Kony 2012 oder die erste Online-Treibjagd auf einen Verbrecher

Kony 2012 wird in die Geschichte der erfolgreichsten Viralkampagnen und in die Lehrbücher für Propaganda eingehen, soviel steht fest. Die von der Non-Profit-Organisation Invisible Children initiierte Kampagne zur Jagd auf Joseph Kony, dem international gesuchten Massenmörder und Chef der Lord’s Resistance Army (LRA) in Uganda, ist perfekt, fast schon beängstigend perfekt. Denn sie zeigt, wie wirkungsvoll sich mit einem spärlichem Maß an Informationen über das Netz in kurzer Zeit Massen mobilisieren oder manipulieren lassen.

Vielleicht muss man den Bericht über Kony 2012 mit einem Tweet von Steffen Seibert beginnen:

„#Kony – DEU hat das Thema in den UN-Sicherheitsrat eingebracht. Wir unterstützen Afr. Union im Kampf gegen die Gruppe und ihre Verbrechen“

verbreitete der Regierungssprecher am Donnerstag gegen Mittag über Twitter. In einer Art sich selbst verstärkender Aufmerksamkeitswelle ist das Thema aus der Politik über den Verstärker Internet wieder in der Politik gelandet. Denn Joseph Kony ist in politischen Kreisen schon lange kein Unbekannter mehr. 2005 wurde ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof (ICC) gegen ihn erlassen. Seit über zwei Jahrzehnten führt Kony Krieg gegen die Regierung Ugandas. Er sieht sich als Befreier mit christlich-fundamentalistischer Ideologie. Er will in Uganda eine Regierung basierend auf den Zehn Geboten einführen. Er lässt morden und er soll bis zu 60.000 Kinder verschleppt und viele davon als Kindersoldaten eingesetzt haben.

Die perfekte Kampagne

An diesem Punkt setzt “Invisible Children” an. Unter der Überschrift Kony 2012 starten die Gründer der Organisation, Jason Russell und Laren Poole, ihre Kampagne, die das Beste aus den Disziplinen der Hollywood-Filmproduktion, angewandter Netzwerktheorie und Kommunikationswissenschaft zu einem Gesamtkunstwerk vereint.

Zentrales Element der Kampagne ist ein knapp halbstündiger Film, der seit seiner Veröffentlichung am Montag allein auf Youtube bald 40 Millionen Abrufe eingesammelt hat. Der Film macht alles richtig. Aufgebaut ist er nach einem nahezu klassischen Drehbuch in Hollywood-Manier. Fast schon holzhammermäßig beginnt er mit einer Geburt. Über den kleinen Sohn des Autors auf der einen und den als Kindersoldat missbrauchten Jacob auf der anderen Seite werden sehr schnell emotionale Bindungen zum Zuschauer geknüpft, die in starkes Mitgefühl münden, wenn das grausame Schicksal des Jungen aus Uganda klar wird.

Diese Gefühle richten sich dann gegen den Verursacher des Bösen, Joseph Kony. Sie steigern sich bis zum Ende und werden mit einer Handlungsaufforderung (Spenden oder das Video empfehlen) aufgefangen. Der Zuschauer bekommt also die Gelegenheit, seine über fast 30 Minuten aufgebauten Emotionen über eine Handlung abzuleiten.

Prominente Unterstützer

Und damit beginnen der netztheoretische und kommunikationstechnische Teil. Sehr sorgsam ist der Film eingebettet in eine Fülle von Maßnahmen, die einen Erfolg fast garantieren: “Invisible Children” hat es verstanden, dass für die optimale Verbreitung einer Botschaft im Netz wichtige Netzwerknoten besetzt werden müssen, von denen aus sie sich weiterverbreitet und aufschaukelt. Worüber diese Personen im Netz sprechen, verbreitet sich in kürzester Zeit.

Die Nutzer werden aufgefordert, 20 Prominente und zwölf Politiker (2012!) aus der ersten Liga zu kontaktieren, damit sie Ihren Namen geben, um die Aktion zu unterstützen: Von Angelina Jolie über Lady Gaga bis Mark Zuckerberg, von Bush über Clinton bis Romney ist für jeden Zuschauer eine Figur dabei, mit der er sympathisieren kann und die für ihn gleichzeitig eine Legitimationsbasis für das eigene Handeln anbietet.

Die Kontaktaufnahme geht ganz einfach über Twitter und die Botschaft ist schon vorbereitet, der berühmte eine Klick genügt zur Weiterverbreitung der Nachricht:

“Help us end #LRA violence. Visitkony2012.com to find out why and how. #AngelinaJolie join us for #KONY2012″

Und hier wird es manipulativ: Denn unklar ist, wer von den Promis sich schon zu Kony2012 bekannt hat und wer nicht. In einem Interviewschnipsel unklarer Herkunft, sieht es so aus, als gehöre George Clooney bereits zu den Unterstützern. Und sogar Barack Obama wird frech vereinnahmt: Die Entsendung von 100 Militärberatern nach Uganda wird als größter Erfolg der Kampagne dargestellt. Doch die Rechnung geht auf: Mittlerweile schalten sich viele Prominente tatsächlich aktiv mit ein.

