Apple: Der wohlwollende Diktator

iBooks Author ermöglicht das einfache Erstellen von E-Books (Quelle: Screenshot)

iBooks Author ermöglicht das einfache Erstellen von E-Books (Quelle: Apple)

Mit Apples kostenlosem Tool “iBooks Author” kann jeder am Mac einfach und schnell ansprechende E-Books gestalten. Verkaufen darf man sie bisher allerdings ausschließlich im iBook-Store und auch nur, wenn Apple dies gutheißt.

Als Apple Anfang des Jahres auf einer Pressekonferenz in New York sein neuestes Programm “iBooks Author” vorstellte, war die Freude unter Mac-Anwendern groß. Endlich gab es ein Werkzeug zur einfachen Erstellung ebenso anspruchsvoller wie ansprechender E-Books. Und das auch noch kostenlos.

Doch nach einem Blick in die Lizenzbestimmungen wich die Freude rasch der Ernüchterung. Denn hier hatte Apple im Punkt 2 B die Kröte versteckt, die jeder schlucken muss, der das Programm nutzen möchte:

“(i) wenn Ihr Werk kostenlos […] bereitgestellt wird, haben Sie das Recht, das Werk mit jeglichen verfügbaren Mitteln zu verteilen;
(ii) wenn Ihr Werk gegen eine Gebühr […] verteilt wird, dürfen Sie das Werk nur durch Apple verteilen, wobei […] Apple […] das Recht [hat], Ihr Werk aus jeglichem Grund und nach eigenem Ermessen nicht zur Verteilung auszuwählen.”

Und damit da auch keine Missverständnisse aufkommen, folgt der nächste Absatz gefettet:

“Apple trägt keine Verantwortung für jegliche Kosten […], die Ihnen aus der Nutzung dieser Apple Software entstehen können, einschließlich […], dass Ihr Werk möglicherweise nicht für die Verteilung durch Apple ausgewählt wird.”

Im Klartext: Wer mit seinem mit “iBooks Author” erstellten E-Book Geld verdienen möchte, der kommt an Apple nicht vorbei und muss mit dem Risiko leben, dass Apple das Werk ablehnt. In diesem Fall ist alle investierte Zeit und Mühe für die Katz, eine andere digitale Vertriebsform gibt es für das fertige Werk nicht. Dem Autor bleibt dann nur, sein Werk entweder zu verschenken oder es in einem anderen Programm komplett neu zu gestalten, um es anschließend über andere Wege verkaufen zu können. Das ist ein dicker Hund, oder, wie es Apple-Blogger John Gruber kommentierte: “This is Apple at its worst“.

Wer also etwa daran dachte, mit “iBooks Author” ein Sexualkundebuch zu erstellen, sollte sich von diesem Gedanken lieber wieder verabschieden. Wie viele US-Unternehmen reagiert Apple hier mitunter ausgesprochen prüde und das Risiko, dass Apple ein derartiges Werk ablehnt, ist hoch.

“Beispiellose Dreistigkeit”

Während erboste Autoren Apple unglaubliche Gier und beispiellose Dreistigkeit attestierten, spielen andere die Bestimmung herunter: Schließlich sei “iBooks Author” kein allgemeines Autoren-Tool und werde von Apple auch nicht so vermarktet, sondern ein Programm, das E-Books erzeugt, die ausschließlich auf dem iPad mit iBooks 2 korrekt angezeigt werden können. Zwar basieren diese E-Books auf den offenen Epub-Standard, wurden von Apple aber um proprietäre Erweiterungen ergänzt, mit denen (zumindest aktuell) nur die iBooks-Software etwas anzufangen weiß. Und überhaupt sei fraglich, ob Apple die Lizenzbestimmung auch tatsächlich vor Gericht durchbekäme.

Die anfängliche Empörung um die Lizenzbestimmungen von “iBooks Author” hat sich inzwischen wieder gelegt. Zurück bleibt für die Kritiker ein ungutes Gefühl und die Empfehlung für Autoren, “iBooks Author” entweder ganz zu meiden oder es zumindest nicht als einziges Werkzeug zu benutzen.

