Adblocker: Kampf gegen nervige Werbung

Stop für Werbung (Foto: Jimbohay, Quelle: Flickr CC BY 2.0)

Stop für Werbung (Foto: Jimbohay, Quelle: Flickr CC BY 2.0)

Der Auftrag, den sich die Entwickler von Adblock Plus selbst gegeben haben, ist einfach: “Wir wollen das Internet besser machen”, sagt Till Faida, Geschäftsführer der Eyeo GmbH, der Firma hinter Adblock Plus. “Und wir finden, das Eliminieren schlechter Werbung ist ein guter Anfang.” Trotzdem sollen Unternehmen, die von der Internetwerbung leben, nicht in den Ruin getrieben werden. Um beide Ziele zu erreichen, haben sich die Bannerjäger zu einem radikalen Schritt entschlossen: Ihr Werbeblocker lässt seit wenigen Monaten automatisch bestimmte Werbung zum Nutzer durch. Einzige Bedingung: Sie darf nicht nerven.

Adblock Plus ist der erfolgreichste Werbeblocker im Internet. Einmal eingeschaltet, filtert das Programm zuverlässig sämtliche Werbebanner aus Webseiten heraus. Die ständig aktualisierten Filterlisten sorgen dafür, dass auch neue Werbeformen schnell vom Bildschirm der Internetnutzer verschwinden und dass dabei nicht aus Versehen falsche Inhalte blockiert werden. Seit Jahren hält Adblock Plus den Spitzenplatz als beliebteste Erweiterung des Browsers Firefox. Mehr als 15 Millionen Nutzer gehen täglich mit dem Werbeblocker online, die noch relativ neue Version für Google Chrome hat 3,9 Millionen Nutzer.

Verluste für die Werbewirtschaft

Der Erfolg hat mittlerweile Auswirkungen auf die Betreiber von Webseiten, die ihre Angebote über Werbung finanzieren. Besonders Angebote mit technikaffinen Nutzern beklagen große Verluste: Teilweise werden 60 Prozent oder mehr der Werbung ausgefiltert. Für manche werbefinanzierte Angebote ist dieser Einnahmeverlust existenzbedrohend.

Deshalb hat Adblock Plus im Dezember ein Programm gestartet: “Acceptable ads.” Ein besonderer Filter lässt die Werbung passieren, die den Nutzer nicht ablenkt oder ausspioniert. “Ab Version 2.0 können Sie bestimmte Werbung zulassen, die als nicht-nervend eingestuft wurde. Dadurch können Sie Websites unterstützen, die sich durch Werbung finanzieren aber unaufdringliche Werbeformate einsetzen”, heißt auf der Webseite von Adbock Plus. Denn die Betreiber erkennen die schädlichen Nebenwirkungen ihres Erfolges: “Ohne diese Funktion laufen wir in Gefahr, dass die steigende Verbreitung von Adblock Plus kleineren Websites zu großen Schaden zufügt.”

Gute Werbung – schlechte Werbung

Wer aber als Werbetreibender auf die Liste der “guten Werbung” kommen will, muss einen Vertrag mit Adblock Plus abschließen, in dem er sich dazu verpflichtet, gewissen Bedingungen zu erfüllen. Bewegte Werbung ist ebenso streng verboten wie Banner, die sich vor die eigentlichen Inhalte legen und erst weggeklickt werden müssen.

Das Experiment ist aus Sicht von Till Faida ein Erfolg: “Mittlerweile reagieren auch die großen Namen im Web auf unser Angebot.” Provider wie 1&1 und Amazon haben Gespräche aufgenommen, um ihre Werbung als “nicht-nervend” einsortieren zu lassen und künftig auch bei Adblock-Plus-Nutzern Werbung anzeigen lassen zu können. Keine Probleme gibt es bei Angeboten, die sowieso auf Text-Werbung oder andere unaufdringliche Formen setzen. Bei anderen gibt es jedoch großen Nachbesserungsbedarf. “Am schwersten fällt es den Seitenbetreibern, auf Animationen zu verzichten”, erklärt Faida. Für die aufmerksamkeitsheischende Zappel-Werbung zahlen die Werbekunden die höchsten Preise.

