Facebooks Anmaßung und Googles Zumutung

Foto: Julius Endert.

Zeitgleich haben Facebook und Google weitreichende Änderungen auf ihren Plattformen verkündet: Bei Facebook ist es die Timeline und bei Google die Zusammenführung der Nutzerprofile. In beiden Fällen geht es um die Identität des Nutzers, sein Leben im Netz und seine Vermarktbarkeit. Beide Konzerne lassen den Nutzern ihrer Dienste keine Wahl: Sie müssen sich fügen oder austreten. Ein Ausscheren einzelner ist nicht vorgesehen. Was das bedeutet: dazu zwölf Thesen.

(§ 1) Auch du bist ein Datensatz – auch du bist ein vermarktbares Asset. Der Sinn deines digitalen Lebens ist es, Vermarktungserlöse zu generieren.

(§ 2) Nutzungsbedingungen sind die neuen, nicht sehr umfassenden Bürgerrechte im Netz.

(§ 3) Facebooks Timeline beginnt mit einer Zumutung: “Geburt” bezeichnet den Beginn unserer Mitgliedschaft in dem sozialen Netzwerk. “Geburt” steht am Beginn des Zeitstrahls, der ab sofort den Verlauf unseres Lebens abbilden soll und der zu alledem in den Augen der Facebook-Entwickler auch noch linear verläuft. Was für eine Unverschämtheit: Mein Leben verläuft jedenfalls chaotisch und das soll es auch.

(§ 4) Der Ausdruck Geburt ist einer dieser raffinierten semantischen Tricks aus der Neusprech-Abteilung. Er soll unsere digitale Existenz an unser echtes Leben knüpfen. Wir sollen glauben gemacht werden: Es gibt hier (oder es darf hier) keinen Unterschied geben. Denn die Authentizität ist ein wichtiger Baustein, der Facebook überhaupt werthaltig macht. Wir sollten nicht darauf hereinfallen.

(§ 5) Doch halt: Vielleicht trifft es sogar zu, dass reale und digitale Geburt eins sind. Wenn man nach der Anzahl der von stolzen Eltern veröffentlichten Babyfotos geht, muss das so sein. Die vor 2004 Geborenen haben mit Sicherheit ein Leben vor Facebook, bei den danach auf die Welt gekommenen Menschen kann man sich nicht mehr sicher sein.

(§ 6) Die Idee eines konsistenten Lebensarchivs ist eine Fiktion – dennoch entsteht ein durchsuchbares Archiv. Und das ist neu. Die Natur hat es aber absichtlich so eingerichtet, dass unsere Erinnerung ein nicht genau definierbarer, schon gar nicht quantifizierbarer Gedankenspeicher ist, dessen Inhalte sich zudem ständig ändern. Das klingt paradox, ermöglicht uns aber das Überleben. Vor Gericht und anderswo stellen wir fest: Wir färben uns unsere Erinnerung schön. Welche Konsequenzen die Timeline auf diese Mechanik hat, ist noch nicht einmal abzusehen.

(§ 7) Eine Konsequenz: Viele werden sich verpflichtet fühlen, mehr Arbeit in Facebook zu investieren, damit “es“ (das eigene Leben) gut aussieht. Und genau das ist die Absicht hinter der konsequenten Einführung der Timeline. Es bewirkt fast automatisch die fällige Investition, die Facebook braucht, um vor dem Börsengang richtig gut auszusehen. Man stelle sich das einmal vor: Wenn jeder der 800 Millionen Nutzer auch nur zusätzlich zehn Minuten investiert, sind das 133 Millionen Stunden – das wäre bei einem Stundenlohn von 7,50 Euro ein Wert von fast einer Milliarde Euro. Wir selbst räumen jetzt den Laden auf, machen digitale Inventur und packen alle Informationen über uns schön in die Regale und machen Facebook hübsch für den Verkauf an die Aktionäre.

