Internetsprech: Lobby für die richtige Sprache

Das Wort vom "gefährlichen Internet." Viele können diesen und andere Ausdrücke nicht mehr hören. (Foto: Julius Endert)
Medienvertreter und Politiker, aber auch die digitale Bohème selbst prägen das Bild vom gefährlichen Internet – das fängt schon mit der Wortwahl an. Zeit, sich über einige Begriffe Gedanken zu machen: Ein kleines Lexikon der falschen Begrifflichkeiten.
Hohe Dunkelziffern, große Gefahr, Interpol-Offensive, Milliardenschäden: Soweit ein Eindruck der Schlagzeilen der vergangenen Wochen, die sich mit dem Thema Cyberkriminalität beschäftigen. Das Internet wird als Schauplatz und Verursacher von Verbrechen gleichermaßen wahrgenommen. Um das behaupten zu können, brauchen Reporter nicht einmal mehr Studien, sie haben ja die Cyber-, Netz-, Web-, Online- oder Internetkriminalität als veritable Oberkategorie für die kriminelle Energie, die das Netz angeblich vereint.
Aber gibt es diese Internetkriminalität wirklich, bloß weil sie einen Wikipedia-Eintrag hat? Ist jemand schon ein Cyberkrimineller, wenn seine Tat “im Internet geboren” ist? Logischerweise gibt es zunehmend Kriminelle, die sich das Web zunutze machen, aber soweit wir wissen, sind auch diese Internetverbrecher aus Fleisch und Blut. Das Pendant nennt sich ja auch nicht “Real-Life-Kriminalität.”
In einem Umfeld digital versierter Leser von “Heise” bis “Hyperland” mögen solche Begriffe weniger problematisch sein. Doch die meisten Leser brauchen einen Kontext. Andernfalls schustern sie sich ein unvollständiges, verzerrtes Bild vom Internet zusammen, und dabei kann nichts Gutes herauskommen. Eine Datenkrake an der falschen Stelle schadet dem Diskurs um die digitale Zukunft, weil sie die Kluft zwischen sogenannter “Online“- und “Offline“-Bevölkerung vergrößert.
Ein kleines Lexikon der falschen Begrifflichkeiten:
Datenkrake
Internetkonzerne, deren Geschäftsmodell es ist, Daten zusammenzuführen und zu vermarkten, werden in den Medien gerne als Datenkrake bezeichnet. Vermittelt wird das Bild eines glitschigen Ungetüms, das mit vielen Armen nach unserer Privat- und Intimsphäre giert. Ungeachtet der berechtigten Herleitung bringt der Begriff eines nicht: Klarheit. Jedenfalls nicht ohne Erklärung. Je nach Medium und Zielgruppe hat das die verheerende Folge, dass Firmen wie Google oder Facebook grundsätzlich und unwiderruflich als böse wahrgenommen werden.
Warum kommt es soweit? In den meisten Fällen aus purer Gewohnheit. Autoren machen die Datenkrake zum Synonym, selbst wenn sie fehl am Platz ist. Tipp für die Zukunft: Besser zum dritten Mal Unternehmen schreiben als in einem Text, der mit Datenschutzbedenken nichts zu tun hat, die Krake einzustreuen. Wenn schon, dann müssten wir ohnehin anfangen, jede zweite Firma als Datenkrake zu bezeichnen und die Diskussion auf einer anderen Ebene führen. Denn das Geschäftsmodell der Weitergabe von Daten gab es schon vor dem Internet.
Internetaktivist
Was ist eigentlich ein Internetaktivist? Aufgrund medialer Überpräsenz scheint Wikileaks-Gründer Julian Assange zum Inbegriff eines solchen geworden zu sein. Er arbeitet über das Medium Internet für Belange von Transparenz. Auch für Markus Beckedahl von der Digitalen Gesellschaft wird der Internetaktivist quasi als Berufsbezeichnung geführt. Er hingegen kämpft für mit dem Medium Internet verbundene Interessen – über das Medium Internet. Verwirrend! Wenn Umweltaktivisten nun Kampagnen im Netz durchführen, sind sie dann Internetaktivisten oder noch Schlauchboot-Aktivisten? Es sei doch bitte zwei Mal drüber nachgedacht, ob Internetaktivist das richtige Wort ist.
Internetgemeinde
Wer gehört eigentlich zu dieser ominösen Internetgemeinde? Haben wir mit Abschluss des Providervertrages zugestimmt, gemeinsam mit über einer Milliarde Nutzer weltweit in eine Glaubensgemeinschaft eingegliedert zu werden? Dass es offenbar keine andere Bezeichnung gibt, hat einen simplen Grund: Es gibt die Netzgemeinde nicht. Kampfansagen also bitte demnächst an einzelne Personen, und nicht an eine nichtexistente Masse. Danke.
Internettäter
Am “Tatort Internet” wurde 2010 für ein bekanntes Verbrechen der Schuldige gefunden: das Netz. Der Internettäter, den sich die Showmacher ausdachten, war glücklicherweise schnell wieder aus dem Wortschatz der Medien verschwunden. Und doch bleibt in Erinnerung, dass Pädokriminelle, die sich ihre Opfer unter anderem online suchen, entlastet und das Internet zum Täter sich anbahnender Verbrechen auserkoren wurde. Als wenn durch Abstinenz vom Medium die kriminelle Handlung verschwinden würde!
Cybermobbing
Noch so ein Kunstbegriff, der das eigentliche Problem verschleiert und sich mit Symptomen statt Ursachen beschäftigt: Mobbing bleibt Mobbing, eine ziemlich fiese Angelegenheit, egal welches Medium genutzt wird. Die Dimension ist zwar eine andere, aber das Problem bleibt, wenn der Computer ausgeschaltet wird.
… und übrigens:
Internetausdrucker
Im scheinbaren Dauerclinch zwischen “Online“- und “Offline“-Welt hat niemand eine weiße Weste. Auch die Netzversteher sind da nicht besser: Wenn zum fortschrittverweigenden Internetausdrucker herabgestuft wird, wer mit der modernen Technik fremdelt, dann ist die eine Seite nicht besser als die andere.
Von:
Carolin Neumann & Sanja Stankovic
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)
2 Kommentare | 27. Mai 2012 | 12:19 Uhr |
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langweiliges thema.
warum berichtet ihr beim zdf nicht mal darüber, das dieses wochenende gleichb zwei mal leute opfer von imigranten-gewalt geworden sind.
http://www.bild.de/news/inland/u-bahn-schlaeger/ueberfall-auf-zwei-frauen-moenchengladbach-jugendliche-24355034.bild.html
http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article106380924/Polizei-sucht-mit-Video-brutalen-U-Bahn-Schlaeger.html
kein wort darüber in den nachrichten, nur vom eurvision song context wird groß berichtet.
und warum gibt´s kein kennzeichen digital mehr auf heute.de?
nur noch schöne bunte bilder…
Datenvorratsspeicherung
Kriminelle Vereinigung wünscht nach dem Vorbild des im Jahr 1949 von George Orwell erschienenen Buches “1984″ die Kontrolle über eine ganze Nation auszuüben.