Durch die ständig wachsende Zahl an Nutzern wollen die Adblock-Plus-Macher Druck aufbauen. “Im Moment können wir zum Beispiel nicht erwarten, dass sich eine große Nachrichtenseite komplett nach unseren Kriterien umstellt”, sagt Faida. Aber der Filter ist flexibel genug, um zwischen verschiedenen Werbeplätzen zu unterscheiden. So haben verschiedene Angebote besondere Werbeplätze allein für nicht-nervende Werbung reserviert, die dann auch bei Adblock-Plus-Nutzern angezeigt werden kann – der Rest der Webseiten wird jedoch nach wie vor komplett von Werbung befreit.

Noch sehen nicht alle Werbetreibenden Handlungsbedarf. “Zurzeit stellen Werbeblocker kein Problem dar”, erklärt Paul Mudter, Geschäftsleiter Interactive beim Werbevermarkter IP Deutschland. “Bei zehn bis 15 Prozent der Seitenaufrufe im IP-Universum ist Werbung geblockt und diese Zahl ist in den letzten Jahren stabil geblieben.”

Doch diese Zahl könnte beträchtlich steigen. So haben die Macher von Adblock Plus eine Firma gegründet, die Werbeblocking-Techniken auch an andere Unternehmen verkaufen will. Auch die Konkurrenz hat den Bedarf erkannt, der Werbeflut Einhalt zu gebieten. So hat der Anti-Viren-Anbieter AVG im April eine neue Software vorgestellt, die gegen so genannte Tracking-Techniken vorgeht, die zur Zuordnung von Internetnutzern verwendet werden.

Werbung wird wie ein Virus behandelt

Mit Hilfe so genannter Tracking-Cookies kann den Internetsurfern speziell zugeschnittene Werbung angezeigt werden. Neuester Trend ist das so genannte “Retargeting”: Wer auf einer Webseite einen bestimmten Einkauf nicht zu Ende durchgeführt hat, bekommt dann gezielt den Artikel empfohlen, den er noch nicht gekauft hat. So sollen wankelmütige Interessenten zu Kunden gemacht werden.

Mudter sieht diese Entwicklung mit Sorge: “Ein standardmäßigen Tracking-Cookie beispielsweise mit einer ‘schadhaften Software’ im Virenchecker gleichzusetzen würde bedeuten, unnötig Ängste von Usern zu schüren – mit der logischen Konsequenz, dass diese zur Sicherheit sämtliche Werbung blocken würden.” Dies sei ein fragwürdiges Geschäftsmodell für Virenschutzprogramme. Sollten zu viele Nutzer zu Werbeblockern greifen, könnten diese Nutzer sogar von bestimmten Angeboten ausgeschlossen werden.

Doch auch auf der anderen Seite regt sich Widerstand. Manche Nutzer sind von der Werbung so angewidert, dass sie die “Acceptable Ads”-Initiative als Kapitulation vor der Werbeindustrie empfinden. Auch wenn Adblock-Plus-Nutzer die Ausnahmeregelung mit wenigen Klicks ausschalten können, sehen die Werbegegner darin einen Präzedenzfall, der nicht toleriert werden darf. Sie schufen kurzerhand eine andere Version des Programms, die dem Original weitgehend entspricht – allerdings ohne Ausnahmeregelung. Ihr Name: Adblock Lite. 100.000 Nutzer haben die Erweiterung bereits installiert – und sind somit auch nicht für nicht-nervige Werbung erreichbar.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)

 

 

 

Autor: Torsten Kleinz

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Torsten Kleinz ist freier Journalist und Blogger aus Köln. Seine Kernfrage: Was macht das Netz mit uns und was machen wir mit dem Netz?
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