(§ 8) Bei Google verhält es sich nicht anders. Die Zusammenführung der Nutzerprofile ist eine Zumutung (an dieser Stelle sei an § 1 erinnert).

(§ 9) Auch Google ist an unserer Identität interessiert und noch mehr an unserem Verhalten und darin werden sich beide Angebot immer ähnlicher.

(§ 10) Der Datenschutz ist in beiden Fällen eine Scheindebatte bzw. ein für die Netzmonopolisten willkommener Nebenstrang der Erzählung. Denn er lenkt ab vom eigentlichen Thema: Der Wahllosigkeit derer, die sich beteiligen.

(§ 11) Es ist eine unbestreitbare Tatsache: Bei Facebook und Google wohnen wir nur zur Miete. Wir zahlen, indem wir Datensatz sind (§ 1). Es wird Zeit über Eigentum nachzudenken.

(§ 12) Doch bis es soweit ist, gelten die abgewandelten Gossensche Gesetze: Wir werden uns die Drangsalierung solange gefallen lassen, solange der Gesamtnutzen durch Google und Facebook (jeweils) größer ist als das Gesamtärgernis. Da aber der Gesamtnutzen bei beiden Angeboten noch stetig steigt (mehr Möglichkeiten der Vernetzung, bessere Suche, neue Dienste…), wird es noch einige Zeit dauern, bis die Entwicklung in ihr Gegenteil umschlägt und die Menschen sich eine bessere Alternative suchen zu (§ 1).

Nachtrag: Ich nutze selbst begeistert diese Dienste und das ist wohl das Problem!?

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

16 Kommentare | 01. Februar 2012 | 10:08 Uhr | Twittern | Facebook

16 Kommentare

  1. “(§ 11) (…) Bei Facebook und Google wohnen wir nur zur Miete. Es wird Zeit über Eigentum nachzudenken.”

    Sehr gut ausgedrückt!

    “Ich nutze selbst begeistert diese Dienste und das ist wohl das Problem!?”

    Ich nutze nur Google als Suchmaschine, bei Facebook bekomme ich allein beim Gedanken Würgereize.

    Reime Freund | 1. Februar 2012 | 11:43 | Antworten
    • Ich bin grad zufällig auf diesen Artikel und deinen Kommentar gestossen und war so verwundert, dass ich antworten musste. Wieso nutzt du denn Google als Suchmaschine, wenn du bei Facebook so auf Datenschutz bedacht bist?? Zu Facebook gibt es kaum Alternativen (Diaspora sei hier kurz erwähnt, aber auch noch sehr klein.), zu Google unzählige (ixquick sei hier erwähnt als besonders sicher!). Google mag den besten Algorithmus benutzen und die treffendsten Ergebnisse liefern, trotzdem findest du über die anderen Suchmaschinen auch was du suchst. Und falls nicht kann die zweite oder dritte Suche immer noch über Google laufen…

      Jasper | 2. Februar 2012 | 20:42 | Antworten
  2. Facebook erhofft sich von seinen Nutzern, dass sie die Timeline in deren Sinne füllen. Wenn die Nutzer das nicht tun, haben sie keinerlei Nachteile und weiterhin genauso viel Spaß an Facebook, wie sie bisher hatten. Also?

    Wer seinen Verstand noch beisammen hat, sollte mit der Timeline eigentlich keine Probleme haben. Denn er wird nicht minutiös Lebensereignisse nachtragen, Urlaubsbilder datieren und Orte taggen. Und er wird weiterhin genau überlegen, was er postet und was nicht.

    Kein Mensch käme auf die Idee Blogs nervig zu finden, weil man in ihnen Beiträge chronologisch suchen und finden kann. Es führt auch bei den Bloggern nicht zur Identitätskrise, weil ihr Leben vermeintlich linear verläuft. Facebook gibt jederman die Möglichkeit, seinen eigenen kleinen (Tumblr-)Blog zu führen. Wenn man das mit Sinn und Verstand tut, wird man mehr Vorteile als Nachteile haben.

