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Die Silizium-Vorstadt von Moskau
Der Markt ist riesig. Und doch vielen unbekannt. Mehr als 50 Millionen Russen sind online und das soll erst der Anfang sein. Die ehemalige Weltmacht sucht im Internet nach ihrer glorreichen Vergangenheit und strebt, mit Milliarden Fördergeldern im Portmonee, nach einer tragenden Rolle im Informationszeitalter.
Viele Westeuropäer verbinden Russland mit Klischees aus der Mottenkiste. Wenn schon nicht mehr sozialistisch, dann wenigstens voller Korruption – das Russland von heute darf de facto nicht in der oberen Internet-Liga mitspielen. Doch wer sich durch Moskau bewegt, wird schnell eines Besseren belehrt. Und das hat ausnahmsweise nichts mit Politik zu tun.
GetTaxi.ru, die russische Variante des deutschen Taxizentralen-Schrecks myTaxi, bietet auf Wunsch dem Fahrgast freies WiFi. Wer lieber die Metro nutzt, erhält auch dort Internet für lau. Selbst an die Reisenden wird gedacht: Freies Internet im Hotel fast überall – und das unabhängig von der Preisklasse. Alles Dinge, auf die das europäische Möchtegern-Start-Up-Mekka Berlin nur beschämt dreinblicken kann.
Der Puls ist ungleichmäßig
Die russische Bevölkerung und die russische Wirtschaft ist gierig nach Internet. Zu spüren auf der ersten Ausgabe der Digitalkonferenz DLD in Moskau. Schon seit Jahren sucht der Medienkonzern Burda mit seinen Konferenzen den Kontakt ins Netz-Ausland, jetzt ist Russland an der Reihe. “Wir wollen digitale Unternehmungen starten und neue Digitalunternehmen kennenlernen”, sagt Burdas Vorstandsvorsitzender Paul-Bernhard Kallen gegenüber heute.de. Den Input von außen kann Russland derzeit gut gebrauchen.
Denn wer im oder durch das Internet etwas erreichen will, der sucht das Weite. Zu wenige Jobs, zu schlecht bezahlt, die Musik spielt überall, nur nicht in der Heimat. Und so landet die russische Technologie-Elite im Silicon Valley. Oder in Berlin. Ein serbischer DLD-Teilnehmer bringt es auf den Punkt: “Wenn du es als Internet-Unternehmer in Russland schaffst, kannst du es überall auf der Welt schaffen.”
Silizium-Vorstadt
Mit allen Mitteln, und seit einigen Jahren milliardenschwer gefördert durch die Medvedev-Putin-Regierung, arbeitet die Skolkovo Foundation deshalb daran, die Zukunft zurück ins eigene Land zu holen. Dazu gehörte auch, die DLD-Veranstaltung in Russland stattfinden zu lassen. Das Hauptprojekt residiert allerdings nicht im sündhaft teuren Moskauer Zentrum.
Seit 2009 entsteht vor den Toren der Zwölf-Millionen-Metropole die Skolkovo Innovation City. Eine hochmoderne Forschungsstadt auf 400 Hektar mit Platz für 21.000 dort lebende und arbeitende Wissenschaftler, Tüftler und Start-Ups. In den Bereichen IT, Biomedizin, Weltraum- und Nukleartechnologie wird geforscht und gearbeitet. 427 Unternehmen sind aktuell Teilnehmer des Projekts. Dazu mit eigener Universität, Bahnanbindung und selbst sauberen Strom gibt es für die Server. Ein Mammutprojekt, wie es die Russen gerne haben. Eine Reminiszenz an die alten Forschungsstätten und Weltraumhäfen der sozialistischen Ära. Nur dass dieses Mal nichts geheim ist. Und das Geld auch aus dem Ausland kommen soll.
Alles dreht sich ums Geld
Ein günstig angepasstes Steuersystem soll den neuen Bürgern das Forscherleben erleichtern, vereinfachte Visa-Bedingungen den “brain drain” ausgleichen und langfristig aufheben. Doch der Fortschritt mit dem Fortschritt geht nur langsam voran in Russland, auch wenn Branchenführer wie SAP, Siemens, Boeing und Intel bereits in Skolkovo mitmischen. Offiziell sollen bereits mehr als 100 Millionen Euro in Start-Ups geflossen sein. Noch war davon auch auf der DLD wenig wirklich Neues zu spüren, zunächst scheint der heimische Markt Aufholbedarf zu haben: Innovationen entstehen nun mal nicht über Nacht.
Schon sind erste kritische Stimmen zu hören – natürlich nur hinter vorgehaltener Hand – der strenge Atem des Kreml ist auch in Digitalien zu spüren. Viele fragen sich: Wie lange wird das wirtschaftlich marode Russland noch Milliarden Rubel in eine Vision stecken? In eine Vision mit unsicherem Ausgang. Denn auch wenn die ersten kleinen Unternehmen jetzt auf dem Gelände loslegen wollen: Erst 2014 soll Skolkovo City wirklich startbereit sein. Dann direkt mit einem Paukenschlag: Der G8-Gipfel wird dort stattfinden.
Eine Stiftung als Motor
Projektverantwortlich für den Aufbau ist die Skolkovo Foundation. Deren Vorsitz ist schillernd besetzt: Über allen thront der russische Oligarch und Multi-Milliardär Viktor Vekselberg, der ehemalige Intel-Chef Craig Barrett fungiert als Vize-Chef. Skolkovo ist ein persönliches Anliegen des Duos Putin und Medvedev, die nicht müde werden, neue Schecks auszustellen. Bis 2013 wird der Staat in Skolkovo mehr als eine Milliarde Euro stecken, das Gesamtbudget dank internationaler Partner liegt laut Vekselberg bei mehr als 3,1 Milliarden Euro.
Mehr als ein Prestige-Projekt?

Viktor Vekselberg. Laut Forbes mit zwölf Milliarden Dollar Vermögen auf Platz 64 der reichsten Menschen der Welt - und Präsident der Skolkovo Foundation. Foto: HubertBurdaMedia
Auch wenn Viktor Vekselberg auf der DLD mit Inbrunst betonte: “Das ist kein Putin- oder Medvedev-Projekt. Das ist ein Russland-Projekt!” – vielleicht ist es am Ende doch nur ein Klischee, dass Russland sich selbst von der grünen Wiese aus in den Olymp der Internet-Nationen katapultieren wird. Denn nicht der Sozialismus, nicht die Politik werden die modernste Kleinstadt der Welt zum Leben erwecken, sondern schlicht eine Wagenladung Geld.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)
1 Kommentar | 29. Mai 2012 | 15:36 Uhr |
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Kreml-Einfluß, Start zum G8-Gipfel und dann noch einige internationale Großunternehmen, die sich einschleimen wollen. DAS ist kein Ort, an dem die offene Innovationskraft des Web sich wirtschaftlich und sozial entfalten kann.