Wie wir das World Wide Web abschafften
Das World Wide Web heißt schon seit einiger Zeit nur noch kurz “Web“. Natürlich ganz ohne jeden Hintergedanken, es ist halt einfacher auszusprechen. Doch tatsächlich sind wir längst dabei, nicht nur sprachlich das “World Wide“ abzuschaffen und nur noch das “Web“ übrig zu lassen.
Denn weltweit – im Sinne von überall in gleichem Umfang und in gleicher Qualität verfügbar – ist darin kaum noch etwas. Ob in Usbekistan, Iran oder China – stets sehen die Nutzer nur einen Ausschnitt des Netzes, ein “WWW lite” sozusagen.
Das hat nicht immer rein politische Gründe, wie etwa in der Türkei, wo man nach offiziellem Bekunden vor allem den pornografischen Teil des Webs aussperren möchte. Auch wirtschaftliche Erwägungen spielen immer öfter eine Rolle, warum die Staaten im Web Mauern errichten und so dessen Globalität Stück für Stück beseitigen.
Shops mit Passkontrolle
Dass zum Beispiel Shops nur in bestimmte Regionen liefern, lässt sich noch mit Transportkosten, Zoll und Handling-Problemen erklären. Doch rein digitale Shops kennen solche Beschränkungen nicht, handeln aber so, als gäbe es sie: Was deutsche Apple-Nutzer im AppStore sehen, ist etwas anderes als das, was US-Kunden angeboten bekommen.
Als Beispiel sei die Anwendung Netflix genannt, die man zwar suchen, aber eben nicht finden kann. Dabei existiert technisch kein Grund dafür, aus dem weltweiten AppStore viele kleine nationale Software-Shöplein zu machen. Es sind rein wirtschaftliche Gründe, wie auch bei der Google-Tochter YouTube, die in Deutschland etliche Videos mit Verweis auf die GEMA sperrt.
eBooks nicht für Jedermann
Auch bei eBooks zeigt sich, dass globale Unternehmen gerne weltweit kassieren, ihre Waren aber nur ganz lokal anbieten wollen. So ärgern sich reisefreudige Amazon-Nutzer, dass die Rechte an ihren Einkäufe plötzlich erlöschen, wenn sie das Land wechseln. Auch der Versuch, auf einem in Deutschland angemeldeten Kindle internationale Presse zu lesen, wird nur von geringem Erfolg gekrönt: Zwar gibt es einige internationale Zeitungen wie Le Monde, Financial Times UK oder Forbes, aber eben nur einen kleinen Ausschnitt des Möglichen.
Dabei verwendet auch ein Kindle die vorhandene, weltweite Infrastruktur des Internet. Stellen Sie sich vor, Ihr Webbrowser würde sich plötzlich weigern, die Webseiten von the guardian anzuzeigen, nur weil Sie ein deutscher Nutzer sind. Für den Guardian ist aber durchaus eine Kindle-Version zu haben – nur eben bei uns nicht; was umso kurioser ist, weil diese Sperre für die (zugegebenermaßen nicht inhaltsgleiche) Android-Version nicht gilt.
Jedem sein Filter
Twitter kündigte unlängst lokale Filter an. Das heißt: Inhalte, die in Deutschland verboten sind und gegen die polizeilich vorgegangen wird, sind bei uns auch nicht zu lesen – außerhalb Deutschlands aber schon. Umgekehrt sehen deutsche User bei Twitter Nachrichten, die man in Russland oder der Türkei möglicherweise nicht sieht.
Ähnlich hält es Google auch jenseits von YouTube, etwa indem es Blogger-Besucher von der weltweiten Adresse Blogspot.com auf andere, nationale Seiten umleitet und das damit begründet, auf diese Weise lokale Inhalte leichter entfernen zu können. Der Leitsatz Think global, act local kriegt damit einen ganz neuen Sinn.
Global nur anonym
Gerade im Fall der länderspezifischen Inhaltefilter im Falle von Twitter kam es zu heftigen Diskussionen: “Twitter verbessert sich, und alle schreiben Zensur”, hieß es dazu im Zapp-Blog des NDR. Und wenn man aufgehört hat, sich darüber aufzuregen, muss man eingestehen, dass es tatsächlich, bezogen auf Twitter, eine ist (und wie alle Sperren ist sie sowieso umgehbar). Denn in vorauseilendem Gehorsam gleich weltweit alle Inhalte zu entfernen, die irgendwo in einem Land der Erde zu rechtlichen Problemen führen, ist sicher nur die zweitbeste Lösung.
