Das Buch wird zur App

Das Buch kommt aus dem Telefon. (Foto: Julius Endert)

Das Buch kommt aus dem Telefon. (Foto: Julius Endert)

Früher war Literatur aus dem Automaten der Renner: Sie bot “jedem Freund guter Bücher den Genuß gehaltvoller Lektüre auf Reisen und für Stunden flüchtiger Unterhaltung” und das “bequem und billig” – so versprach es jedenfalls der Klappentext. 100 Jahre ist es nun her, dass der Reclam-Verlag durch den Automatenvertrieb seiner Literatur-Heftchen das Buch endgültig zum Verbrauchsgut machte. Heute beobachten wir die nächste Metamorphose des Buches auf seinem Weg durch die Zeit: Es wird zur App.

Mit Diensten wie Holtzbrincks “epubli”, Amazon´s “Kindle Direct Publishing” oder Apples “iBooks” kann heute jeder seine Texte selbst als E-Book veröffentlichen. Ohne Verlag, ohne Geld und ohne Risiko. Die elektronischen Buchläden und Smartphone-Stores von heute sind die Bahnhofsautomaten von einst. Sie liefern Bücher direkt über ihr weltweites Vertriebsnetz direkt in die Taschen der Leser. Damit sind E-Books die ersten Taschenbücher, die wirklich in jede Tasche passen. Auf dem elektronischen Lesegerät oder dem Smartphone mit der entsprechenden Lese-App kann man gleich ganze Regalmeter mit sich herumtragen. Die “Einstiegshürde” ist denkbar niedrig: “Nur 99 Cent? Ach, nehm ich mal mit!”  Wieder kommt das Buch etwas billiger und bequemer zur Leserschaft.

Forsetzungs-Krimis für 99 Cent das Stück

Handbücher, Kurzgeschichten, Fortsetzungskrimis – die fünf bestverkauften eBooks in Amazons Kindle-Laden waren im vergangegen Jahr 99-Cent-Produkte, erschienen im Selbstverlag. Noch sind die absoluten Verkaufszahlen dieser eBooks überaschaubar, doch sie reichen aus, damit Autoren wie Jonas Winner Forsetzungs-Krimis für 99 Cent das Stück schreiben, die dann regelmäßig in den Top 5 der meistverkauften Amazon-eBooks landen.

Die Zeichen der Appifizierung von Büchern sind nicht zu übersehen. Ein neues Ökosystem für Bücher entsteht: Kleinere publizistische Einheiten, also einzelne Autoren oder Mini-Selbstverlage, können zu extrem niedirgen Kosten ein eBook herstellen und den effizienten Netz-Vertrieb globaler Plattformem nutzen. Amazon, Apple & Co. übernehmen Verlagsfunktionen, kassieren jedoch nur rund 30 Prozent des Verkaufspreises, 70 Prozent gehen an die Autoren – bei herkömmlichen Verlagen sind zehn bis 15 Prozent üblich.

App-Millionäre

Dieses Umsatzmodell, gepaart mit bequemer Handhabung und globaler Verfügbarkeit, hat in Apples Software-Läden in anderen Bereichen bereits für eine “Apps-plosion” gesorgt, insbesondere bei Spielen. Die Entwickler von “Angry Birds”, dem erfolgreichsten aus dieser Gattung, planen sogar den Börsengang. Diese kleinen Spielchen für zwischendurch, die auf Smartphone oder Tablet-Computer laufen, deuten die Richtung an, in die es auch bei den E-Books gehen könnte. Die Angry-Birds-Geschichten der E-Book-Branche haben derzeit meist Amanda Hocking in der Hauptrolle, eine Altenpflegerin, die ihre Vampirgeschichten einfach mal im Kindle-Store anbot und Millionärin wurde. Ihre Entscheidung, ihr Buch nicht auf Papier drucken zu lassen, war offenbar genau richtig: In den USA verkauft Amazon längst mehr elektronische als gedruckte Bücher und immer mehr Menschen lesen digital. Selbst die in Deutschland geltende Buchpreisbindung ist dabei kein großes Hindernis. Diese gesetzliche Vorschrift verlangt lediglich, dass Bücher, die bei Amazon 99 Cent kosten, auch in allen anderen Läden 99 Cent kosten. Was eine gedruckte Ausgabe desselben Werks kostet, spielt dabei keine Rolle.

Einziges Ärgernis bislang sind Maßnahmen des digitalen Rechtemanagements (DRM), mit denen Nutzung und Verbreitung digitaler Medien kontrolliert werden sollen. Das bedeutet: Das Kopieren und die Weitergabe elektronischer Bücher ist nicht so ohne weiteres möglich. Und auch der Lesen auf unterschiedlichen Geräten scheitert oft an den verschiedenen Dateiformaten. Bücher können dann nur auf dem Gerät gelesen werden, für welches sie gekauft wurden. Damit aber folgt die Buchindustrie den Spuren der Musikindustrie, ohne zu bemerken, dass man dort von einem stikten DRM-Regime bereits Abstand genommen hat. Der Erfolg: Kopierschutzfreie Musik verkauft sich heute besser als je zuvor.

