“Iron Sky” – Auf ein Pils mit den Mond-Nazis
Das Netzphänomen “Iron Sky” ist endlich im Kino angekommen. Auf der Berlinale feierte der finnische Streifen rund um eine Nazi-Invasion aus dem All Premiere, vor 1.700 Fans im ausverkauften Friedrichstadtpalast. Ein Film voller Humor, Action – und einem moralischen Dilemma.
Was habe ich mich gefreut auf diesen Film. Ein orgasmatisches Erlebnis im Nerd-Himmel, die cineastische Endlösung des Nazi-Themas, der Beginn einer humoresken Götterdämmerung. Endlich sind die sechs Jahre des Wartens vorbei. Haben sich meine 100 Euro als Investment gelohnt? So wie die Zahlungen der anderen Spender und Unterstützer, die immerhin fast eine der sieben Millionen Euro Produktionskosten getragen haben?
Grenzdebil lustig
Die Frage zu beantworten ist nicht leicht. Habe ich während des Films über den teils herrlich-grenzdebilen Humor geprustet, bleibt mir im Nachhinein das Lachen im Halse stecken. Alles beginnt und endet mit dem Untertitel des Films: “We come in peace” – wir kommen in Frieden.
Dabei gibt die Handlung alles, um anders zu sein als die NS-Klischees aus Hollywood. Nazis, die 70 Jahre auf der dunklen Seite des Mondes verbracht haben und nun die Welt im Meteor-Blitzkrieg erobern wollen, eine dummdreiste Sarah Palin als US-Präsidentin im Jahre 2018, Apple-Produkte als Treibstoff der Weltvernichtung – und doch wirkt der Film zu seicht, zu beliebig, zu amoralisch.
Die Mond-Nazis sind keine psychopathischen Massenmörder, auch keine Opfer ihrer Zeit und der Umstände. Sie sind leer. Weder Engel noch Dämon. Und erst recht nicht irgendwo dazwischen. “Iron Sky” wirkt mit seinen rund 90 Minuten wie ein latent gesellschaftskritischer Comic ohne Schattierungen.
Am Ende spürt der Zuschauer gar so etwas wie Mitleid. Hätten die armen Nazis nicht ein bisschen gewinnen können? Nur ein ganz kleines bisschen? Schließlich sind die anderen auch nicht besser. Allen geht es nur um Geld, Macht und Rohstoffe. Wer ist also hier gut und wer ist böse? Und vielleicht: Mit dem einen oder anderen Mond-Nazi würde ich gerne mal ein Pils trinken gehen. Denn: Kommen wir nicht alle in Frieden?
Popcorn mit Beigeschmack
Über diese Abwesenheit von jeder Moral können auch die revolutionäre Finanzierung durch das Internet, das charmante Drehbuch, die ordentlichen Schauspieler und die sehr gelungenen Special Effects nicht mehr hinwegtäuschen. Dauer-Bösewicht und Ersatz-Hitler Udo Kier hatte Recht mit seinen Dankesworten nach der Premiere: Der Film habe etwas von Lucas oder Spielberg. Aber eben nur etwas.
Stehen diese Namen doch für Hollywood-Klischees mit dem Versuch eines Anspruchs, fehlt es dem Werk von Regisseur Timo Vuorensola zu sehr an Haltung. Und die ist bei diesem Thema unerlässlich. Egal ob komödiantisch wie Brooks’ “Frühling für Hitler” – oder sadistisch-überdreht wie Tromas “Surf Nazis Must Die”.
Aus-gehyped?
Kaum ein Film wurde in den vergangenen Jahren im Internet derartig gehyped und durch die sozialen Netzwerke gepeitscht wie “Iron Sky”. Das Konzept des Teams, die Fans zu Kreativen und Investoren zu machen, ist in dieser Größenordnung bis jetzt einzigartig. Jeder Unterstützer war Marketing-Mensch, Finanzvorstand und Dramaturg zugleich. Vielleicht war die Ernüchterung, dass es eben “nur” für einen guten Sonntagabendfilm gereicht hat, bei vielen Premierenbesuchern gerade deswegen so groß.
Nicht nur die weiteren Fans, auch die gesamte Medienbranche wird nun mit Argusaugen verfolgen, ob der Hype überleben oder eine Fußnote in der Geschichte der Filmbranche wird. Gewissheit wird es allerdings erst am 4. (Finnland) bzw. 5. April 2012 (Deutschland) geben. Denn erst dann startet “Iron Sky” flächendeckend in den Kinos.