Zumal, wenn man sich auf der Seite chillingeffects.org ansieht, welche Tweets wirklich entfernt wurden – um “politische Zensur” geht es da eher nicht. Die Folge ist aber, dass nun jedes Land seine eigene Sicht der Dinge hat. Das weltweite Web existiert nicht mehr, es sei denn, man verwendet Anonymisierungsmethoden wie TOR, um seine Identität und damit auch seinen Standort zu verschleiern und so einen anderen Ausschnitt des Webs zu sehen.
Meinungsfreiheit im Abo
Den letzten Nagel schlägt die Abschaffung der Netzneutralität in den Sarg des WWW. Netzneutralität heißt: Egal, ob die Nutzer in der ZDF-Mediathek oder bei YouTube Filme ansehen oder bei Wikipedia einen Artikel nachschlagen, alle an der Übertragung dieser Daten beteiligten Unternehmen – allen voran die Internet-Provider – leiten diese Daten gleichberechtigt durch. Wie bei einem klassischen Postpaket schaut sich niemand an, welche Inhalte die Datenpakete haben.
Weil aber zum Beispiel Google im Netz Milliarden verdient, die Provider aber davon nur wenig abbekommen, sie aber trotzdem all die Daten der YouTube-Zuschauer transportieren müssen, möchten einige Marktteilnehmer diese Netzneutralität abschaffen. Google müsste dann beispielsweise an die Telekom zahlen, damit diese auch wirklich sicherstellt, dass Telekom-Kunden YouTube-Videos ruckelfrei sehen können.
Der nächste Schritt wäre, überhaupt nur noch jene Informationen zu transportieren, für dessen Transport der Publizierende gezahlt hat. Die Netzneutralität abzuschaffen bedeutet, dass das einst World Wide Web in Zukunft noch kleiner sein wird als es heute schon ist.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
12 Kommentare | 10. Februar 2012 | 14:13 Uhr |
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Dieses Thema behandelt eine dialektische oder verbale Fiktion. Das WEB ist und bleibt insofern WORLD WIDE als man idR WORLD WIDE navigieren kann, sofern man es denn will. Wer also etwa Urlaub in Neuseeland, Afrika oder sonstwo machen möchte, der kann die dortigen Seiten ad libitum aufrufen um sich zu orientieren.
Nicht abgeschafft ist indessen das Subsidiaritätsprinzip: Je weiter entfernt etwas für mich liegt (ganz gleich auch welcher Ebene), desto “mehr” ist es mir “schnuppe”. Daran wird auch das WEB nichts ändern.
“Tröstliche” Inversion: Praktisch alle haben MS-Windows auf ihren Rechnern, kommunizieren über Facebook, Google+ etc. miteinander und operieren insgesamt auf einer Ebene von der man mit Fug und Recht behaupten kann: Hier geht niemand und nichts verloren.
Dieses ist das WEB-Paradoxon: Indem das WEB faktisch implodiert, erreicht es seine derzeitige Breitenwirkung.
Wirklich freuen würde ich mich darüber, wenn ich eine Secret Agency zu führen hätte. Ich beauftragte ein paar Unies mit “nicht zweckgebundener Trendforschung” bei gegebenen Randbedingungen, erhielte einen Katalog von “Angeboten” und “Möglichkeiten”, weltweiten Zugriff auf Rechner und Kommunikation zu erhalten durch:
a) Bereithaltung von Spaßangeboten
b) Implementierung einer frei zugänglichen Spaßplatform an der Oberfläche
c) Implementierung einer nicht frei zugänglichen Datenkrake im Unterbau.
d) Finanzierung des gesamten Monstrums über b) und zwar mittels “Werbeeinnahmen”, “kommerzieller Dienstleistungen” etc.
e) Massive Marketing-Kampagnen unter Einbindung öffentlich-rechtlicher Medien.
f) Mobilisierung und Ausspähung noch nicht “infizierter” “User” durch die bereits “gewonnenen”.
g) Aufrechterhaltung eines “untadeligen Image” durch gelegentliche “offizielle” Anfragen an meine Spaßplatform, die dann aber Gerichte “empört zurückweisen”.
