Pinterest: Traffic-Schleuder ohne Urheber
Die Sieger im Kampf um die User schien festzustehen: Facebook und Twitter mit Gold und Silber auf dem Siegerpodest, Google+ streckte schon die Hände nach Bronze aus. Doch jetzt kommt Pinterest ins Rennen. Es ist einfach zu nutzen, vermeldet explodierende Nutzerzahlen – und eignet sich dreist alle Inhalte an, die von den Nutzern eingestellt werden. Probleme mit dem Urheberrecht gehören damit quasi zum Funktionsumfang des Dienstes.
Falls Sie Pinterest nicht kennen: Sie legen dort thematisch sortierte “Pinnwände” an, zum Beispiel für Lifestyle-, Mode- und Landschaftsbilder. Diesen Pinnwänden können andere Nutzer wie üblich als “Follower” folgen; umgekehrt können auch Sie selbst die Pinnwände anderer User verfolgen. Das System funktioniert wie bei Facebook und Twitter, bloß ohne Texte. Statt eine Statusmeldung zu schreiben, “pinnen” Sie bei Pinterest einfach ein Foto an die virtuelle Korktafel. Text funktioniert nicht, und selbst wenn Sie einen Link “pinnen”, verwendet Pinterest statt des Adresstextes ein Bild von der Zielwebseite als visuelles Lesezeichen. Es ist kinderleicht.
Bilderflut ohne Urheber
Nur rechtlich ist das schwer verdauliche Kost. Denn alle Bilder auf Pinterest haben ja einen Urheber. Und dass dieser sein Einverständnis gegeben hat, dürfte in praktisch allen Fällen eher unwahrscheinlich sein. Zwar kann jeder User prinzipiell auch eigene Bilder hochladen. Aber wie beim bildreichen Trend-Blog Tumblr ist das die Ausnahme. Die meisten Nutzer nehmen die Bilder, die automatisch beim Pinnen von Websites erscheinen. Oder sie heften Fotos, die sie sehen, per “Repin” im Handumdrehen an ihre eigenen Boards.
Die Nutzer machen es sich damit allerdings zu einfach, bzw. Pinterest macht es ihnen zu einfach: Denn die Plattform räumt sich nämlich via EULA (Endbenutzer-Lizenzvereinbarung, von engl. End User License Agreement) die Möglichkeit ein, alle eingestellten Inhalte beliebig verwenden zu können. Wer durch das Pinnen Fotos einstellt, erteilt Pinterest also eine weltweite, unwiderrufliche, unbefristete, nicht-exklusive, übertragbare und gebührenfreie Lizenz und räumt dem Korkwand-Dienst obendrein das Recht ein, die Inhalte zu verändern, anderweitig zu lizenzieren und sogar zu verkaufen.
Bei den eigenen Schnappschüssen mag einem das noch egal sein. Das Problem beginnt aber bereits, wenn auf den Fotos Personen erkennbar abgebildet sind. Und pinnt man Bilder, die Dritte gemacht haben, verstößt man fast automatisch gegen die Lizenz von Pinterest und gegen geltendes Recht. Denn nur der Urheber kann Pinterest solche Rechte einräumen. Und Urheber- und Verbreitungsrechte sind im Bereich der Fotografie ohnehin deutlich ausgeprägter als etwa beim Text. Nicht nur die Fotos, auch darauf abgebildete Gegenstände, Produkte oder Bauwerke können urheberrechtlich geschützt sein. Und der Urheber kann dagegen vorgehen: Schon seit Jahren spezialisiert man sich in Juristenkreisen darauf, Bilderklau zu erkennen und zu verfolgen. Das kann lukrativ sein.
Nach aktuellem Rechtsverständnis ist stets der verbreitende Nutzer haftbar, nicht der Dienst. Wer leichtfertig alles an seine Pinnwand heftet, wird unter Umständen zur Kasse gebeten. So sieht das auch Rechtsanwalt Thomas Schwenke: “Sie sollten sich bewusst sein, dass Sie sich beim Teilen von Inhalten oft jenseits des Erlaubten bewegen“, schreibt er in einem Beitrag auf spreerecht.de und rät, schon mal 700 Euro für die Abmahnung bereitzulegen.
Feigenblättchen unsinniger Gegenmaßnahmen
Der Nutzer ist dann selbst schuld. Pinterest haftet nämlich erst, wenn es Kenntnis von der Urheberrechtsverletzung erhält. Dazu bietet man neuerdings die “Copyright Complaint (DMCA) notification“ an, wie man sie auch von Google und Hotfile kennt. Sie bietet Copyright-Inhabern die Möglichkeit, gegen unrechtmäßig verbreitetes Material anzugehen. Allerdings erscheint das mehr als weltfremd. Für jeden gebannten Film wird ein neuer hochgeladen, und jedes einzelne Bild bei Pinterest entfernen zu lassen wird professionellen Fotografen und Bildagenturen kaum sinnvoll erscheinen.
