Der Babelfisch fürs Internet

Duolingo heißt das neue Lernportal eines jungen Forschers aus den USA. Das Projekt will seinen Nutzern nicht nur Sprachen beibringen – es möchte auf lange Sicht das ganze Internet übersetzen.

Der Babelfisch, so sagt man, sei wahrscheinlich das Eigentümlichste, was es im Universum gibt. Der kleine gelbe Fisch aus Douglas Adams Roman-Reihe “Per Anhalter durch die Galaxis“ schafft das biblisch Unmögliche: Er bringt die Völker mittels Sprache zusammen, er übersetzt im Nu das gesprochene Wort des Gegenübers. Und wahrt sogar den Weltfrieden (außer, wenn es um galaktische Hyperraum-Expressrouten geht).

(K)ein gewöhnliches Lernportal

Duolingo ist davon Lichtjahre entfernt, schickt sich aber trotzdem an, weltweit Sprachbarrieren einzureißen. Noch befindet sich das Lernportal in der geschlossenen Beta-Phase (Nutzer können sich anmelden und erhalten dann eine Einladung), lässt aber die Möglichkeiten erahnen.

Spanisch für Anfänger bei Duolingo. Foto: Webseite Duolingo

Spanisch für Anfänger bei Duolingo. Foto: Webseite Duolingo

Auf den ersten Blick wirkt Duolingo wie ein herkömmliches, aber ordentlich gemachtes Lernportal. Vokabeln pauken, die Aussprache üben, Bildern die passenden Begriffe zuordnen. Das ist alles nicht wirklich innovativ und erinnert an Portale wie CodeAcademy. Hier wird spielerisch gelernt, was sonst ein dröger Buchstoff oder ein langweiliger Volkshochschulkursus ist.

Crowdsourcing-Übersetzung

Die wahre Innovation bei Duolingo steckt unter der Haube. Mit jedem Schritt, den der Lernende macht, rückt er seiner eigentlichen Bestimmung näher: Fremde Webseiten zu übersetzen. Anstatt ganze Kolonnen an Übersetzern auf Texte anzusetzen, erledigen die fleißigen Spanisch- und Deutschschüler (weitere Sprachen sollen folgen) diese Arbeit, ohne dass sie es überhaupt merken. Den Feinschliff besorgt die Masse: Wenn nur genügend Personen zu einer gleichen Übersetzung finden, sinkt die Fehlerquote. Der millionenfache Textabgleich in Millisekunden macht es möglich.

Spanisch-Lektion "Apfel". Foto: Webseite Duolingo

Spanisch-Lektion "Apfel". Foto: Webseite Duolingo

Ein gewagtes Experiment, geht es doch bei Übersetzungen nicht einfach um eine Aneinanderreihung von Vokabeln. Sprache ist – anders als mathematische Formeln – lebendig und profitiert vom Einfühlungsvermögen des Übersetzers, in diesen Lebensstrudel einzutauchen.

Der Meister der kollektiven Intelligenz

Das weiß auch Luis von Ahn, außerordentlicher Professor am Computer Science Department der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh und Erfinder von Duolingo. Sein Spezialgebiet: Die kollektive Intelligenz der Menschheit anzapfen.

Wenn auch kaum jemand den Namen kennt, ist der 32-Jährige allzeit präsent im Netz. Bereits 2007 entwickelte er reCAPTCHA und verkaufte es zwei Jahre später an Google. Und das, nachdem er bereits den Vorläufer CAPTCHA im zarten Alter von 20 Jahren entscheidend mitentwickelte.

ReCaptcha Beispiel

ReCaptcha Beispiel

Heute lösen wir alle die kleinen Buchstabenrätsel: Zwei schwer lesbare Wörter müssen wir abschreiben, um uns als menschliches Wesen zu identifizieren. Der Clou schon damals: Jede erfolgreiche Lösung digitalisiert ein klitzekleines Stück aus Googles Bibliothek an Büchern und eingescannten Dokumenten (Geheimtipp: Oft reicht es, dass leicht lesbare Wort richtig zu schreiben. Aber erzählen Sie das keinem Bot!).