    Heidi Schmitt | 1. Februar 2012 | 14:35 | Antworten
    • Leider ist das nicht so. Ich sehe schon heute Profile von jungen Leuten, die öffentlich zugänglich sind und wirklich alles zeigen; wann die Person wo war usw.

      Die junge Generation wächst damit auf, für sie ist es normal möglichst viel von sich preiszugeben und das ist die Gefahr:

      Wenn diese Gruppe größer wird als die, die eben nicht so handeln, haben diese Netzwerke ihre Aufgabe erfüllt.

      Bubblepoint | 2. Februar 2012 | 09:38 | Antworten
    • Natürlich gilt das nicht für diejenigen, die ihren Verstand auch im Internet benutzen. Problematisch wird es gerade bei Jugendlichen und ganz besonders bei Kindern, die durch die Berufstätigkeit beider Elternteile oder ein alleinerziehendes Elternteil oder schlicht durch mangelndes Interesse oder Wissen der Eltern(teile) in diese Fallen gehen, einfach weil es alle anderen auch machen.

      Zu Selbstmorden bei Kindern führendes Internet-Mobbing, Morddrohungen über twitter, aus dem Ruder laufende Einladungen via Facebook gibt es ja schon. Jetzt sollen eben genau diese Kids auch noch ihr ganzes Leben offenbaren. Am besten noch in Realtime, damit man über facebook noch einfacher herausfinden kann, wann welche Wohnung leer steht.

      Dass Google meine Suchdaten speichert, finde ich nicht wirklich schlimm. Schließlich wird unser aller Einkaufsverhalten doch bei jedem Einsatz einer Payback-, Kredit-, EC- oder Ladengebundenen Karte gesammelt und die Daten weiterverkauft.

      Iris Budweth | 2. März 2012 | 20:22 | Antworten
  3. wieso wird wordpress nicht als vernünftige alternative in betracht genommen. facebook dient nur facebook, ebenso google. wordpress dient jedem und individuell.
    oder hab ich da was übersehen?

    herr von s. | 1. Februar 2012 | 19:05 | Antworten
    • Naja auch WordPress muss Geld verienen.. WordPress ist gut zum veröffentlichen aber nicht zum vernetzen..

      Was fehlt, ist ein gewisser Linux-Gedanke.. ein Netzwerk als open source

      DAS wäre mal was, was wirklich gut wäre

      Thomas Sievers | 1. Februar 2012 | 19:37 | Antworten
  4. Vor facebook habe ich mich bisher erfolgreich gedrückt und werde dich auch weiterhin tun. Auch wenn der ein oder andere auf so manche Party verzichten muss, deren Einladung nur über facebook ging…

    Die Google-Dienste waren mir bisher deutlich sympathischer, allerdings ist es äußerst fraglich, ob Googles Leitsatz “Don´t be evil” bei der Wahrung der eigenen Identität nicht eine Ausnahme macht.

    Facebook und Google+ sind beliebt, weil sie etwas zu bieten haben. Allerdings sollte sich jeder Nutzer des Preises bewusst sein.

    Alicia Kaleta | 1. Februar 2012 | 19:10 | Antworten
  5. Es gibt auch offene Soziale Netzwerke, die keine Daten von Usern horten. Aber die nutzt keiner. Die Leute sind halt an Facebook usw. gewöhnt und der Mensch gibt seine gewohnheiten halt nicht gerne auf, auch wenn sie ihm schaden…

    Joe Neusprech | 1. Februar 2012 | 20:03 | Antworten
  6. Ich muss einer vorschreibenden durchaus recht geben, das das nicht nutzen mit Sicherheit einige Patys verpassen lässt.
    Ich finde es aber gewiss nicht gut, wenn in einem Vorstellungsgespräch plötzlich ausdrucke von Facebook auf den Tisch gelegt werden und man dazu gefragt wird wie die heuteig stellungnahme hierzu ist.
    Facebook könte gut sein, wenn der User den Kreis wirklich bestimmen könnte und zwar einfachen klicks ohne großes Fachwissen

    Uwe | 1. Februar 2012 | 21:25 | Antworten
    • Ich gebe einem Vorredner Recht. Jeder, der seine vermeintlichen Sinne beisammen hat, wird sich genau überlegen, wie er die neuen Festures nutzt. ABER…gezählt wie auch auf die, welche sich keine Gedanken machen und es “einfach nur geil” finden. Und da wird das Geld verdien!