Als Lösung schlug Pinterest Ende Februar vor, dass Dienste einen speziellen Hinweis (Metatag) in ihre Seite einbinden könnten. Der Dienst liest das Metatag beim Pinnen aus und weigert sich dann, Bilder zu übernehmen – Flickr nutzt es bereits. Klingt nach einer guten Lösung, doch ist mit dartitup, Gentlemint, MANteresting, Minglewing, openPin und stylepin ja schon das erste Dutzend gleichartiger Dienste unterwegs. Sollen Seitenbetreiber auch deren Tags einbinden, sobald diese ähnliche Feigenblättchen auspacken? Und so mit allen weiteren Diensten verfahren? In Wirklichkeit ist all diesen Diensten das Urheberrecht egal, das zeigt nicht zuletzt der deutsche Pinterest-Klon Pinspire, der sein Vorbild derart frech kopierte, dass sogar das Wort “Pinterest” in den Nutzungsbedingungen verblieb (inzwischen geändert).
Warum Pinterest? Pinterest bringt Reichweite!
Das kann man gut finden oder schlecht. Man kann es auch einfach ignorieren, bis sich die Rechtsprechung der Situation angepasst hat. Und das fällt der Web-Szene besonders leicht, weil Pinterest ja auch verführerische Seiten hat.
Zum einen boomt es fast exponentiell: Im Alexa-Ranking hat sich der Dienst aus Kalifornien bereits hinter Microsofts Suchmaschine Bing geheftet, in Deutschland soll er allein im Februar um 288 Prozent zugelegt haben. Marktforscher bei Comscore weisen vor allem auf die hohe Verweildauer hin: 88 Minuten verbringt der durchschnittliche Nutzer demnach monatlich auf pinterest.com. Facebook bleibt zwar mit 394 Minuten pro Monat der Sitzungskönig, aber bereits Twitter ist mit etwas über 24 Minuten ein vergleichsweise flüchtig besuchter Dienst und Google+ vermag seine “Plusser” sogar nur 5 Minuten pro Monat bei der Stange zu halten. Eine solche Verweildauer ist für Werber hochinteressant.
Zum anderen lässt sich der Dienst ganz hervorragend zur Erhöhung der eigenen Reichweite nutzen. Denn jeder “Repin” bei Pinterest sorgt ja für eine Multiplikation der Interesses. Wie bei Google News profitieren die verlinkten Webseiten davon, dass man sich ihrer Bilder bediente. Und je attraktiver ein Inhalt, desto mehr User heften ihn sich auch an ihre Korkwand. Das steigert spürbar den begehrten Traffic: Der Social-Dienst Shareaholic berichtet in seinem Blog, dass Pinterest inzwischen mehr Surfer zu verlinkten Seiten lockt als Bing, Twitter oder Google Plus.
Angesichts solcher Werbewirkung fällt es anderen Marktteilnehmern natürlich schwer, Pins generell abzulehnen. Und so bindet auch Flickr derzeit nur bei solchen Fotos das Anti-Pinterest-Metatag ein, wo der Urheber ausdrücklich alle Rechte vorbehalten hat.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autoren wieder)
12 Kommentare | 21. März 2012 | 10:53 Uhr |
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Hier hilft nur eine Vorgehensweise. Ausschließlich eigene Bilder verwenden, denn immerhin bietet Pinterest immer eine Auswahl von Bildern, die das System auf der betroffenen Seite gefunden hat.
Oder mal schleunigst einen gänzlich anderen, zukunftsfähigen, die Gesamtgesellschaft voran bringenden Umgang mit Kulturgütern zu entwickeln und nicht weiter entwicklungshemmende Partikularinteressen geldgieriger Institutionen des letzten und vorletzten Jahrhunderts mit absurden Gesetzen zu bedienen
Die Nutzer sind (auch nach deutschem Recht) völlig ungefährdet, denn sie verfassen selbst nur einen beschreibenden Text zum Bild und wählen das zu verlinkende Bild aus. Dass Pinterest (wahrscheinlich noch im Rahmen des Zitatrechts) daraus automatisch eine kleine und eine große Vorschau generiert, liegt nicht im Verantwortungsbereich der Benutzer. Das gilt zumindest so lange, wie man auf Produkte, Artikel o.ä. verlinkt und die Bilder diese lediglich illustrieren. Wenn das Ziel hingegen die Grafik oder das Foto selbst ist, dass dann mitunter in voller Originalgröße bei Pinterest gespeichert und angezeigt wird, sieht es womöglich anders aus – deswegen kann man Flickrs Verhalten nachvollziehen. Nicht nachvollziehen kann man hingegen die Verwendung des Metatags , denn das ist alles andere als generisch: wäre bspw. eine bessere (Adhoc-)Variante.