Ein Beruf am Ende?

Schlechte Karten also für den Berufsstand des Übersetzers? Zumindest von Ahn macht keinen Hehl daraus, dass seine Lösung die bessere ist. ”Wenn es um die Übersetzung von Webprogrammen und Internetseiten in größerem Umfang geht, ist man entweder auf fehlerhafte computerisierte Systeme oder sehr teure professionelle Dolmetscher angewiesen”, sagt er.

Duolingo soll zunächst kostenfrei bleiben. Ein Geschäftsmodell fehlt noch: “Was das Geldverdienen betrifft, gibt es noch keinen finalen Plan”. Sollte sich die Mischung aus Crowdsourcing und menschlichen Babelfischen in der Praxis bewähren, könnte von Ahn sicherlich wieder bei Google anklopfen.

Und vielleicht übersetzen wir demnächst in der Abendschule unbewusst die Suchmaschinenergebnisse von morgen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Markus Hündgen

Markus Hündgen - Videopunk

7 Kommentare | 09. Februar 2012 | 10:18 Uhr | Twittern | Facebook

7 Kommentare

  1. Ich bezweifle, dass das Projekt hält, was es verspricht. Sprache ist komplexer als man denkt.

    Reime Freund | 9. Februar 2012 | 11:13 | Antworten
  2. Und am Ende wird es so sein wie mit Wikipedia. Alles was dort steht klingt richtig vollständig und gut, aber es ist keine vertrauenswürdige Quelle, man kann sich nie SICHER sein, ob es auch wirklich richtig ist…

    Lena | 9. Februar 2012 | 14:45 | Antworten
  3. Wenn falsche Internet-Informationen dazu noch falsch oder unverständlich übersetzt werden, kommt ein Unglück zum anderen. Ich bin Dipl.-Übersetzerin nunmehr im Ruhestand. Übersetzen ist nicht nur ein Aneinanderreihen von Vokabeln, mann muss den Inhalt eines Textes in einer anderen Sprache meist in anderen Worten wiedergeben, damit der Sinn erhalten bleibt, dazu gehört Gefühl und Intelligenz, was ein Automat nicht bieten kann. Sehen Sie einfach in ein Wörterbuch, dort finden Sie zahlreiche Definitionen für ein einziges Wort. Ich glaube vorerst noch nicht an eine automatische Ausführung dieser Arbeit. Babelfish ist bereits eine Katastrophe, das neue Projekt zweifele ich zunächst noch an, bis man mich vom Gegenteil überzeugt. Babelfish genügt allerdings zum chatten von unbedeutsamen Kleinigkeiten, als Kinderspielzeug ist es ganz lustig. Allerdings ist Babelfish auch gefährlich, denn man kann von den Ergebnissen Lachkrämpfe bekommen.

    Christine | 9. Februar 2012 | 15:15 | Antworten
  4. Wieder einmal schickt sich ein Amerikaner an, die Welt und ihren Frieden zusammenzubringen und sie zu retten. Warum nur kommt so etwas immer aus den USA?

    Warum nicht mal aus:
    Korea
    Estland
    Grönland
    Moldavien
    Nigeria

    Tja, sind wir anderen denn wirklich alle zu doof, globale Internet-Platform von kollektivem Nutzen aufzubauen?

    Fragen über Fragen…

    Bolle | 10. Februar 2012 | 10:13 | Antworten
    • Kennt übrigens einer den “Stiller” von Max Frisch? Dort schildert “Stiller” das Schicksal eines Mannes, der gerne faul unter den Bäumen lag und wenig tat. Wenn ich mich recht entsinne, wurde er eines Tages von irgendwelchen amerikanoiden Busy-Bodies aufgegriffen, verschwand für sehr lange Zeit zum Fässchenschleppen in ihre Dienste, und als er dann wieder zurückkam, erkannten ihn weder seine Lieben noch sonst wer wieder… und sein Leben war auch so gut wie am Ende.