      Chris | 2. Februar 2012 | 07:36 | Antworten
  7. Hab grad dem ZDF meine E-Mail Adresse verraten müssen nur um hier was zu posten … Auch so ne Sache.

    Ich bin weder bei Google noch bei Facebook und ich bin mit den wenigen, aber dafür richtig guten Freunden, mit denen ich persönlich, bzw. via Telefon, oder Mail Kontakt halte mehr als zufrieden.

    Dieses Teilhaben am Privatleben der anderen finde ich bestenfalls merkwürdig. Alles was geteilt werden will kann doch viel schöner abends bei einem Bierchen, oder wenn die Entfernung doch zu groß ist bei einer langen E-mail erzählt werden … Wer sich diese Zeit für seine Freunde nicht nimmt, hat sie auch nicht verdient (oder zu viele).

    Zusätzlich habe ich ich meinen Firefox mit allerlei Sicherheits-Addons ausgestattet, die Scripte, Weiterleitungen und Cookies erstmal verbieten, bis ich sie erlaube. Das ist nur am Anfang etwas mühsam, da sich der Firefox die Einstellungen merkt.

    So habe ich z.B. das Script “google-analytics”, welches man auf fast jeder Webseite antrifft generell verboten.

    Wer sich ein wenig auskennt kann auch heute noch problemlos völlig anonym durchs Netz surfen, wenn er will. Aber wer bei Facebook ist will sein Privatleben mit anderen teilen, freiwillig und sollte sich daher über Neuerungen, wie die Timeline nicht beschweren … oder austreten.

    Eisen | 2. Februar 2012 | 09:17 | Antworten
  8. Treffen auf den Punkt gebracht, vielen Dank dafür!

    Leider wird dieser Beitrag nicht genug Beachtung finden, weil die User dann doch eher faul sind und nicht weiter denken.

    Bubblepoint | 2. Februar 2012 | 09:33 | Antworten
  9. §3 – §5 sind leider falsch /weil sie auch auf einander aufbauen), tatsache ist, dass der eintrizz bei facebook als eigenständiges ereignis mit genauem datum geführt und auch so bezeichnet wird. z.b. januar 1985 = geburt, august 2010 = facebook beigetreten.

    Matze | 2. Februar 2012 | 22:59 | Antworten
  10. Zum letzten Kommentar: Der Geburtstag steht bei Facebook, weil ich ihn eingegeben habe, oder etwa nicht? Dann steht da das Eintrittsdatum bei Facebook. So what?? Man kann es mit der Datenpanik auch übertreiben.

    Ich gebe einem der Vorschreiber recht, dass wir Kinder von Anfang an schulen müssen, mit diesen Dingen eigenverantwortlich und mit Verstand umzugehen. Das wird aber bestimmt nicht gelingen, wenn die Eltern paranoide Kulturpessimisten sind, die keine Ahnung haben, wo Fallstricke liegen und wo nicht. Das Unwissen über die Timeline in Foren und Kommentaren ist teilweise haarsträubend.

    Heidi Schmitt | 3. Februar 2012 | 09:30 | Antworten
  11. Der größte Teil meines Lebens fand vor Facebook statt. Dennoch wussten meine Freunde, meine Kollegen,meine Konkurrenten alles was sie von mir wissen sollten.
    Und ich hatte (fast) alles in der eigenen Hand.

    Horst , geb 1928 | 3. Februar 2012 | 17:02 | Antworten

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