Solange die Mitglieder nur ihre eigenen Bilder dort veröffentlichen, geht es ja noch. Was ist aber bei geklautem Bildmaterial? Oder noch unangenehmer, bei Bildern, die mittels Hotlinking eingestellt werden. Als Besitzer dieser Bilder hat man dann ein großes Problem, das Urheberrecht geltend zu machen.
Ich stimme Hubert zu. Es wird Zeit, dass das veraltetet Urhebergesetz der aktuellen Zeit angepasst wird.
@Crissov:
Das ist rechtlich schlicht falsch. Siehe schon den oben verlinkten Beitrag des Berufskollegen Thomas Schwenke.
Urheberrecht, ein genauso umfassendes wie vages Recht, aber eine feine Sache wenn man meint, davon profitieren zu können. Dabei vergessen manche, dass auch die Vase auf dem Stilleben dem Urheberrecht unterliegt, auch die von einem Architekt geschaffene Anordung der Pflanzen auf der Landesgartenschau, oder der von einer Künstlerin bei einer Veranstaltung auf das Gesicht eines Kindes gemalte Tigerkopf, alles schöne Fotomotive
Also, immer langsam mit den jungen Pferden.
Ganz grundsätzlich muss man mal anfangen zu unterscheiden, ob tatsächlich eine Kopie gemacht und dauerhaft gespeichert wird, oder ob nur verlinkt wird. Bei zweiterem sehe ich das Urheberrecht nicht verletzt, ich gehe davon aus, dass die nächste Richtergeneration anfangen wird, diesen Unterschied zu berücksichtigen. Hoffen kann man nur, dass unsere Richter schon heute endlich anfangen, der Abmahnmafia einen Riegel vorzuschieben.
Pinterest hat heute seine Terms of Use angepasst und dabei den Passus entfernt, in dem man sich das Recht zum Verkauf aller eingestellten Bilder und andere Daten einräumte: “Our original Terms stated that by posting content to Pinterest you grant Pinterest the right for to sell your content. Selling content was never our intention and we removed this from our updated Terms.”
Facebook oder Google+ hat jederzeit die Möglichkeit Bilderfunktionen wie bei Pinterest einzuführen. Ich bezweile dass Pinterest aufgrund der hohen Marketingkosten dauerhaft überleben kann. Die Konkurrenz hat weitaus mehr Stamm-User und ist finanziell stark aufgestellt. Ich wette, dass schon in zwei Jahren der Hype um Pinterest wieder vorbei ist.
Es gibt inzwischen einen Lösungsansatz für das Urheberrecht bei Pinterest, mit dem man verhindern kann, das Fotos dort gepostet werden, siehe Beitrag http://www.marketingfish.de/all/alles-nur-gecloud-wenn-inhalte-in-der-cloud-gegen-urheberrechte-verstossen-5881/
Ob das a) ausreichend sein wird und wie b) die ganzen Copycats wie z. B. Pinspire damit umgehen, kann ich aber nicht beurteilen.
[...] weibliche User einen Nutzen in dem Dienst sehen. Besonders deutlich zeigt dies momentan der rasante Aufstieg des sozialen Netzwerks Pinterest – fast 98 Prozent der User sind [...]
Ich bin mal gespannt, was es dann noch an technischem und sonstigen Fortschritt gibt, wenn der Schutz des geistigen Eigentums abgeschafft wird. Wer hat dann noch Interesse, neue Medikamente zu entwickeln, neue Autos, neue Musik zu machen, etc.
Leute, denkt erst mal richtig nach (sofern das bei einigen noch möglich ist), bevor ihr hier wild rumschreit, dass das UrHG den Bilderdieben (respektive den Filmdieben, etc.) angepasst wird.
Wie das aussieht, wenn sich keiner mehr um Qualität und Genauigkeit schwert, erlebe ich hier (in China) jeden Tag.
Ich möchte z.B. nicht in einem Flieger sitzen, wo kopierte Billigteile, womöglich noch mit Herstellungs- und Materialfehlern als Ersatzteile verbaut sind …