Fazit
“Iron Sky” ist würziges Popcorn-Trash-Kino vom Feinsten. Aber bitte genügend Cola (oder: Pils) zum Runterspülen mitbringen. Der schale Beigeschmack ist nicht jedermanns Sache.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
22 Kommentare | 13. Februar 2012 | 09:14 Uhr |
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… Nazis auf dem Mond? Allein deshalb muss ich mir den Film ansehen
Seh ich genauso
“Die Abwesenheit von Moral…” ist eigentlich genau das, was man auch über die NS-Zeit sagen kann, jedenfalls “Moral” im heutigen Verständnis.
Muß aber ein Film immer moralisierend sein? Bei Spielberg hat es bei Indiana Jones nie einen gejuckt, wie entsetzlich eindimendsional die schurkischen Nazis waren. Mir erschienen sie beinahe karrikiert – und deswegen gefiel es mir. Hier kommen die Nazis vom Mond – eine wirklich sehr bizarre Idee, die wohl einerseits zu Finland (dort gibt’s reichlich Bizarres, was ich nicht negativ meine!), andererseits aber durchaus zu so manchen unverwirklichten Nazi-Ideen andererseits paßt.
Wichtig erscheint dabei doch eher, daß es sich um faschistoide Strukturen handelt, ob mit oder ohne Swastika. Wenn ich den Trailer richtig deute kommt die ach so freie Welt dabei nun auch nicht so besonders glorios weg.
Wenns also der gute Sonntagsabendfilm geworden ist: Mir wird’s reichen. Und mein Vorredner hat Recht: Nazis vom Mond, das muß man sehen…
Von einem Drehbuch, welches Nazis in fliegenden Untertassen die Erde angreifen lässt, erwarte ich keine Moral. Das wird bereits in unzähligen anderen Filmen geleistet. Die Trailer versprechen hingegen ein irrwitziges Szenario und spaßige Unterhaltung. Angesichts der vollkommen abgedroschenen Handlung kann eine moralische Note meiner Ansicht nach nur geheuchelt erscheinen und das Filmvergnügen trüben.
Ein Geschichtslehrer hatte mal gesellschaftskritisch, humoristisch zu unserer Klasse gesagt: “Und am 8.Mai.1945 sind alle Nazis in Ihre fliegenden Untertassen gestiegen, das Volk war befreit.”
Passt doch, muss ich unbedingt sehen!
Also was ich bisher gelesen und gesehen habe hat mich überzeugt. Sieht so aus als wenn es Popcorn Kino ist. Fände es sogar gut, wenn die Hollywood-Studios verschwinden würden und nun nur noch Internet-Produktionen gemacht werden.
Denn dann könnte man den Film auch gratis anbieten, weil er keine Einspielergebnisse mehr benötigt, denn die Zuschauer haben ja die Produktion bereits bezahlt.
Das wäre doch mal was.
Dem zweiten Kommentar von Günter Gischler kann ich nur voll und ganz zustimmen!
“Am Ende spürt der Zuschauer gar so etwas wie Mitleid. Hätten die armen Nazis nicht ein bisschen gewinnen können? Nur ein ganz kleines bisschen? Schließlich sind die anderen auch nicht besser. Allen geht es nur um Geld, Macht und Rohstoffe. Wer ist also hier gut und wer ist böse? Und vielleicht: Mit dem einen oder anderen Mond-Nazi würde ich gerne mal ein Pils trinken gehen. Denn: Kommen wir nicht alle in Frieden?”
Macht nicht gerade dieser Abschnitt den Wunsch aus, den Film zu sehen? Ist es nicht genau das, was wichtig ist zu zeigen? “Wir” sind nicht (immer) die Guten, die “Anderen” sind nicht (immer) die Bösen.
Wenn der Film es schafft, die Ideologie hinter den Nazis nicht zu verharmlosen, aber unser Augenmerk etwas mehr darauf zu richten, was wirklich schief läuft.
Dann haben wir – mMn – doch genau die Moral, die es braucht. Oder nicht?
Ich werde es sehen, wenn ich ab April dazu komme, den Film anzuschauen, war ich ja auch ein kleiner Teil der Internetgemeinde, die ihn möglich gemacht hat.
Lustige Wahrnehmungsdifferenz: dem einen ist es “zu amoralisch”. Ein anderer Blogger lobt, dass es “nicht allzu moralinsauer” wird.
( http://blog.dridde.net/?p=30 )
[...] UPDATE: Das sagen meine Kollegen vom Hyperland-Blog zum Film: Markus Hündgen über “Iron Sky” [...]
Was soll man dazu sagen?
Witzig ist es, dass man dieses Thema, dass in un Kommoden Webseiten seit Jahren beschrieben wurde, zum Thema gemacht hatte.
Eine andere Variante ist doch, dass die Nazis’s in Neu Schwabenland überlebt haben.