      Will sagen: Wer sich die Zeit nimmt, der ist nicht notwendig faul, und wer sich sich von den Amerikanern nehmen lässt, der ist nicht notwendig fleißig.

      Typische amerikanische Projekte dieser Couleur:
      a) Panama Kanal
      b) Hover Staudamm
      c) Eisenbahnbau in den USA
      d) Verschiedene “Befreiungskriege”
      e) Soziale Netzwerke
      f) Sozial and Digital Media

      ….

      Immer werden Leute en passant aufgegriffen und verschwinden “zu ihrem eigenen Nutzen” irgendwo für sehr lange Zeit, schuften sich die Knochen krumm, daddeln sich sie Finger platt…

      Mal ehrlich… es geht zwar anders, aber so geht’s auch (Brecht)

      Bolle | 10. Februar 2012 | 10:21 | Antworten
  5. Es fängt schon einmal damit an, dass Herr von Ahn den Unterschied zwischen Dolmetscher und Übersetzer nicht kennt oder macht.Dolmetscher, das sind die, die mündlich von einer in eine andere Sprache übertragen – die brauchen also eine ungeheuerliche Sprachpräsenz zu verschiedensten Themen. Das erfordert eine hochqualifizierte Ausbildung und viel Erfahrung – und lebenslages Lernen.

    Übersetzer sind die, die schriftlich von einer in eine andere Sprache arbeiten. Das erfordert Tiefenwissen zu und daher Einarbeitung in unterschiedliche Zusammenhänge sowohl sprachlich als auch fachlich – und den Willen zur Perfektion im Ausdruck: Anpassung an die verschiedensten Stilebenen (und deren Facetten): literarisch, feuilletonistisch, wissenschaftlich, technisch, wirtschaftlich, werblich, behördlich usw. – auch eine hochqualifizierte Ausbildung, die durch jahrelange Erfahrung und lebenslanges Lernen stetig erweitert wird.
    Die literarischen Übersetzer, ohne die ausländische Literatur überhaupt nicht zugänglich wäre, sind in diesem Land die ärmsten Schlucker der Zunft, denn sie werden in Deutschland so mies wie möglich bezahlt.

    Nun wissen wir also, wie’s noch mieser geht: durch kostenlosen Einsatz von Sprachamateuren plus “Nachbearbeitung” mithilfe von Übersetzungs-Tools.

    Wie überall, so zählt auch in der Sprachübertragung weniger und weniger das Produkt, sondern immer mehr die Geschwindigkeit seiner Herstellung und seines Vertriebs. Dazu sollen immer mehr “beschleunigende” Tools eingesetzt werden, absehbares Ergebnis: immer mehr Fehler, die endlos wiederholt werden, da als richtig gespeichert, immer weniger Auseinandersetzung mit dem Text, d. h. ein standardisierte, verflachte Ausdrucksweise, stereotyper Einsatz von Modewörtern und Wortkonserven – dies in einer Zeit, in der die eigene Sprache nur noch mangelhaft beherrscht und die eigene Kompetenz in der Fremdsprache Englisch oft erstaunlich überschätzt wird. Fazit: Sprachmatsch.

    Sibylle | 11. Februar 2012 | 09:51 | Antworten
  6. Ein gutes Beispiel für diese letzte Entwicklung sind die ganzen Googleübersetzer etc. Ich mache nur sorgen um so klassische Dienste wie Textking. Diese bieten sogar schon Probeübersetzungen an um mit den neueren Entwicklungen mithalten zu können. Das internet wirkt hier wie ein richtiger Katalysator der jeden Anbieter den Marktdruck spüren lässt. Ich hoffe jedenfalls, dass der Beruf (egal ob Dolemtscher oder Übersetzer) nicht untergeht. Schließlich geht es um etwas basales: Kultur

    Baumann | 14. Februar 2012 | 16:31 | Antworten

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