“Hacks/Hackers”: Wenn aus Schreiberlingen Programmierer werden

"Hacks/Hackers"-Treffen in London. (Foto: jenny8lee, Quelle: Flickr CC BY 2.0)

"Hacks/Hackers"-Treffen in London. (Foto: jenny8lee, Quelle: Flickr CC BY 2.0)

Rund um die Welt versuchen Journalisten, in Selbsthilfegruppen zu Programmierern zu werden. Sie zählen sich zu den “Inbetweeners” und wandeln auf der Grenze zwischen beiden Berufsgruppen. Kann das gelingen? Ein Ortsbesuch bei der Londoner Veranstaltungsreihe “Hacks/Hackers“.

Der Keller im Shooting Star, einem Pub in der Nähe von London’s Liverpool Street, ist bis unter die Decke gefüllt. Stühle und alte Kirchenbänke sind so dicht nebeneinandergestellt, dass die Besucher sich seitwärts und mit eingezogenem Bauch in die Reihen drängen. Jetzt, wo das Treffen vorbei ist, klettern Bier-Geruch und Lärm unmittelbar einige Stufen nach oben auf der Pub-Flair-Skala. An einen dieser klinisch reinen Apple Stores jedenfalls erinnert hier nichts. Und dennoch ist der Raum gefüllt mit selbsterklärten Tech-Geeks.

Hacker-Journalisten

Wir befinden uns im London-Ableger der internationalen Veranstaltung namens Hacks/Hackers. Als “Hacks” werden in Englisch leicht abwertend Schreiberlinge bezeichnet. “Hacker” war auch einmal eine abwertende Bezeichnung. Mittlerweile gelten Hacker vielerorts als die Helden des digitalen Zeitalters. Plötzlich möchte jeder Hacker sein – auch Journalisten. Die sogenannten “Hacker-Journalisten” sollen das Beste aus beiden Welten vereinen und das gegenseitige Verständnis fördern.

Stephen Pinches, Produktmanager für mobile Plattformen bei der Financial Times, zählt sich selbst zu den “Inbetweeners”, denjenigen Medienmachern also, die sich zwischen Journalismus und Technologie bewegen. Vor neun Jahren begann er als freier Journalist und hat sich seitdem Schritt für Schritt der technischen Seiten des sich verändernden Berufs genähert – obwohl er immer noch “nicht ansatzweise auf dem Stand eines Durchschnitts-Programmierers” ist, wie er betont.

Vertreter? Verräter!

Viele Journalisten empfinden die Stephen Pinches der Branche nicht als Vertreter, sondern Verräter des Berufs. Seit die Erkenntnis um sich gegriffen hat, dass das traditionelle, anzeigenabhängige Geschäftsmodell der Branche nicht mehr funktioniert, machen sich Angst und Missgunst breit. Joanna Geary, zuständig für “digitale Entwicklungen” beim Guardian und Mitinitiatorin von Hacks/Hackers London, sieht zwei unabhängige Entwicklungen als Auslöser, die in der Finanzkrise kulminierten. “Dieser schreckliche zyklische Schlag ereilte uns zur gleichen Zeit, als wir erstmals ernsthaft die Auswirkungen der strukturellen Veränderungen spürten.”

Eine spannende Zeit für die Branche

Die Teilnehmer von Hacks/Hackers dagegen sehen den Entwicklungen positiv entgegen. “Niemals gab es eine spannendere Zeit für die Branche”, sagt Martin Belam, Lead User Experience und Information Architect für Guardian.co.uk. Es bedauert, dass nicht alle Journalisten es so sehen.

Ruby in the Pub

Geary hatte nicht beabsichtigt, eine neue Bewegung von Hacker-Journalisten zu gründen, als sie und James Ball, der mittlerweile ebenfalls für den Guardian arbeitet, darüber nachdachten, das Programmieren zu lernen. Als sie sich öffentlich über die Idee auf Twitter unterhielten, begeisterten sich bald mehr Leute dafür. “So entstand Ruby in the Pub”, erklärt Geary. Ruby ist eine Programmiersprache und die ersten Stunden beschränkten sich darauf, interessierten Journalisten die Grundzüge des Codens zu erklären. “Es gibt einen Anteil an Programmierern, die sehr großzügig ihr Wissen teilen”, so Geary.

Verrückter Zufall

2009, ein Jahr zuvor, entstand das Original “Hacks/Hackers” gleichzeitig an der West- und Ostküste von der USA. “Es war einer dieser seltsamen Momente, die wirklich wie Schicksal wirken.”, erzählt Aron Philhofer, der ein Team von Journalisten und Entwicklern bei der New York Times leitet. Bei einer Veranstaltung in New York dachten Philofer und sein Kollege Rich Gordon darüber nach, “Journalisten, Entrepreneure und Techniker auf eine Art zusammenbringen, die dato noch neu war.” Sie nannten die Idee “Hacks and Hacker” und verpassten ihr das Markenzeichen “DISorganization”, ein freies Zusammenkommen interessierter Menschen. Dann, so Pilhofer, passierte etwas Verrücktes: “Zwei Wochen nach unserer Konferenz, leitete ein Freund von mir einen Tweet von Burt Herman weiter”. Hermann, ein ehemaliger Associated Press Reporter, der zwischenzeitlich zum Internetunternehmer wurde und nach San Francisco gezogen ist, hat eine Gruppe mit genau demselben Ziel gegründet und ihr sogar denselben Namen gegeben.