Interessant wäre doch ein Film der zeithistorisch korrekt die Rolle der Briten vor 39 darstellen würde.
Das würde das Bild der Nazi’s komplette in ein anderes Licht rücken.
Aber so.. wir haben uns doch so an die Rolle der Bösen gewöhnt!
Also schauen wir uns den Quatsch mal an?
Ich habe den Film als Privatperson mitfinanziert, weil ich von der Grundidee und dem allerersten Trailer sofort überzeugt war und das Ganze einfach nur geil fand. Es kann natürlich sein, dass ich mich mal für meinen Credit im Abspann schämen werde, falls das Ganze zu gurkig werden sollte. Ich erwarte zwar kein Meisterwerk (das wäre auch völlig daneben, weil es der Film gar nicht sein will), aber dass es ziemlich spaßig und vielleicht auch irgendwie zum Grinsen cool wird, denke ich schon.
Zur Debatte des Für und Wider: Natürlich muss man alles gegen echte (Neo-)Nazis und Faschisten tun, was möglich ist. Aber Nazis und deren spezielle Ästhetik als Pop-Phänomen gibt es nun mal auch, und ich denke, da sollte man langsam mal in Deutschland eine lockerere Haltung zu finden. Man muss auf jeden Fall auch drüber lachen können dürfen. Das empfinde ich nicht als Verharmlosung, sondern als heilsame (huch!) Demontage. Unter anderem genau deswegen wollte ich “Iron Sky” unterstützen.
Ich werd mir den Quatsch auf jeden Fall anschauen – schon allein deswegen, weil hier herrlich unverkrampft mit der Thematik umgegangen wird.
Ist mal ein guter Kontrapunkt zu den typischen Hollywood-Actionfilmen auf der einen Seite und den Nazi-Dokumentationen auf Phoenix am Samstag Abend auf der anderen Seite.
Ich finde die Idee der Finanzierung gut. Aber der Film ist und bleibt ein Popprodukt. Er basiert auf klassischen Themen die eigentlich jeden (männlichen?) jugendlichen Reizen: Nazis, heiße Frauen und harte Beats. Damit ist aber schon das Problem benannt. Nazis werden immer mehr zu einer Popikone. Das dritte Reich wird zu einem Stil mit einem gewissen Flair. Hier liegt glaub ich der echte Trend der letzten 10 Jahre versteckt. Ob das gut ist? Keine Ahnung. Aber auch über Nazis muss man lachen dürfen. Man darf sie nicht ernst nehmen. Außer wenn man sie bekämpfen will.
Ich finde es traurig, dass Geschichtenschreiber immer wieder den einfachen Weg gehen und Nazis als Grundlage für ihre Geschichten nehmen.
Eventuell wird es ja auch ein Computerspiel zum Kinofilm geben. Aber wie Markus schon sagt Zitat” Nazis, heiße Frauen und harte Beats” sollte bereits für Propaganda sorgen.
Endlich wieder mal ein gönniohler Nazifilm, äy. Da werden sich Beate Zschäpe & Co. aber freuen. >:·D
das ist das worauf wir seit jahren gewartet haben !
als die ersten taser/trailer im internet verbreitet wurdren, dachten wir im ersten moment: “raum nazis HÄÄÄ?? soll das n witz sein oder gibts wirklich n paar alt&neu faschisten die auf rettung/erlösung aus dem all warten ???”
na zum glück hat sich nach längerem beobachten der sache herausgestellt, ist doch nur eine schwarze komödie mit viel action!! die moral ist uns dabei reichlich egal, hauptsache spaß machts & jetzt ab marsch marsch ins kino!! GRINS
Nee, nee, du. des is alles durchaus Propaganda. Ein dreifaches Heil…
“Ja, weil es nicht nur eine Satire, sondern auch ganz deutlich ein Anti-Nazi-Film ist!” – http://www.bild.de/unterhaltung/kino/julia-dietze/ich-bin-die-braut-aus-dem-irren-nazi-film-22600154.bild.html
Ein Anti-Nazi-Film also! Wer von beiden hat jetzt eigentlich den Film nicht verstanden?
der clou an der sache is doch, dass wir fürs ausland auf immer ewig die nazis bleiben; auch wenn das hier vielen nicht schmeckt und sie am liebsten die gestapo schicken würden. wir versuchen eine kleine deutsche variante!
ein “drogen-sex-gewalt-nazi filmmusical” auf engl.
check in “intothesuite.com
Ich bin schon sehr gespannt auf den Film, zumal er mittels Crowdfunding ins Leben gerufen wurde und bei Erfolg durchau den Weg für ähnliche Projekte ebnen dürfte. Ob der Otto-Normal-Verbraucher Nazis auf dem Mond sehen will?
Beste Grüße – Martin