Breivik-Prozess: Live-Tweets aus dem Gerichtssaal

Eingang des Gerichtsgebäudes in Oslo. (Foto: malol; Quelle: Flickr CC BY SA NC)

Eingang des Gerichtsgebäudes in Oslo. (Foto: malol; Quelle: Flickr CC BY SA NC)

Der Prozess um den norwegischen Massenmörder Anders Breivik geht in dieser Woche in die nächste Runde. Alte Weggefährten sollen als Zeugen Einblicke in sein Privatleben geben und Gutachter ihre Erkenntnisse vortragen. Auf Twitter kann jeder den Prozessverlauf nahezu in Echtzeit mit verfolgen. Zeit für Einordnung und Reflektion fehlt den twitternden Gerichtsreportern allerdings meist. Machen sie sich damit zu Breiviks Erfüllungsgehilfen im Kampf um Aufmerksamkeit?

Es klingt wie eine besonders schlechte Folge von Barbara Salesch, was sich seit Dienstag im Osloer Strafgericht zuträgt. Freunde von Breivik sollten Einblicke in sein Seelenleben und die Gründe für seine Islamophobie geben. Stattdessen spekulierten sie über seine vermeintliche “Metrosexualität”. So soll er Make-Up getragen und David Beckham als stilistisches Vorbild gesehen haben. Auch seine Nasenoperation, die angebliche World of Warcraft-Spielsucht sowie die enge Beziehung zu seiner Mutter wurden thematisiert.

Live-Ticker auf Twitter

Im Minutentakt enthüllen twitternde Gerichtsreporter unter dem Hashtag “#Breivik” seitdem weitere verstörende Details über Breiviks Leben. Auch die Dementi des Mörders übertrugen sie in 140-Zeichen-Häppchen ins Netz.

Ein Teilziel hat Breivik damit bereits erreicht: Die mediale Aufmerksamkeit für sich und seine krudes Manifest, in dem er vor einer Islamisierung Europas warnt. Nur in Norwegen selbst stößt der Medienzirkus dabei auf entschiedenen Protest. Dagbladet, die erfolgreichste Boulevardzeitung des Landes, hat aus Rücksicht auf empörte Leser einen Button auf die Webseite eingebunden, der es möglich macht, alle Breivik-Meldungen automatisch auszublenden. Dennoch sorgen Zeitungen wie Dagbladet oder Aftenposten und andere Onlinemedien mit einer Live-Videoübertragung ins Internet dafür, dass niemand etwas verpasst. Das Gericht hatte die Live-Übertragung während der Anhörung von Sachverständigen, die heute beginnt, wieder erlaubt.

Auf Twitter stellt sich das Problem der unfreiwilligen Beobachtung des Prozesses zwar nicht – schließlich muss man für die laufende Berichterstattung schon gezielt dem Hashtag folgen – aber die Live-Twitterei aus dem Gericht wirft einige grundsätzliche Fragen auf. Denn bei der Live-Berichterstattung aus dem Gerichtssaal stehen dem Recht der Öffentlichkeit auf Information gewichtige Interessen der am Prozess beteiligten entgegen, so z.B. das Recht von Zeugen auf Anonymität oder das Recht der Richter auf eine ungestörte Urteilsfindung.

Ungleichbehandlung von Rundfunk und Presse

In Deutschland lautet daher der Paragraph 169 S.2 des Gerichtsverfassungsgesetzes (GVG): “Ton- und Fernseh-Rundfunkaufnahmen sowie Ton- und Filmaufnahmen zum Zwecke der öffentlichen Vorführung oder Veröffentlichung ihres Inhaltes sind unzulässig.” In anderen Ländern wie zum Beispiel in England und Norwegen gelten ähnliche Vorschriften. Das Problem dabei: Als die entsprechenden Gesetze geschrieben wurden, konnte niemand ahnen, dass irgendwann nicht nur Journalisten, sondern nahezu jedermann mit Geräten für die Live-Berichterstattung in Wort, Bild und Ton herumläuft.

Für Richter stellt sich daher das Problem, wie sich die Ungleichbehandlung von Rundfunk- und Zeitungsreportern aufrechterhalten lässt, wenn jeder Besucher mit seinem Smartphone Bilder und Videos hochladen und das Geschehen in Echtzeit kommentieren kann. In Einzelfällen untersagen sie Reportern das Twittern – aber allgemein anerkannte Regeln haben sich noch nicht durchgesetzt.

Für den Breivik-Prozess gilt nach Meinung des norwegischen Medienanwalts Jon Wessel-Aas: “Solange das Gericht nicht ausdrücklich anderes anordnet, steht es Pressevertretern frei, über Twitter den Prozess live zu begleiten. Für die Aufnahmen von Videos gilt das Gegenteil: Solange das Gericht sie nicht ausdrücklich genehmigt, sind sie untersagt.”

Journalisten als Sprachrohr der Angeklagten?

Juristisch müssten twitternde Reporter daher wenig befürchten. Moralisch bewegen sie sich auf dünnem Eis. Denn auch wenn Live-Tweets unzweifelhaft die Berichterstattung bereichern und wie kein anderes Medium ein Gefühl vom Dabeisein vermitteln: Wer live tweeted kann nicht gleichzeitig Kontext liefern, einordnen und bewerten – und macht sich somit unter Umständen zum Sprachrohr des Angeklagten, wie der Tweet aus dem Gericht von Paul Brennan verdeutlicht: “Wichtige Anmerkung: Ich tweete die Aussage direkt. Ich bürge nicht für den Wahrheitsgehalt dessen, was Breivik sagt.”