Überall – nur nicht in Deutschland

Mittlerweile gibt es Ortsgruppen überall in den USA und in dutzenden Städten auf drei weiteren Kontinenten. Die weitverbreitete Euphorie kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass programmierende Journalisten in allen Ländern noch eine absolute Ausnahmeerscheinung darstellen, meint Philhofer: “Viele Journalisten haben sich in letzter Zeit regelrecht auf die sozialen Medien gestürzt aber ich kann nichts von diesem Enthusiasmus erkennen, wenn es um Datenanalyse und Programmiersprachen geht.” Obwohl in vielen Redaktionen Techniker mittlerweile zum festen Kollegenkreis zählen, “erkennen Journalisten nicht, dass die Tools und Technologien, die diese Menschen entwickeln, wichtig sind für ihren Beruf. In dem Punkt hat sich nichts geändert” so Pilhofer. Angesichts des Wachstums der Hacks/Hackers-Szene kann sich genau das aber schnell ändern.

Text von: Cassie Werber;
Übersetzung: Frederik Fischer

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich; der Beitrag gibt die Meinung des Autoren wieder)

 

6 Kommentare | 25. Februar 2012 | 14:56 Uhr | Twittern | Facebook

6 Kommentare

  1. frag ich mich schon lange !
    Können aus AöR-Mitarbeitern richtige Journalisten werden.

    KFR | 25. Februar 2012 | 16:01
  2. Bei mir persönlich ist gerade Gegenteiliges der Fall.

    IT Wiki vom elancer-Team

    Bin Programmierer – verfasse aber (IT) Texte. Im Gegensatz zu den hier Hacker-Autoren, die eine Selbstaufwertung erfahren.. – nun ja, es geht auch andersherum. Sonderleicht leicht ist aber beides nicht.

    Stefan | 25. Februar 2012 | 17:53
  3. Das Engagement in allen Ehren, sehe ich hier doch mannigfaltige Probleme:

    1. Die Zeit
    Programmieren ist ein Fulltime-Job und noch mehr Zeit als das Lernen einer Sprache nimmt die Weiterentwicklung der Fähigkeiten, das Verfolgen der Sprach- und Featureentwicklung und die Beschäftigung mit Konzepten in Anspruch. Nebenbei dürften das die wenigsten schaffen
    2. Motivation
    Am Anfang lernt man „Hello world“ und sieht nur schwerlich den Bezug der Programmierung zur eigenen Arbeit. Und die wenigsten Tools, die echte Arbeitserleichterung bieten, sind mit Anfängerwissen geschrieben und noch nicht auf dem Markt.
    3. Hackers
    Sorry – aber Programmierung bietet nur Schnittmengen mit Hacken, ist aber nicht deckungsgleich. Medien haben jahrzehntelang ein Zerrbild der Hackerszene gezeichnet, Programmieren ist dazu noch eine streng organisierte, geistig anspruchsvolle Disziplin. Wer Programmierer auf den Nerd reduziert, hat grundlegend eine falsche Vorstellung und dürfte schnell enttäuscht sein.
    4. Sicher nicht zu verallgemeinern, aber oft geht mit Programmieren eine gwisse Introvertiertheit einher. Das liegt wohl auch an der vielen Zeit, die man vor dem Gerät verbringt. Es kann jeder selbst entscheiden, ob das mit seiner Natur, seinem (Berufs-)Alltag etc. vereinbar ist. Analytisches, rationales oder strategisches Denken, Kreativität,… sind weitere Aspekte, die nicht zu jedem Menschen passen.
    5. Programmieren ist Spaß am Gerät. Ob eine Frontalveranstaltung (meinetwegen auch im Pub) zum Lernen geeignet ist, darf bezweifelt werden.

    Abschließend ein Link: http://www.codecademy.com/codeyear/week/1

    nik | 25. Februar 2012 | 21:56
  4. Ich habe mich vor Jahren vom Programmierer zum Journalisten entwickelt. Ist denn wirklich die Nachfrage nach Programmierern so gestiegen? Oder gibt es einfach kaum noch bezahlte Jobs für die schreibende Zunft?

    madlin | 26. Februar 2012 | 00:25
  5. Gerade in Deutschland wird immer weniger programmiert. Solche Tätigkeiten werden ins billige Ausland verlagert. Für 5 Dollar kann man einen gut ausgebildeten Inder für 1 Stunde programmieren lassen, wozu also noch die Anstrengung hier? Man soll genau das machen, was andere nicht können: vernünftige Texte verfassen.

    Primark | 26. Februar 2012 | 23:40
  6. Heutzutage muss man einfach über den Tellerrand schauen. Gleich programmieren zu lernen ist ein wenig übertrieben, aber wenn sinnvoll, wenn man tagein, tagaus damit in Berührung kommt. Ein Blick über das eigene Tätigkeitsfeld hinaus sorgt auch für mehr Verständnis, was “die anderen” da eigentlich die ganze machen.

    Suer | 1. März 2012 | 14:36