Netter Versuch, Frau Staatsanwältin
Na, da schau her: Ausgerechnet in den USA, wo man so gern über “Germany’s Internet Angst” lächelt und die hierzulande so beliebten Diskussionen zum Datenschutz für überzogene Panikmache hält, ausgerechnet dort also treten nun Justiz und Politik auf den Plan, um der munteren Datensammelei von Google, Facebook & Co. Einhalt zu gebieten. Was ist davon zu halten?
Da ist zum einen Kaliforniens Generalstaatsanwältin Kamala Harris. Die präsentierte jetzt eine Vereinbarung mit Apple, Google, Microsoft, Amazon, Hewlett-Packard und dem Blackberry-Hersteller Research in Motion, in der sich die Unternehmen zu einem besseren Schutz ihrer Kunden verpflichten.
Im Kern läuft die Vereinbarung darauf hinaus, dass zu jeder App eine Datenschutzerklärung vorliegen muss, die vor dem Download darüber informiert, auf welche Daten die App zugreifen will. Die Unternehmen werden also in Zukunft ihre App Stores und Marktplätze entsprechend umgestalten und die App-Entwickler passende Erklärungen nachreichen müssen.
Consumer Privacy Bill of Rights
Da ist zum anderen Barack Obama, der sich als Präsident der USA natürlich nicht mit kleinlichen Vereinbarungen abgibt, sondern gleich eine umfangreiche “Consumer Privacy Bill of Rights” verkündet, mit der er IT-Unternehmen auf Tugenden wie individuelle Kontrolle des Anwenders über seine Daten, transparenter Umgang mit gespeicherten Informationen und ähnlich wohlklingende Dinge einschwören will.
Keine Frage, die grundsympathischen Vorstöße von Harris und Obama haben Signalcharakter und werden in Zukunft hier und da sicherlich auch zu Verbesserungen führen. Wer sich allerdings über “strengere Datenschutzregelungen” freut, mit denen Staatsanwältin Harris die “IT-Giganten” zu “mehr Datenschutz” “zwingt“, der schießt wohl deutlich übers Ziel hinaus.
Schließlich sind Selbstverpflichtungen einer Branche bekanntlich nichts als der Gute-Nacht-Kuss, mit dem man Politiker und Konsumenten zu Bett zu schickt, um anschließend genau so weiter zu machen, wie zuvor. Nicht mehr ganz so kaltschnäuzig vielleicht und nicht mehr ganz so dreist und selbstverständlich. Aber dennoch wird sich wenig ändern: Die “Kinder” schlafen und träumen vielleicht süß von einer besseren (Datenschutz-)Welt.
Natürlich werden sich Apple, Google und all die vielen App-Anbieter an die neuen Vereinbarungen halten, das ist gut fürs Image und damit für den Umsatz. Und natürlich werden sie gleichzeitig kein Problem damit haben, diese Regelungen durch allerlei Klauseln, Andeutungen und Kleingedrucktes – nun, vielleicht nicht zu umgehen, aber doch ausgesprochen flexibel zu interpretieren (in Googles neuer Datenschutzerklärung beispielsweise taucht knapp zwanzig Mal das schöne Wort “möglicherweise” auf, das wir getrost mit einem “wann immer es geht” übersetzen können).
Beruhigungspille für Konsumenten
Nehmen wir etwa die Datenschutzerklärung, die da in Zukunft jeder Anbieter einer App parat halten muss. Die kann er entweder zusammen mit der Beschreibung der App gut sichtbar im Online-Store veröffentlichen. Oder über einen Link zu einer Webseite bereitstellen. Und jetzt dürfen Sie dreimal raten, in welcher Form die Anbieter diese Regelung umsetzen werden (nebenbei – wann haben Sie eigentlich zum letzten Mal auf einen entsprechenden Link geklickt?).
Unterm Strich sind die beiden Initiativen von Harris und Obama nur vertrauensbildende Maßnahmen, mit denen man die auch in den USA nervös und misstrauisch gewordenen Konsumenten wieder etwas beruhigen will. Denn, so verrät Obama, die treibende Überlegung hinter seiner Consumer Privacy Bill of Rights – das Vertrauen der Kunden – sei schließlich “unabdingbar für das weitere Wachstum der digitalen Wirtschaft”.
Darüber könnte man jetzt tiefsinnig werden. Man könnte sich auch einfach an Scott McNealy erinnern, der bereits im Januar 1999 Bescheid wusste: “You have zero privacy anyway”, stellte der CEO des damals mächtigen Computerkonzerns Sun vor Analysten und Journalisten fest. Und gab seinen ungläubigen Hörern noch einen guten Rat mit auf den Weg: “Get over it”.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autoren wieder)
8 Kommentare | 23. Februar 2012 | 15:19 Uhr |
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Und wer liest denn heute schon die 100 Seiten AGB, die man bestätigen muss, um Programme ect. zu benutzen? Ich halte das für eine Farce. Diese Dienstleister sollen verpflichtet werden, ihre Aufgaben zu erledigen; auch ohne die “Kunden” gläsern zu machen. Es ist schon beschämend, wie gut das Internet ohne tausend verschiedene Skripte funktioniert…und dennoch werden sie 99% der User aufgebunden…
Das klingt ja an sich logisch. Aber eine Sache verstehe ich einfach nicht. Alle reden immer darüber unsere Daten zu schützen und dass Datenschutz so wichtig ist. Aber warum eigentlich? Was können solche Unternehmen mit meinen Daten machen, was interessiert die meine Daten. Das hat mir noch niemand so richtig erklären können…
Anderes schönes Beispiel als das unten mit dem Supermarkt:
Sie haben sich bspw. Harry Potter gekauft und wollen danach eine Ihrer Apps nutzen, die von einem fundamentalen Christen (oder jedweder anderen Richtung, aber von denen weiß ich, dass sie es als Buch mit Okkulten Inhalten ablehnen) programmiert wurde. Geht nicht, Sie haben sich ja Harry Potter gekauft. Im Gegenzug werden Sie von jetzt an mit Mormonenwerbung überzogen.
