Wissen muss frei sein

Wissen gehört nicht hinter Schloss und Riegel (Foto: Julius Endert, CC BY 2.0)

Wissen gehört nicht hinter Schloss und Riegel (Foto: Julius Endert, CC BY 2.0)

Der Zugang zu Wissen sollte frei sein. Insbesondere die Nutzung von Forschungsergebnissen, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden, darf keiner Beschränkung unterliegen, sagen die Anhänger der Open-Access-Bewegung. Die traditionellen Wissenschaftsverlage sehen das anders, sie möchten weiter an der Publikation der Ergebnisse verdienen. Zwischen beiden Lagern ist nun ein heftiger Streit entbrannt. 

Von solchen Zahlen können viele andere Verlage nur träumen: 36.000 Mitarbeiter weltweit, 200 Niederlassungen, 3.000 Websites und ein sagenhafter Jahresumsatz von rund 7 Milliarden Euro. Keine Frage, der Verlag Reed Elsevier, von dem hier die Rede ist, gehört zu ganz großen Playern im Markt. In der aktuellen Liste der 50 größten Medienkonzerne der Welt, die das Institut für Medien- und Kommunalpolitik alljährlich erstellt, rangiert der Verlag auf Platz 15 – zwar hinter Walt Disney (Platz 2), Time Warner (Platz 5) oder Bertelsmann (Platz 7), aber vor der ARD (Platz 17), der BBC (Platz 19), oder der Axel Springer AG (Platz 43).

Der unbekannte Riese

So erfolgreich der Verlag, so unbekannt ist er in der breiten Öffentlichkeit, tummelt er sich doch in einem Marktsegment für Spezialisten. In seinen gut 2.000 Fachzeitschriften und 20.000 Fachbüchern veröffentlicht der Verlag ausschließlich wissenschaftliche Forschungsergebnisse. Hinzu kommen zahlreiche wissenschaftliche Online-Datenbanken.

All das lässt sich Reed Elsevier fürstlich vergüten. In “The Cost of Knowledge (PDF-Datei)”, einem Protestpapier gegen die Geschäftspraktiken des Verlags, das von zahlreichen Wissenschaftlern unterzeichnet wurde, wird für seine mathematischen Zeitschriften ein Seitenpreis von “mindestens 1,30 $” errechnet. Zum Vergleich: die von der Universität Princeton herausgegebenen und in Fachkreisen hochangesehenen “Annals of Mathematics” kommen auf einen Seitenpreis von 0,13 $.

Nun ist die Preisgestaltung natürlich Sache des Verlags und wäre nicht weiter der Rede wert, wenn Reed Elsevier nicht – wie alle Wissenschaftsverlage – ein ganz besonderes Geschäftsmodell besäße, das sich in überspitzter Kurzform so liest: Die Kosten werden von anderen (häufig von der öffentlichen Hand) getragen, die Gewinne vom Verlag abgeschöpft.

Denn ein Wissenschaftsverlag zahlt traditionell keine Honorare – nicht an die Autoren, nicht an die Herausgeber und auch nicht an die Fachgutachter. Deren Gehälter werden von ihren Arbeitgebern bezahlt, also den Universität und Instituten, an denen die Wissenschaftler forschen und arbeiten. Die verlegerische Leistung lässt sich im Grunde auf die üblichen Produktions- und Vertriebsleistungen reduzieren, deren Kosten dank zunehmender Digitalisierung stetig fallen. Die zu minimalen Kosten erstellten Produkte werden anschließend zu maximalen Preisen an die Universitäten verkauft.

Aufstand gegen den “Vampir”

Für den Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist Elsevier “ein Vampir, der sich […] die Ergebnisse der Wissenschaft einverleibt und teuer an sie zurück verkauft” und der “dabei eine Profitgier, eine Rücksichtslosigkeit und eine Respektlosigkeit gegenüber den Kerngedanken der Wissenschaft an den Tag legt, die in kaum einer anderen Branche toleriert würde.”

Mit seiner deutlichen Kritik an Elsevier und am Geschäftsmodell der Wissenschaftsverlage steht Stefanowitsch nicht allein. So ruft der britische Mathematiker und Träger der Fields-Medaille Timothy Gowers zu einem Boykott von Elsevier auf, dem sich inzwischen gut 6.000 Wissenschaftler angeschlossen haben.

Dabei sind es nicht nur die als völlig überzogen empfundenen Preise oder die Art und Weise, wie Elsevier Bibliotheken davon überzeugt, möglichst viele Zeitschriften zu abonnieren, gegen die die Wissenschaftler auf die Barrikaden gehen.

Frontalangriff gegen Open Access

Es ist auch Elseviers massive Unterstützung von SOPA und des “Research Works Act“. Dieser Gesetzesentwurf der Abgeordneten Darrell Issa und Carolyn B. Maloney – deren Wahlkampf unter anderem mit Spenden von Reed Elsevier finanziert wurde – ist ein Frontalangriff auf die Open-Access-Politik des “National Institute of Health (NIH)”. Seit 2008 müssen Forschungsergebnisse, die mit Unterstützung des NIH entstehen, spätestens sechs Monate nach der ersten Veröffentlichung dem NIH zur Publikation in der frei zugänglichen Datenbank PubMed Central zur Verfügung gestellt werden. Genau diese Verpflichtung will der Research Works Act aushebeln.

Auch in Europa versuchen die Wissenschaftsverlage die ihnen allmählich entgleitende Kontrolle über die mit fremden Geldern finanzierten Inhalte zu behalten. So strengten Mitte Dezember die Verlage Elsevier, Thieme und Springer (nicht zu verwechseln mit der Axel Springer AG) laut NZZ eine Klage gegen die Bibliothek der ETH Zürich an, die ihren Benutzern digitale Kopien aktueller Fachartikel für den internen Gebrauch zugänglich macht.

Diese Klage ist ein wenig verwunderlich, steht die Bibliothekspraxis doch im Einklang mit dem schweizer Urheberrecht und es bleibt abzuwarten, wie diese Klage vor Gericht begründet werden wird. Vielleicht ist sie aber auch ein hoffnungsvolles Indiz für die den Wissenschaftsverlagen allmählich dämmernde Erkenntnis, dass sich auf lange Sicht Open Access durchsetzen wird und die fetten Jahre allmählich vorbei sein könnten.

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Autor: Giesbert Damaschke

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Giesbert Damaschke studierte Germanistik und Philosophie in Bonn und arbeitet seit über 30 Jahren mit Computern. Er unterrichtet, schreibt und lebt in München. Im Netz ist er unter www.damaschke.de zu finden.
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