Chance für neue Literatur-Genres

Dennoch ist die Appifizierung des Buchs nicht aufzuhalten, bis hin zum Vertrieb von Büchern, die in Form und Inhalt eigens für die Smartphone-App geschrieben wurden. In ihrer neuen, entstofflichten Form und vertrieben nach dem Vorbild von Smartphone-Apps, könnten selbstgemachte Bücher neue Literatur-Genres hervorbringen – oder alte wiederbeleben. Ein Beispiel ist die Kurzgeschichte: Diese werde von den Verlagen “tatsächlich nicht verkauft, weil die Leser einen Roman wollen und sie die breite epische Form möchten”, sagt Wolfgang Tischer, Chefredakteur und Herausgeber von Literaturcafe.de, einem Informationsdienst zum Thema E-Books. “Im mobilen Lesen an der Bushaltestelle, in der S-Bahn ist vielleicht gerade die abgeschlossene Kurzgeschichte die bessere Form.” Gedruckte Kurzgeschichten haben für Verleger selten ein Happy-End. Als 99-Cent-E-Books könnten sie einsickern in die Pausen unseres Alltags – wie eine Runde Angry Birds. Journalisten könnten Reportagen, die fürs gedruckte Magazin zusammen gestrichen wurden, in ihrer Langfassung als eBook verkaufen. Gedichte, Forsetzungskrimis, Tagebücher – die Kosten dieser Experimente tendieren gegen Null.

Und so wird die zweite Folge der Appisierung ein massiver Preisrutsch bei den eBooks sein. Noch heute sind elektronische Bücher kaum billiger als ihre gedruckten Ausgaben. Die 99-Cent-Kassenschlager der Selbstverleger setzen die Verlage aber unter Rechtfertigungsdruck.

Verlage werden wohl genau so wenig verschwinden, wie das gedruckte Buch. Aber der Druck nimmt zu. Denn die nächste Metamorphose des Buchs ist bereits im Gang: E-Book-Flatrates wie von Skoobe werden möglicherweise den Charakter eines Buches an den eines Musikstücks angleichen. “All you can read für 9,99 im Monat.” Der Preis pro Buch wird also weiter sinken, das ist bei Musik und Buch gleichermaßen unvermeidlich. Denn wenn ein Gut nicht mehr knapp ist und künstlich nicht mehr verknappt werden kann, wird pro Einheit weniger gezahlt. Aber gleichzeitig können mehr Menschen teilhaben: produzieren und konsumieren. Unterm Strich eine gute Sache.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)

9 Kommentare

  • el-flojo
    09.04.2012, 14:50 Uhr.

    Ein passenderes Artikelbild dürte schwer zu finden sein. Ich muss unbedingt mal wieder Borges lesen. Aber auf Papier. ;)

  • Wut5000
    09.04.2012, 15:30 Uhr.

    Ich stimme dem Artikel soweit zu, wundere mich aber über die These “Das Buch wird zur App”. Das stimmt ja so nicht, wenn, dann ist das Buch höchstens ein App-Bestandteil.
    Vielleicht liegt’s aber meiner generellen Abneigung für das Wort “App”…

  • Stefan
    09.04.2012, 16:51 Uhr.

    Ein Preisrutsch bei den eBooks hätte auch den positiven Effekt, dass Jugendliche so einen besseren Zugang zur Literatur bekommen.

  • Stefan (ein anderer)
    09.04.2012, 17:41 Uhr.

    “Denn wenn ein Gut nicht mehr knapp ist und künstlich nicht mehr verknappt werden kann, wird pro Einheit weniger gezahlt. Aber gleichzeitig können mehr Menschen teilhaben: produzieren und konsumieren. Unterm Strich eine gute Sache.”

    Es wird sich zeigen, ob „mehr produzieren“. Es wird sich auch zeigen, ob mehr „konsumiert“ wird, wobei das nicht nur ein qualitativer Aspekt ist. Nie gab es soviel Musik wie heute, nie gab es besseren Zugang. Wir konsumieren zweifellos mehr, aber wir konsumieren auch anders. Musik ist für viele ein „nebenher“, irgendwo läuft sie immer, wir hören sie beim Arbeiten, wir hören sie unterwegs. Hören wir sie, wie in Zeiten, als eine Platte, eine CD endlich erschien, wir sie im Laden anhörten, sie erwarben, nach Hause trugen und dann durchhörten? Hat heute ein Intro eine Chance, dessen Charakter sich erst beim dritten Mal hören erschließt, was aber bereits nach dem ersten Mal hören von der Playlist verschwindet?

    Ich bin kein Kulturpessimist, doch rein quantitative Aussagen sind für mich wenig befriedigend.