Viele Journalisten sind sich des Problems jedoch bewusst und lassen in sensiblen Momenten die Finger von den Tasten. Auch beim Breivik Fall nahmen sich einige Kollegen freiwillig zurück. So schrieb die Journalistin Helen Pidd: “Ich tweete nicht alle von Breiviks Äußerungen. Einige davon sind einfach zu herzlos.”

PS: Hinweis für eine vertiefende Lektüre:
Das juristische Fachjournal “Kommunikation & Recht” hat sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)

5 Kommentare | 31. Mai 2012 | 14:29 Uhr | Twittern | Facebook

5 Kommentare

  1. Ich verfolge via Twitter den Prozess in Oslo, dabei folge ich einem dt. (SZ), einem niederl. und einem englischen Reporter(Sky), alle drei Bericht ausgesprochen deskriptiv und keineswegs machen sie sich zum Handlanger des Kindermörders. Insbesondere die Zeugenanhörungen der Opfer hat mich tief beeindruckt, auch wenn die Kollegen nicht jedes Statement wortwörtlich wieder gegeben haben, so wurde doch das ganz Ausmaß dieses Verbrechen deutlich und wie krank Breivik ist. Mit dem heutigen direkten Berichten der Gutachter, einem Toxikologen, einem Terrorismusexperten der Polizeihochschule und einem freien Journalisten, sowie den kurzen Einlassungen der Anwälte wurde mir im fernen Frankfurt deutlich, was für ein historischer Prozess da in Oslo stattfindet und wie sorgfältig die juristische Aufarbeitung erfolgt. Für mich ist das beispielhaft und ich muss insbesondere die Kollegen in Schutz nehmen, die Sie mit ihrer all zu plakativen Kritik über einen Kamm scheren. Natürlich kannst du mit der direkten Berichterstattung aus dem Gerichtssaal auch Schindluder treiben, aber das ist keineswegs dem Medium Twitter als solches vorzuwerfen, sondern den handelnden Personen und ihrem persönlichen Arbeitsethos geweiht. Übrigens würde ich mir diese Klarheit und Souveränität der Berichterstattung bei den anstehenden NSU Prozessen wünschen. Mein Eindruck ist auch, dass sowohl die Richter, die Anklage, die Nebenkläger und auch die Verteidigung bei diesem Prozess in Oslo keine Show veranstalten, sondern die Würde der Opfer vor Augen haben und eine wirklich professionelle Arbeit leisten, wie schon gesagt: Beispielhaft!

    Lutz Oppermann | 31. Mai 2012 | 20:16
  2. Welchen Tweets folgen Sie? Ich tue seit Beginn des Prozesses dasselbe und kann Ihren Ausführungen in jederlei Hinsicht zustimmen.

    Martin Stürzebecher | 31. Mai 2012 | 23:11
  3. Gunnar Herrmann der für die SZ berichtet @gunnarherrmann, Trygve Sorvaag der für Sky News vom Prozess berichtet @trygvesorvaag, Luuk Mulder freier Journalist @luukjmulder und einem BBC Reporter @matthewwprice.

    Lutz Oppermann | 1. Juni 2012 | 09:42
  4. Vielen Dank für die konstruktive Kritik. Der Beitrag sollte nicht als Kollegen-Schelte gewertet werden. Wie im Text beschrieben, sind sich Journalisten grundsätzlich des Problems bewusst und bereichern durch ihre Live-Tweets tatsächlich die Berichterstattung enorm.

    Vor allem in Kontext des Breivik-Prozesses ist jedoch besondere Sensibilität gefragt. Daher sollte man hier gründlich hinterfragen ob das öffentliche Interesse auf Information das wichtigste Gut ist, oder nicht doch die Rücksichtnahme auf die Opfer und Hinterbliebenen, für die es schwer auszuhalten ist, dass Breivik nun die mediale Aufmerksamkeit bekommt die er sich gewünscht hat und die als einer der Auslöser für die Tat gilt.

    Ich möchte bei dieser Gelegenheit noch die Antworten eines Kollegen nachreichen, die mich soeben erst erreicht haben. Sein Name ist Lars Bevanger und sein Twitter-Handle ist @lbevanger. Er war unter anderem für die BBC vor Ort. Hier seine Antworten:

    This is the first time I have been live-tweeting from a story I’ve been covering. As such it has changed the way I work very much – it’s allowed me to cover it in far more detail than otherwise would have been possible. It has also been of great help for my more “traditional” reporting. There has been so much information, so many incredibly strong stories and so many horrific details that it is sometimes hard to distil the information into news stories or for live 2-ways. Going back and seeing what I’ve been tweeting is of great help.

    I tweet as I go along, not holding anything back for “exclusives”. I have, however, chosen not to tweet many of the more intimate or gruesome details which witnesses have testified about in court.

    I follow any other English-speaking colleagues whenever they’re in court, especially on days I am not. I also follow my colleague Pierre Deshayes from AFP (in French) who is a great tweeter.

    I do get quite a lot of instant feedback, usually questions regarding court proceedings and technicalities. I try to answer as many of these as possible as I go along.

    Frederik Fischer | 5. Juni 2012 | 15:02