Unterwegs mit dem Facebook-Ausweis

 

Facebook-Identity Card (Foto: tobimcfly)

Facebook-Identity Card (Foto: tobimcfly)

Ein Stück Plastik im Scheckkartenformat, gestaltet im typischen Facebook-Blau, unten in der Ecke sitzt ein echter QR-Code, der zum Facebook-Profil des Kartenbesitzers führt: Ein Berliner Computer-Künstler ist Mark Zuckerberg zuvorgekommen und verteilt heute Abend in Berlin den offiziell anmutenden Facebook-Ausweis. Es wird wohl eine einmalige Aktion bleiben, denn auf große Begeisterung stieß dieser “Hack” bei Facebook nicht.

Dass Jugendliche beim Kennenlernen statt Telefonnummern oder Visitenkarten User-Namen austauschen, soll schon zu Zeiten von MySpace vorgekommen sein. Heutzutage verknüpft man sich per Facebook und findet flüchtige Bekannte am ehesten wieder, wenn man bei Facebook ihren Namen eingibt. Und dort erfährt man – je nachdem, wie locker die Gesuchten mit ihren Privatsphäre-Einstellungen umgehen – bisweilen noch eine ganze Menge mehr.

Millionen User nutzen diese einfache Vernetzungsmöglichkeit, meist ohne sich Sorgen zu machen. Und schon heute erfüllt das eigene Facebook-Profil eine Art Ausweisfunktion, die ungemein praktisch ist: Via Facebook-Connect lassen sich im Netz viele Angebote nutzen, die eine Authentifizierung verlangen, ohne sich jedes Mal neu dort anmelden zu müssen. Kritiker jedoch warnen: “Facebook weiß inzwischen mehr über mich als der Staat”, erklärt Tobias Leingruber. Der Computer-Künstler und Kommunikationsdesigner hat bereits in der Vergangenheit durch kritische Facebook-Aktionen von sich reden gemacht. Deshalb sei ihm nun die Idee gekommen, einen physischen Ausweis für Facebook-Nutzer zu basteln.

Es geht um Kontrollverlust

Auf seiner Website www.fb-bureau.com (jetzt auf Druck von Facebook vom Netz genommen) zeigte Leingruber den Prototyp. Ein hingebungsvolles Fan-Symbol sollte das allerdings nicht sein – im Gegenteil: “Facebook etabliert seine Ordnung im World-Wide-Web”, sagt Leingruber. Der Marktführer unter den Social Networks breitet sich durch seine Schnittstellen wie Facebook-Connect und den Like-Button immer weiter auf andere Seiten aus. Zugleich zieht Facebooks Sog andere Website-Betreiber mit ihren Inhalten auf die Plattform, wo sich Millionen potenzielle User aufhalten (aber die Hausregeln von Facebook gelten).

Für den einzelnen Nutzer bedeutet Facebook einen Verlust von Anonymität: “Vergesst Privatsphäre. Der nächste Kampf geht darum, wer deine Identität kontrolliert”, schreibt Leingruber in markigen Worten dazu. Der an die Börse strebende Konzern von Mark Zuckerberg verhalte sich sogar teilweise schon wie ein eigener Staat mit Hoheitsrechten: Angeblich habe es kurzzeitig sogar Gespräche zwischen Facebook und der US-Regierung über eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Ausweisen mit Online-Identifikation gegeben, sagt der Künstler.

Ganz so weit ist Facebook aber noch nicht – obwohl eine offiziell anerkannte Ausweisfunktion durchaus in die langfristige Strategie des Unternehmens passen würde. “Auf gewisse Art freuen sich die Leute bei Facebook bestimmt, dass ich nun vorgelegt habe”, meint Leingruber. Auf eine andere, sehr konkrete Art allerdings nicht: Nach eigenen Angaben hat der Ausweis-Aussteller ein Anwaltsschreiben von Facebook aus den USA bekommen. Gestern ist der Künstler der Aufforderung nachgekommen und hat seine Seite www.fb-bureau.com aus dem Netz genommen. Zu der Aktion in Berlin wollte sich die deutsche Pressestelle von Facebook gegenüber Hyperland übrigens nicht äußern.

Ausgabe der Ausweise in Berlin

“Die Idee ist raus, das Projekt ist erfolgreich”, sagt Leingruber. Ihm reiche die durch Blogs und Medienberichte erzielte Aufmerksamkeit. Und im Berliner Künstlerzentrum “Supermarkt” will er heute Abend (19.00 Uhr bis 23.30 Uhr) dennoch wie angekündigt seine temporäre Passdienststelle eröffnen und Plastikkärtchen für Facebook-User ausstellen.

Allerdings stieß die Vision, dass soziale Netzwerke nicht nur digitale Visitenkarten sein, sondern auch Ausweisfunktionen übernehmen können, nicht nur bei Menschen auf Interesse, die die wachsende Macht der Konzerne kritisch sehen: Ein begeisterter Google-Plus-Fan baute nach Leingrubers Vorbild eine Website, auf der sich die Nutzer die Vorlage für einen Google-Plus-Ausweis selbst erstellen können.

Google-ID-Card des Autors (Foto: Screenshot)

Google-ID-Card des Autors (Foto: Screenshot)

Wer sich jetzt an das kurzzeitig gehypte Kennenlerngadget “Poken” erinnert fühlt (von dem heute keiner mehr spricht) und über die Fans lacht, die nun unbedingt so ein Plastikkärtchen in der Brieftasche bei sich tragen wollen (nicht aus Kritik, sondern weil sie es nützlich finden) sollte sich nicht zu früh freuen: Der elektronische Mitgliedsausweise mit integrierter NFC-Bezahlfunktion, automatischer WLAN-Kennenlerneinrichtung und RFID-Payback-Anschluss wird kommen – er ist einfach zu praktisch! ;-)

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autoren wieder)

5 Kommentare | 02. März 2012 | 11:48 Uhr | Twittern | Facebook

5 Kommentare

  1. ich will auch so einen, wohne aber leider nicht in berlin. :’(

    sven | 2. März 2012 | 12:09
  2. Was nutz der Ausweis, wenn der Server lahmgelegt wird…server restart packt er nicht..also weg damit…wir brauchen richtige und mächtige Ausweise..Kinderzeug gehören zum Kindergarten..

    Mineiro | 2. März 2012 | 14:07
  3. Facebook fand ich schon immer doof :-D

    Reime Freund | 2. März 2012 | 15:36
  4. Die Facebookkarte hat natürlich einen gewissen Gageffekt. Von der Anwendung her ein alter Hut: Visitenkarten mit QR-Code auf der Rückseite zu den Socialprofilen tauchen schon seit Längerem regelmäßig auf. Vorteil der Kombi-Visi ist eben, dass sie im Vergleich zur oben erwähnten Karte nicht zwingend sofort abgescannt werden muss, sondern auch herkömmlich benutzt und vom Gegenüber mitgenommen(!) werden kann.

    Sven | 3. März 2012 | 18:13
  5. Bald braucht der Mensch einen Anhänger, um all seine Plastikkarten zu transportieren. Eine Karte für alles wäre schon ne feine Sache, wenn man dann auch die volle Kontrolle darüber hätte.

    Matthias Griesbach | 1. August 2012 | 10:09