Kamgagnentechnisch alles richtig gemacht

Auch die Kampagne ist genial konstruiert: Es gibt zunächst eine klare, abgestufte Handlungsanleitung bei geringer Einstiegshürde (Du willst nicht spenden? Ok! Weiterverbreiten kostet dich nichts!). Außerdem hat sie ein deutliches Ziel und mit dem 20. April ein festes Ende. Sie funktioniert wie eine Wahlkampagne und nutzt sogar die Wahlkampfzeit in den USA, in der die Politiker sich natürlich gerne moralisch zeigen.

Am 20. April soll die ganze Welt wissen, wer Joseph Kony ist. Kony 2012 schafft ein künstliches Wir-Gefühl: Es ist die erste organisierte Online-Treibjagd auf einen Menschenschlächter. Neben Steffen Seibert hoffen seit dem 5. März Millionen Menschen im Netz, dass er endlich zur Strecke gebracht wird (wieviele kannten ihn eigentlich vorher?). Daran gibt es doch nichts zu kritisieren?

Wirklich?

Nach der ersten Welle der Zustimmung finden sich auch mehr und mehr kritische Berichte über die Organisation, ihr Vorgehen und die Ziele der Kampagne.

Deren eigentlicher Kunstgriff ist es aber, die wirkliche Absicht zu verschleiern und an vielen Stellen den Nutzer/Zuschauer geschickt zu manipulieren. Der Protagonist Kony, der quasi das Böse an sich verkörpert und für den es keine Sympathien geben darf, wird als Medium für die Verbreitung der eigenen Sache genutzt, obwohl er gar nicht mehr “aktiv” ist. Er ist vielmehr untergetaucht könnte aber zurückkehren, wenn “wir” in unseren Bemühungen nachlassen.

Kony 2012 funktioniert wie eine kleine Gehirnwäsche, nach der man sich aber erfrischt fühlt! Die Macher bauen dabei auf eine weitere emotionale Übertragung: Wenn es an Kony keine Kritik geben darf, wird es sie dann an “Invisible Children” geben? Im Schatten des wahrhaft Bösen, strahlt das Gute umso heller.

Wenn man genau hinschaut, gibt der Film sogar selbst über seine eigentlichen Ziele Auskunft: Es sollen (monatliche) Spenden gesammelt werden und die Marke “Invisible Children” soll bekannt gemacht werden. Eingebettet ist auch das in eine Botschaft, die dem Empfänger ein gutes Gefühl geben soll: Auf DICH kommt es an! Kauf dir ein Action-Kit, kauf dir ein Armband, spende!

Verpackt wird am Ende alles in eine Utopie. Im Film heißt es: “Wir bestimmen die Nachrichten der Welt, indem wir die Propaganda, die wir jeden Tag den ganzen Tag lang sehen und die uns diktiert, wem und worauf wir unser Aufmerksamkeit richten sollen, neu definieren.” Auch das eine Illusion, denn in dieser Kampagne einigt sich die Community ja gerade nicht selbst auf ein Ziel, sondern wird von wenigen Personen für die eigenen Ziele eingespannt.

Den Initiatoren von Kony 2012 ist es aber tatsächlich gelungen, die Nachrichtenlage zu bestimmen (wenigstens zeitweilig, wie auch dieser Beitrag beweist). Russell und Poole wollen im Sinne einer kritischen Öffentlichkeit die Pyramide der Meinungshierachie auf den Kopf stellen. Und auch das hat funktioniert, wie die vielen Berichte zeigen, die sich mittlerweile auch kritisch mit der Kampagne auseinandersetzen. Wer also, bevor er auf Like oder Weiterleiten klickt, sich ein eigenen Bild machen möchte, hat dazu die Gelegenheit und das ist durchweg positiv.

Weitere Links:

# Stellungnahme Invisible Children an der Kritik aus dem Netz

# Guardian: Kony 2012: what’s the real story

# Foreigen Policy: Joseph Kony is not in Uganda (and other complicated things)

# Huffington Post: The Problem With Invisible Children’s “Kony 2012″

# Unpacking Kony 2012

Mitarbeit: George P. Schnyder

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder)

Autor: Julius Endert

Autorenbild

Julius Endert ist freier Journalist und Autor und koordiniert das Hyperlandblog im Auftrag von heute.de. Er ist Inhaber der Journalisten-Agentur Netz-Lloyd GmbH und aktiver Gesellschafter der European Web Video Academy.
Alle Beiträge von Julius Endert anzeigen