Der wohlwollende Diktator

Also alles halb so wild? Einerseits ja, andererseits aber führen die Lizenzbestimmungen von “iBooks Author” eine eher bedenklich stimmende Entwicklung fort, an deren Ende Apple als “wohlwollender Diktator” einer Welt steht, die ausschließlich nach den Regeln funktioniert, die man in Cupertino für gut befindet.

Den ersten Schritt in diese Richtung machte Apple im Juli 2008 mit der Einführung des App Stores für iOS. Wer ein Programm offiziell auf’s iPhone oder iPad bringen möchte, der muss es von Apple prüfen lassen und kann es ausschließlich über den App Store verkaufen.

Im Januar 2011 folgte der Mac App Store, der für den Mac das werden soll, was der App Store für iPhone & Co ist. Noch ist es für Entwickler möglich, den Store zu ignorieren, doch fällt dies mit seinem wachsenden Erfolg immer schwerer. Besonders für kleine Entwicklerteams ist der Mac App Store zu reizvoll, als dass sie ihn ignorieren könnten. Entsprechend sind in den letzten Monaten immer mehr Anbieter dazu übergegangen, ihre Programme über den App Store zu vertreiben.

Sollte “iBooks Author” trotz Kritik an den Lizenzbestimmungen so erfolgreich werden wie die beiden App Stores, dann ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Apple auch den Mac App Store für exklusiv und verbindlich erklärt. Dann wäre Apples Kontrolle über die Verwertungskette komplett und von der Hardware über Software bis zu den Inhalten läge am Ende alles in Apples Hand: Schöne neue Apple-Welt.

Update: Zu Apples Änderungen der Lizenzbestimmungen

In den Kommentaren zu diesem Beitrag wird mehrfach darauf hingewiesen, dass Apple die Lizenzbestimmungen für iBooks Author nach der heftigen Kritik, die der Konzern dafür einstecken musste, geändert hat und der Artikel damit also hinfällig sei.

Dabei handelt es sich leider um ein Missverständnis. Die Änderungen betreffen lediglich einen in der ersten Fassung ein wenig schwammig formulierten Punkt, der, mit etwas bösen Willen, die Interpretation zuzulassen schien, Apple versuche mit den Lizenzbestimmung die Rechte am Inhalt eines mit iBooks Author erzeugten E-Books zu erschleichen und einem Autor also verbieten zu wollen, sein Werk mit einem anderen Programm in anderer Form zu gestalten und zu verkaufen.

Das ist nicht der Fall.

Apple geht es ausschließlich um die E-Books, die mit iBooks Author im Format “.ibooks” erzeugt werden – also um die Form, nicht um den Inhalt. Dieser bleibt, selbstverständlich, Eigentum des Autors. Es ist auch möglich, ein mit iBooks Author gestaltetes Buch als PDF zu exportieren und, wenn man möchte, es in dieser Form zu verkaufen (dass dabei so manches verloren geht, was man sich als Autor bei der Gestaltung seines E-Books gedacht hat und es vielleicht nicht allzu sinnvoll ist, für ein PDF ausgerechnet iBooks Author einzusetzen, steht auf einem anderen Blatt).

An den zitierten Passagen der Lizenzbestimmung hat sich nichts wesentliches geändert. Sie lauten nun:

“(i) wenn das Werk kostenlos (ohne eine Gebühr) bereitgestellt wird, haben Sie das Recht, es mit jeglichen verfügbaren Mitteln zu verteilen;

(ii) wenn das Werk gegen eine Gebühr […] verteilt wird und Dateien in ibooks-Format enthält generiert durch iBooks Author, darf dieses Werk nur über Apple verteilt werden […].

Apple trägt keine Verantwortung für jegliche Kosten […], die Ihnen aus der Nutzung dieser Apple Software entstehen können, einschließlich […], dass Ihr Werk möglicherweise nicht für die Verteilung durch Apple ausgewählt wird.”

Anders gesagt: Die in diesem Beitrag vorgetragene Argumentation wird von diesen Änderungen überhaupt nicht berührt. Daher wurde ursprünglich darauf verzichtet, auf dieses Detail hinzuweisen – was hiermit nachgeholt wird.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

 

Autor: Giesbert Damaschke

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Giesbert Damaschke studierte Germanistik und Philosophie in Bonn und arbeitet seit über 30 Jahren mit Computern. Er unterrichtet, schreibt und lebt in München. Im Netz ist er unter www.damaschke.de zu finden.
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