ist seine Kommunikation fehlerhaft, stockend oder läuft bisweilen ins Leere. Das war schon in Vor-Internetzeiten so und nun wird alles noch schlimmer: Das Internet vereinfacht die Kommunikation nicht, im Gegenteil: Sie wird beliebig kompliziert, funktioniert wahlweise realtime oder asynchron. Wer sich sicher sein will, dass seine Botschaft auch wirklich ankommt, sollte immer mindestens zwei Kanäle nutzen. Ein Prinzip, welches schon seit der Erfindung der E-Mail gilt. Typisch ist seitdem der Anruf: “Du, ich habe dir ein Mail geschickt.”
Kaum einer, der alle verfügbaren Kanäle kennt oder gar zu nutzen weiß. E-mail, Skype, Messenger, Facebook-Chat, Google-Hangout, Twitter, WhatsApp. Und das ist nur der Anfang. Moderne Medienmenschen kommunizieren längst über Bilder via Twitpic, Tumblr oder sonst eine Anwendung ohne Vokal im Namen – oder sie schicken sich Bewegtbildbotschaften über YouTube.
Manchmal hat es den Charakter von “Schiffeversenken”, wenn man seine netzbewanderten Mitmenschen erreichen will. Manche Kanäle haben dabei den Charakter von Nachrichtenverließen – die Botschaften werden nie abgeholt. Man ist gut beraten, wenn man sich zu den Kontaktdaten auch gleich noch Kommunikationsvorlieben merkt. Den Sportsfreund erreiche ich am besten per Facebook, den Kollegen ganz old school per Mail, und Daniel reagiert auf jede DM. Muss das sein? Vereinfacht das Netz!
CONTRA: Es gibt noch zu wenig Möglichkeiten
Sozialwissenschaftler wissen: Die technische Entwicklung läuft den Fähigkeiten der Menschen, damit umzugehen, immer voraus. Künftige Generationen werden den Werkzeugkasten der digitalisierten Kommunikation preisen und sogar noch mehr fordern und mehr Möglichkeiten werden kommen. Denn: Sie befreien uns aus der technisch bedingten Limitierung auf wenige Kanäle. Sie schenken uns eine Palette der vielfältigsten Gesprächsmöglichkeiten.
Dank des Internet und seiner mobilen Ausläufer können wir endlich unsere Kommunikation so justieren, wie wir es brauchen. Kommunikation ist dem Menschen sein ein und alles. “Wir können nicht nicht kommunizieren”, diesen Satz des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick hat jeder schon einmal gehört. Er unterscheidet, verbale und nonverbale Kommunikation und das Netz fügt die digitale Variante hinzu.
Wir können unseren durch das Internet gewaltig gewachsenen Bekanntenkreis segmentieren und selbst entscheiden, für wen wir wann und wo erreichbar sein wollen. Wen wir sehen oder wen wir nur hören oder lesen wollen. Mit wem wir in Echtzeit oder lieber nur zeitversetzt den Austausch pflegen. Oder eben gar nicht: Die Funktion des Blockens von Gesprächspartnern ist eine Bereicherung – wer uns ärgert, wird stumm geschaltet. Die Zeit, als wir jeden unerwünschten Anruf annehmen mussten, sind vorbei.
Der Mensch wird endlich wieder Souverän seines Mitteilungsverhaltens und die Art der Kommunikation entscheidet mit über den Grad der Intimität, die wir eingehen möchten – und wir können darüber frei entscheiden.
Um so vieles reicher wird der menschliche Austausch durch die digitalen Möglichkeiten: Nonverbale Kommunikation wird über die Distanz möglich, hinzu kommt die Vernetzung, die uns neue Verbindungen ermöglicht, wo wir sie wünschen. Bis hin zu spontanen Zweckgemeinschaften, heißen sie nun Occupy oder “Stopp Kony”. Denn ebenfalls neu ist: Wir können auch den Grad der Öffentlichkeit unserer Kommunikation selbst festlegen: Ob komplett oder teilweise öffentlich oder privat wie früher. All das macht ein wenig mehr Arbeit, für den, der es erst lernen muss. Aber es lohnt sich.