    Man kann auch Autoren nur beglückwünschen, die mit sehr billiger und vergleichsweise seichter (Verzeihung) Lektüre reich werden – doch ist dieser Markterfolg auf andere Produkte übertragbar? Wer ein Fachbuch schreibt, auf Illustratoren angewiesen ist, auf Mitarbeiter für Kapitel angewiesen ist und sein Buch vielleicht einige tausend Mal verkaufen könnte, hat eine andere Rechnungsgrundlage als der Hobbyschriftsteller, der seine Texte kostengünstig produzieren kann. Am Preis werden sie jedoch beide gemessen. In den „App Stores“ werden jetzt schon Programme für einige Euro teilweise vom Publikum mit schlechten Bewertungen und Preisempfehlungen (!) bedacht, obwohl außer der Vertriebsform keine Gemeinsamkeiten erkennbar sind: Spiel mit Millionenverkäufen gegen Programm für kleine Zielgruppe, Cent gegen Euro, perfekte Vermarkter mit unbegrenzten Ambitionen und Risikokapital gegen kleine Softwarebude.

    Was die Betrachtung des „Zugangs“ angeht, so mag ich altmodisch erscheinen: Ein recht kurzlebiges Gerät für hunderte Euro, zusätzlich zu monatlichen Kosten für den Provider, erscheinen mir letztlich als eine höhere Hürde, als ein nicht-digitales Buch mit Wiederverkaufswert.

  • fred
    09.04.2012, 18:24 Uhr.

    Der Schwachsinn beim DRM ist: Es funktioniert einfach nicht und behindert nur den ehrlichen Käufer unnötig.

  • Tom
    09.04.2012, 18:57 Uhr.

    Klar, alles ist eine Äpp. Wenn man nicht in der Lage ist, zwischen Inhalt und Anwendung zu unterscheiden.
    In den Siebzigern gab es einmal eine Bewegung, die zum Ziel hatte, den Normalmenschen zur “Computer Literacy” zur erziehen. Seit der Jahrtausendwende geht der Trend spürbar eher dahin, dressierten Affen das Klicken auf bunte Knöpfchen beizubringen.
    Klar braucht man nichts, aber auch gar nichts von Computern zu verstehen, um über digitales Leben zu schreiben – wenn man das denn “Leben” nennen möchte. Aber vermutlich ist das Leben auch ganz einfach eine “Äpp”, oder? Keine Ahnung, was drin ist, aber schön bunt…

  • Philip Banse
    09.04.2012, 21:17 Uhr.

    @stefan Ich glaube nicht, dass sich digitale und vordigitale Nutzungsarten kanibalisieren müssen. Auch heute kann ein Musik-Nerd sich 20-Min-Intros auf Vinyl anhören, trotz Spotiy. Ich aber bin durch Spotify wieder zum Musikhören zurück gekehrt. So kann es auch mit Büchern laufen. Sicher wird es noch lange gedruckte Bücher und auch sehr teure ebooks geben, so wie es im App store auch nicht mehr nur 99 Cent Apps gibt. Aber durch die Möglichkeit, 99-Cent-Bücher zu machen, die man mal eben kaufen und überall mal eben lesen kann, ergeben sich ganz neue Möglichkeiten für Autoren. Das fängt bei Formaten an und hört bei der Erschliessung neuer Leserschichten nicht auf.

  • marc
    09.04.2012, 21:33 Uhr.

    Wirklich interessantes Thema, zu dem ich leider nicht mehr sagen kann :) Mich würde ja interessieren, ob die Verlage da so einfach zusehen oder schon in Stellung gehen. Wie sieht das eigentlich mit der Buchpreisbindung aus???

  • Philip Banse
    09.04.2012, 22:27 Uhr.

    @marc Die Verlage sehen nicht einfach zu. Sie beobachten ;) Neobooks von DroemerKnauer oder Skoobe von Bertelsmann sind so Experimente. Aber sie machen insgesamt noch zu wenig, denke ich. Sie werden sich als erstes um ihre großen Autoren kümmern, damit die nicht irgendwann sagen: Meine Bücher verkaufen sich eh von selbst, ich mache das bei Amazon, da bekomme ich 70 Prozent statt 15. Aber mit neuen Formaten und neuen Autoren experimentieren die Verlage noch zu wenig.

    Buchpreisbindung: Der Börsenverein sagte mir, die Buchpreisbindung gelte nur pro Ausgabe eines Buchs. Wenn das Taschenbuch also in einem Laden 8,90 kostet, muss es in allen anderen Shops auch 8,90 kosten. Das verhindert aber nicht, dass das Hardcover 19,90 und das eBook des selben Buchs 0,99 kostet. Die verschiedenen Ausgaben eines Buchs können also unterschiedliche Preise haben, müssen die dann aber in allen Verkaufsorten haben.

    Ich habe die Juristin des Börsenvereins auch gefragt, wie es mit eBooks aussieht, für die es keine gedruckte Ausgabe gibt. Antwort: Auch da gelte die oben beschriebene Buchpreisbindung. Das eBook müsse sich aber “anfühlen wie ein Buch”. Gebrauchsanweisungen und Flugblätter, die als eBook bei Amazon für 99 Cent verkauft werden, können demnach also bei epubli 2,99 kosten.

    Das sind jedoch alles Gesetzes-Interpretationen des Börsenvereins. Zum Thema Buchpreisbindung bei eBooks gibt es noch keine Rechtsprechung.

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