Oder Sie haben von einem Freund privat (und damit legal) Musik bekommen. Sieht Ihr iTunes (oder wer auch immer) aber nicht so, stellt Ihnen dazu eine Rechnung. Und dass Sie regelmäßig CD-Läden besuchen, mag er auch nicht. Wie wäre es mit einer Musikflat? Gecloudet? Damit sie auch wirklich verschwindet, wenn wir pleite gehen.
So, genug Beispiele, hoffe ich:)
Was die AGBs angeht, ist das wirklich völlig lächerlich. Ein Zugeständnis seitens der Industrie, welches keinerlei Nachteile mit sich bringt, denn wer bereit ist, eine ewig lange AGB zu lesen, der war auch zuvor bereits auf den Datenschutz bedacht und hat die entsprechende Zeit für Recherchen genutzt. Wahrscheinlich hat er bei der Recherche sogar mehr erfahren, da die AGBs nicht immer gerade leicht zu verstehen sind.
Der Normalnutzer ignoriert entweder entsprechende Gefahren oder kennt die Risiken einfach nicht.
Die Industrie weiß genau, dass so gut wie niemand die AGBs liest und der gute Eindruck einer gezeigten AGB viele Zweifler bereits beruhigt und so womöglich sogar besser überzeugt, als eine fehlende AGB.
Heißt das jetzt bei einem Kreditvergleich App muss der Hinweis angebracht werden: “Wir weisen auf Gefahr des Totalbankrotts hin?
Naja, der genannte Artikel über die “German Internet Angst”ist von 1998. Ich denke mal, heute beneiden uns die Leute von der EFF um unseren Datenschutz. Auch, wenn es bei uns noch viel zu tun gibt.
Ansonsten stimme ich dem Artikel zu.
@Lena:
Konkretes Beispiel aus USA: Kunde stürzt im Supermarkt. Über die Kundenkarte kann nachgewiesen werden, dass der Kunde viel Alkohol kauft – also muss er betrunken gewesen sein. Der Superbetreiber drohte damit, dies zu veröffentlichen, falls der Kunde klagt.
Ausserdem hört man ja mittlerweile fast täglich, daß irgendwo Kundendaten “abhanden kommen”. Hier liegt dann die hohe Gefahr, daß sich jemand deiner Identität bemächtigt und im Internet Sauereien anstellt.
Was mich persönlich besonders stört: daß jemand mit meinen Daten, mit meiner Identität Geld verdient. Ich kann nicht kontrollieren, woher die Daten kommen und wohin sie gehen. Das treibt mich fast zur Raserei.
Edit/Korrektur: “Supermarktbetreiber” muss es natürlich heissen
@Lena
Werbung für Sattel (irgendeine Pferdeapp drauf, häufige Suche nach irgendwas mit Pferden) ist noch das Harmloseste.
Lästiger ist es, wenn alle die, denen du mal eine E-Mail geschickt hast, plötzlich massenhaft Spam-Mails erhalten, weil der Anbieter deiner E-Mail-App alle Adressen weiter verkauft hat.
Aber eigentlich geht es hauptsächlich darum, wohin sich das entwickeln kann (und sich zum Teil schon entwickelt hat).
Beispiele:
Du trägst in deinen Smartphone-Kalender (warum auch immer) häufig Arzttermine ein und wunderst dich, dass du nicht nur ständig Werbung von Apotheken eingeblendet bekommst, sondern auch keinen Job bei großen Unternehmen oder dem Staat.
Du bist krankgeschrieben, aber fast alle Anbieter deiner Apps (Google=Android bzw. Apple sowieso) wissen, dass du im Freibad warst (Ortsdaten von deinem Handy), und du wunderst dich, woher das deine Krankenkasse weiß und von dir wissen will, wo du warst.
Eine Kardioapp drauf, und man wundert sich, dass man bei privaten Krankenkassen keine günstigen Tarife bekommt, außer natürlich, man ist top fit.
Schon heute werden relativ einfache Daten über Personen, die sich für private Krankenversicherungen interessieren, für um die 400,- pro Datensatz gehandelt.
Frau muss Schwangerschaft beim Bewerbungsgespräch nicht angeben. Hier zeigt sich die Schwangerschaftsapp als sehr hilfreich, der Arbeitgeber kennt sogar den Monat.
Der Staat (Finanzamt, Polizei …), Banken, Versicherungen, Industriearbeitgeber, Vermieter (Haustierapp?), Schufa das sind die, die mir so akut als potentielle Datenkäufer einfallen.
Es gibt hunderte, tausende von Menschen die sich nur damit beschäftigen, wie sie mit deinen Daten Geld verdienen können, da gibts Sachen, auf die würde man nie kommen. Wie gesagt, Werbung ist noch das Harmloseste, aber deine Daten werden gespeichert und können jederzeit (heute, morgen, in 10 Jahren) auch für anderes verwendet werden.
Natürlich gehts nicht ganz ohne Daten, wie immer muss man Kompromisse machen, dabei hilft der Gesunde Menschenverstand.
Anm.: Bei Passwörtern ist es klar, dass diese besonders zu schützen sind, vor allem natürlich die fürs Onlinebanking, aber auch die für Shops und Sozialnetzwerke.