…
Das hat m.E. sehr viel mit diesem Thread zu tun, denn er widerlegt ihn (quasi).
Oder?
Die Kunst einer klaren Ausdrucksweise liegt darin, Fremdwörter zu vermeiden, wo möglich…
jaja, die Netzneutralität…das wollen die Firmen ja erreichen…ich hoffe, dass dies, genauso wie das ACTA, von Netzwerkaktivisten auf breitester Ebene bekanntgemacht und verhindert wird. Ansonsten könnte sich der größte Teil der WWW User wieder ein Modem kaufen…
Dass das Netz wie alles irgendwann mal sterben wird, ist klar. Aber noch ist es dafür viieel zu jung : )
Was die Auswahl der angezeigten oder eben nicht angezeigten Inhalte nach Standorten betrifft denke ich sollte man unterscheiden, ob diese Auswahl auf Entscheidungen der Seitenbetreiber oder staatlicher Stellen bzw. der an der Netzinfrastruktur Beteiligten beruht. Noch sehe ich da eigentlich kein großes Problem. Viel interessanter ist doch der Bereich Netzneutralität, der mit der Frage “wem gehört das Netz” verbunden ist, eine Frage, die schwieriger zu beantworten ist als die nach der Weltformel.
Von wirtschaftlicher Seite gibts wohl 2 Angriffe auf die Netzneutralität. Zum einen z.B. von Youtube (die wollen schneller als andere durch die Infrastruktur), zum anderen von Providern (die wollen für mehr Leistung mehr Geld, seit den Flats kommt das nicht mehr von den Usern). Diese beiden Bestrebungen könnten sich gegenseitig aufheben, sozusagen neutralisieren ;-D Problem ist allerdings, dass Firmen wie Google und Facebook durchaus die finanziellen Mittel haben, sich das Netz zu kaufen. Die Frage ist, kann man sich mit Geld bevorzugte Behandlung ausserhalb des eigenen Providers bzw. außerhalb des eigenen Eigentums am Netz kaufen? Eigentlich kanns nur der Endverbraucher durch sein Verhalten richten, denn Staaten haben auch ein Interesse daran, Einfluss auf das Netz zu bekommen, und verschiedene Geschwindigkeiten (1 Sekunde vs. 1 Stunde, etwa) sind ja keine Zensur …
Für mich stellt sich die Frage mit welchem Recht eigentlich die Netzbetreiber zusätzliches Geld für den Transport der Daten verlangen. Angeblich weil die Inhaltsanbieter ja soviel Geld damit verdienen und das auf dem Rücken der Armen Netzbetreiber. Bei dieser Argumentation wird nur verschwiegen das die Netzbetreiber die Daten ja nicht kostenlos transportieren. Jeder der Daten ins Netz senden oder empfangen will muss mit einem Netzbetreiber einen Vertrag abschließen. Egal ob Bürger, Kleinunternehmen oder Konzern. Jeder bezahlt also für den Zugang.
Mit welcher Begründung sollen nun gewisse Daten teurer werden? Wenn ein Betreiber meint er könne seine Kosten nicht decken muss er eben höhere Gebühren verlangen und wenn er die am Markt nicht durchsetzen kann muss er prüfen warum andere günstiger anbieten können.
Es ist ja nicht so das sich durch unterschiedliche Daten die Netze unterschiedlich abnutzen (Vergleich Straße PKW-LKW). Entscheidend ist bei Daten nur die Menge. Wenn ein Netzbetreiber mit Google eine Flat-Rate vereinbart ist er eben selber schuld.
Interessanter Artikel. Passier mir auch oft, dass bei YouTube “Dieses Video ist in deinem Land nicht verfügbar” erscheint. Verglichen mit der Zensur in China ist das aber noch harmlos.
Da haben Sie recht. Genauso harmlos dürfte es sein, wenn die hier angezeigte Anzahl der Kommentare keineswegs der Anzahl Kommentare entsprechen dürfte, die tatsächlich abgesendet wurde.
Das ZDF muss sich erst mal selbst an die Nase Fassen, oder besteht ein Grund bestimmte Inhalte nicht in das europäische Ausland zu streamen? Mir will kein wirklicher Grund in den Sinn kommen, weshalb Sportveranstaltungen kommentiert in Deutsch nicht ins Ausland gestreamt werden darf wegen angeblicher Lizenzbedingungen.