Denn letztendlich wird die Gattung Mensch kommunikativer, vernetzter, gerechter und friedlicher: So jedenfalls die Utopie. Bis hin zur Vorstellung, dass jeder innerhalb eines kommunikativen Netzes zugleich eine Art einzelnes Neuron eines neuen Superorganismus ist.
All das ist im Entstehen und wird ganz selbstverständlich zum Sprechenlernen dazugehören, wie früher das Briefeschreiben, das Telegrafieren oder das Telefonieren.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)
4 Kommentare | 20. Mai 2012 | 15:24 Uhr |
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Sobald ich meine Wohnung verlasse, bin ich offline – und das ist auch gut so.
Ich finde die vielschichtigen Kommunikationsmöglichkeiten im Internet sehr spannend und nehme gerne daran teil. Dennoch wünsche ich jedem die Contenance, offline zu gehen, ohne das Gefühl haben zu müssen, WIRKLICH etwas zu verpassen.
Ach Quark, das Netz ist nicht kompliziert. Wenn ich mir 10 Handys anschaffe, soll ich mich nicht beschweren, dass Telefonieren so kompliziert zu handeln ist. Soll heißen – es bedarf Konsequenz, sich für seine bevorzugten Kanäle zu entscheiden. Es bedarf Kommunikation, sich auf Kanäle zu einigen. Daran sind die Kanäle aber nicht schuld. Und wie im Contra steht: Es gibt noch zu wenige Kanäle. Gerade im Businessbereich ist heute jedes Kommunikationsproblem noch ein Nagel, nur weil der typische Sachbearbeiter nur den Hammer (E-Mail) als Werkzeug zu bedienen gelernt hat. Gerade massiver Datenaustausch, kollaboratives Arbeiten, Projektmanagement quer durch die Republik oder gar die Welt verlangen heute aber ganz andere Werkzeuge. Die teilweise auch schon existieren! Vom Instantmessenging (Video!), über Sub-Etha-Pads bis Online-Termin-, Projekt- oder Versionsmanagement gibt es heute kleine und anspruchsvolle Lösungen für viele Einsatzzwecke. Was machen die Firmen? Setzen Outlook auf und lassen die Sachbearbeiter Datenbestände in E-Mail-Listen verwalten (= Durchscrollen). Nicht das Netz hat eine Reform nötig, sondern die Attitüde der Nutzer zu neuen Kommunikationsformen und Arbeitsprinzipien. Da gehts nicht nur um das papierlose Büro, sondern womöglich um den dezentralen Arbeitsplatz. Ob Cloudservices und Onlineanwendungen der goldene Gral sind, ist dann eine andere Diskussion. Da stehen dann Datenschutz und Informationshoheit der Prozesseffizienz gegenüber.
Man muss hier eigentlich trennen zwischen Arbeit und Privat.
In der Arbeit bräuchte man noch mehr Kanäle zur Kommunikation, obwohl in vielen Firmen die vorhandenen nicht mal ausreichend genutzt werden.
Privat reicht das vorhandene Angebot noch, da nicht wenige nach 8 Stunden PC-Arbeit gar keine Lust mehr haben, sich privat noch damit auseinanderzusetzen.
Letztendlich ist aber die verbale Kommunikation der beste “Kanal”.
Ich hab heute mein iPhone zu Hause vergessen^^^…. fühlte mich so abgeschnitten, fast wie tot. Aber irgendwie auch befreit und wie im Urlaub. Das Netz ist nicht zu kompliziert, aber man muss immer auch mal den “Aus”-Knopf finden (können). Es gibt eh nicht “das Netz”, dieses Internet ist ja nichts eigenständiges, sondern dieses Internet sind wir alle. Sind wir mal ehrlich, …. die “Realität” ist auch nicht einfach, oder?
lg<3