Island: Website Islendigabok macht Genealogie zum Volkshobby

Islendingabok: Ein Eingabefeld für Ahnenforschung (Foto: Screenshot islendingabok.is)

Islendingabok: Ein Eingabefeld für Ahnenforschung (Foto: Screenshot islendingabok.is)

In Island ist der Albtraum aller Datenschützer wahr geworden: Die Firma deCODE Genetics hat eine Gen-Datenbank der gesamten Bevölkerung erstellt. Als Abfallprodukt der jahrelangen Forschung entstand die Online-Datenbank Islendingabok (Buch der Isländer). Sie ermöglicht allen Isländern mit ein paar Mausklicks die Stammbaumforschung. Nach anfänglichen Protesten möchte den Dienst nun keiner mehr missen.

Das Biotech-Startup deCODE Genetics ist laut The Daily Beast der “erfolgreichste Fehlschlag der Geschichte“. Das Unternehmen hatte sich 1996 zum Ziel gesetzt, das menschliche Genom zu untersuchen und dabei alle krankheitserregenden Gene zu identifizieren. Die Bilanz nach mehr als zehn Jahren Arbeit:  676 Millionen verbrannte Dollar, kein Cent Gewinn und die genetische Vermessung einer Nation gegen ihren Willen – oder zumindest ohne ihre Zustimmung. Nach der von Facebook bekannten Opt-Out-Logik (wer nicht ausdrücklich Nein sagt, ist automatisch dabei), wurden auf Auftrag und unter Mitwirkung der isländischen Regierung im Jahr 1998 alle verfügbaren medizinischen Informationen der Isländer in einer Datenbank gesammelt. Ein Einverständnis zur Weitergabe intimer Daten an ein privates Unternehmen wurde dabei vorausgesetzt. Ein nachträglicher Einspruch war zwar möglich, blieb aber, wie bei Opt-Out-Regelungen üblich, weitgehend ungenutzt.

“Ich war damals unbeschreiblich wütend, dass mich niemand um Erlaubnis gefragt hat, meine privaten Informationen nutzen zu dürfen”, erklärt Birgitta Jonsdottir, Abgeordnete im Parlament und bekannteste Online-Aktivistin des Landes, im Gespräch mit Hyperland.

Aufschrei über Online-Volksstammbaum

Als das Islendingabok-Projekt, eine Zusammenarbeit zwischen deCODE und dem Programmierer Fridrik Skúlason, erstmals vorgestellt wurde, war daher der Aufschrei unter den Isländern erwartungsgemäß groß. Ein Online-Volksstammbaum von einer Skandal-Firma – das konnte ja nur in einem datenschutzrechtlichen Debakel enden. Und das Datenvolumen, um das es geht, ist wahrlich gigantisch: Über 95 Prozent der Isländer, die seit 1703 geboren wurden, sind in der Datenbank registriert und zusätzlich über die Hälfte der Inselbewohner, die sich zwischen 874 und 1703 auf der Insel befanden. Die Informationen stammen dabei aus einer Vielzahl von Quellen: Volkszählungen, Kirchen- und Nationalregister, alte Schriften, Annalen, Nachrufe, etc.

Völlig unbedenklich

Aber die anfänglichen Befürchtungen bewahrheiteten sich nicht, erklärt Jonsdottir: “Das Islendingabok ist datenschutzrechtlich völlig unbedenklich.” Auch Professor Gisli Palsson, der in seinem Buch “The Life of Family Trees and the Book of Icelanders” zwar warnt, dass genetische Informationen und Stammbäume niemals harmlos sind, kommt zu dem Schluss, dass das Islendingabok eine nützliche Ausnahme darstellt.

Zugriff auf die Datenbank haben nur Isländische Staatsangehörige und einsehbar sind keine komplexen medizinischen Daten, sondern lediglich Namen und Verwandtschaftsbeziehungen. Birgitta Jonsdottir gesteht: “Ich nutze es selbst häufig und finde es immer wieder spannend zu sehen, mit wem ich verwandt über wie viele Ecken verwandt bin.”

Inzestprävention mit ein paar Klicks

Durch das Islendingabok ist die Stammbaumforschung mit ein paar Klicks möglich und wurde dadurch zum nationalen Hobby. Jeder Nachbar, Arbeitskollege und auch nahezu jedes Date wird durch die Datenbank gejagt, um den Grad der Verwandtschaftsbeziehung festzustellen – niemand möchte schließlich unwissentlich Inzest betreiben.

Das 320.000 Menschen zählende Inselvolk ist genetisch so homogen wie keine andere Nation. Immer wieder reduzierten in der Vergangenheit Natur- und Hungerkatastrophen die gesamte Bevölkerung auf wenige Familien. Eine Legende berichtet sogar davon, dass alle heutigen Isländer von einem einzigen Menschen abstammen, dem Bischof Jón Arason. Belegen lässt sich das zwar so nicht, aber ein Blogger schwärmt dennoch davon, dass der Volksmythos “nun durch mathematische Formeln gestützt wird.”

Einzigartiges Projekt

Hiesige Hobby-Genealogen werden sich wohl noch gedulden müssen. Zum einen ist es nahezu unmöglich, das aufwändige Projekt auf Nationen mit mehreren Millionen Menschen zu übertragen, meinen Experten. Zum anderen geht die Diskussion zu den Themen Privatsphäre und Datenschutz in Deutschland gerade in die entgegengesetzte Richtung. Islendigabok wird bis auf weiteres ein einzigartiges Projekt bleiben.

Autoren: Urszula Papajak, Frederik Fischer

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)

 

 

Autor: heute.de

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4 Kommentare

  • Knut Eggers
    12.04.2012, 14:50 Uhr.

    Eine tolle Geschichte… sollte man vielleicht verfilmen ;-)

  • anakin
    13.04.2012, 13:23 Uhr.

    “Luke, I am your father!”
    - NOOOOOOOOOOOOOOO!
    “oh… and you had sex with your sister”
    - NOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO!

    • Stefan
      15.04.2012, 09:40 Uhr.

      Was für ein Problem hast Du denn?

  • Imran Zhakaev
    17.04.2012, 11:48 Uhr.

    Klingt irgentwie… surreal!

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