Ja, was sollte denn sonst der Grund sein wenn nicht die Lizenzen? Alles andere ist Verschwörungstheorie.
>>> Dabei existiert technisch kein Grund dafür, aus dem weltweiten AppStore viele kleine nationale Software-Shöplein zu machen. Es sind rein wirtschaftliche Gründe [...]
… die dafür sorgen, daß das ganze gegängelt werden auch mal gewaltig nach hinten losgehen kann, wie aus diesem iPod-Testbericht hier sehr deutlich hervorgeht:
http://www.ebay.de/itm/ws/eBayISAPI.dll?ViewItem&item=300592930387
Wenn der Konsument nicht auf geradem Wege das bekommt was er will, ohne dabei einen Hürdenlauf hinlegen zu müssen, dann sagt er eben tschüß und ist weg. Für wen das dann wirtschaftlich ist (oder sein soll), sei dahingestellt. Im oben genannten Fall wahrscheinlich eher für den Konsument, der sich sein Geld nun gespart hat.
Es wäre sinnvoll gewesen, für das Web umgehend “Sicherungsvorkehrungen” zu treffen die den Begriff der Freiheit nicht sofort überstrapaziert hätten. Allerdings bin ich mir nicht sicher ob “Otto-Normalverbraucher” dann “wie eine Fliege auf den Kothaufen auf das WWW geflogen wäre”.
Der Hype des WorldWideWeb basierte hauptsächlich darauf, das man “sich die Finger schmutzig machen konnte, ohne sich schuldig fühlen zu müssen”. Sei das durch illegale Downloads,verbotene Inhalte, Pornografie oder geheimes Wissen (Verschwörungstheorien) möglich.
Wenn man sich mal den Erfolg der kommerziell erfogreichsten Unternehmen des Web´s ansieht, dann basiert deren Erfolg eben nicht darauf “die große Familie zu bilden(Communitie)”, das sind lediglich vorgeschobene Marketingargumente, sondern die Nutzer bis ins Kleinste kontrollieren und überwachen zu können.
Es mag sein, das die virtuelle globale Welt eine tolle Vorstellung wäre, so wie das Paradies oder das Schlaraffenland, es gäbe aber immer kranke Köpfe die hieraus die Hölle auf Erden machen würden, wenn man sie machen lassen würde.
Deshalb ist es wichtig das wir lernen das die “Gedanken zwar frei” sein sollten, aber keinesfalls alle Handlungen aus solchen Gedanken.
Ciao
DerDemokrator
Sie sind also der Meinung, es sind Sicherungsvorkehrungen nötig, damit nicht jeder mit jedem frei kommunizieren kann?
Warum eigentlich? Wer hat da etwas zu verbergen? Derjenige, der frei mit jemand anderem kommunizieren will doch sicher nicht. Wer aber dann? Die sogenannte »Elite« vielleicht? Stört sich diese »Elite« etwa daran, wenn ihre Sklaven zu viel Freiheit haben? Wie ging doch die Anekdote aus dem alten Rom gleich wieder:
»Im alten Rom hatte mal ein Senator vorgeschlagen, man sollte doch alle Sklaven mit einer weißen Armbinde versehen, um sie besser erkennen zu können. ›Alles, aber nur nicht das‹, widersprach ein weiser Senator, ›denn wenn sie sehen, wie viele sie sind, dann gibt es einen Aufstand gegen uns.‹«
Könnte es sein, die Funktion der weißen Armbinde wird nun vom WorldWideWeb wahrgenommen, und der Hype um dieses Web basiert teilweise darauf, weil den Sklaven dadurch nun langsam klar wird, wie viele sie doch sind?
Nur mal so überlegt. Übrigens, wann genau wird nun eigentlich ein Download zu einem illegalen Download, ein Inhalt zu einem verbotenen Inhalt, und Wissen zu geheimen Wissen? Immer dann etwa, wenn irgend jemandes wirtschaftliche Interessen damit durchkreuzt werden könnten? Das würde dann folgerichtig bedeuten, es sollten letztendlich alle Aktivitäten verboten und für illegal erklärt werden, die bestimmten Leuten keinen Profit einbringen oder diese daran hindern, hinreichend Profit zu machen. Das sehe ich so doch richtig, oder?