Problemfall Subjot: Warum wir noch ein Social Network brauchen
Als im vergangenen Sommer der Webdienst Subjot an den Start ging, spendete die internationale Tech-Presse begeistert Beifall. Jetzt, nicht mal ein halbes Jahr später, ist das Start-up am Ende. Dabei ist ein Dienst wie Subjot nötiger denn je.
Wer mit Chris Carella über Subjot reden will, muss einen langen Atem beweisen. Anfragen an die offizielle Mailadresse des New Yorker Start-ups beantwortet der Gründer gar nicht mehr. Hakt man bei Twitter nach, erhält man mal eine, mal keine Antwort. Das kommt ganz drauf an. Nur auf was, das wird auch nach mehreren Anläufen nicht deutlich.
Klammheimliche Beerdigung eines Projekts
Irgendwann gelingt es dann doch. Carella antwortet per Mail. Fünf Sätze. Kurz, knapp, aber höflich. Sein Statement: Presseanfragen zu Subjot würden derzeit nicht beantwortet. Man arbeite inzwischen für andere Start-ups. Und: “Wir werden Subjot weiterhin als Projekt betreiben, warten und damit experimentieren – bei Nacht und an Wochenenden.” Deutlicher kann man die klammheimliche Beerdigung eines Projekts kaum ausdrücken. Der viel gepriesene Shooting-Star des Social Webs ist schon wieder Geschichte.
Dabei war die Situation noch vor wenigen Monaten vielversprechend. Im August hatte sich das von Carella und seiner Frau Becky gegründete Subjot der Allgemeinheit geöffnet – und schnell waren einflussreiche amerikanischen Techblogs auf den Webdienst aufmerksam geworden. Was folgte, war ein bemerkenswertes Medienecho. “Vielversprechend”, lobte TechCrunch. “Subjot ist wie Twitter, nur mit weniger Vögel”, konstatierte der Business Insider. Und The Next Web fragte: “Brauchen wir wirklich weitere soziale Netzwerke?” Um im nächsten Satz die Antwort mit Blick auf Subjot gleich selbst zu geben: “Könnte gut sein, ja.” Und auch die deutsche Webszene reagierte. Basic Thinking beispielsweise erklärte Subjot zu einem der zehn wichtigsten sozialen Netzwerke. Netzwertig sah es als Teil eines frischen Winds, der durch das Social Web wehe.
Auf den ersten Blick: das Übliche
Warum aber all die Aufmerksamkeit? Was waren die Erwartungen an den Dienst? Was sollte Subjot anders als bereits bestehende Dienste machen? Was besser?
Wer sich bei Subjot einloggt, wird mit einer Benutzeroberfläche konfrontiert, die den meisten anderen sozialen Netzwerken ähnelt: Es gibt einen Nachrichtenstrom, in den alle abonnierten Inhalte einlaufen. Es gibt Benutzerprofile, die die Nachrichten einzelner Community-Mitglieder in chronologischer Reihenfolge zusammenfassen. Beiträge lassen sich kommentieren und favorisieren. Das Übliche.
Zweiter Blick: Autonomie des Nutzers
Der Unterschied zu vergleichbaren Diensten wie Twitter, Facebook oder Google+: Anstatt einfach alle Statusupdates – so genannte “Jots” – interessanter Personen zu abonnieren, kann der Nutzer nach Themen sortiert auswählen, was genau er abonnieren will. Von einem Arbeitskollegen abonnierte man möglicherweise nur Updates, die unter dem Stichwort “Arbeit” veröffentlicht werden. Von der Freundin aus dem Sportverein Nachrichten zum Thema “Freizeit” und betriebe das ZDF einen Account, könnte man sich im Idealfall Informationen zur “heute show“ und “Berlin direkt“ zusammenklicken ohne dabei auch über den “Fernsehgarten“ lesen zu müssen. Der Abonnent gewinnt an Autonomie, es sinkt die Wahrscheinlichkeit, mit überflüssigen oder uninteressanten Informationen konfrontiert zu werden. Es können sehr viel feinmaschigere Filternetze generiert werden, als das etwa auf Twitter oder Google+ möglich ist.
Andererseits kommt auch dem Absender eine größere Verantwortung zu. Jedes Update muss mit einem Stichwort (“Subject”) versehen werden. Hält sich der Absender nicht daran und postet auch Geschäftsnachrichten im Freizeitkanal, werden die Filter umgangen und das System verliert seine Sinnhaftigkeit.
War das auch der Grund für das Scheitern Subjots? Vielleicht. Schwerer wiegen dürfte jedoch, dass es den Carellas trotz der großen Aufmerksamkeit nicht gelang, einen merklichen Lock-in-Effekt zu generieren. Hinzu kommt, dass sich die Seite seit August weder optisch noch funktional merklich verändert hat.
Wir brauchen ein neues Subjot
Dabei ließe sich Prinzip des feingranularen Filterns noch sehr viel weiter treiben. Warum bietet kein Webdienst die Möglichkeit, Statusupdates nach Orten zu filtern? Alte Schulfreunde interessieren vielleicht nur, wenn sie sich gerade in derselben Stadt aufhalten. Facebook-Meldungen des Chefs sind möglicherweise nur von Montag bis Freitag erträglich – oder sollten nicht häufiger als einmal am Tag vorkommen. Und die Twitter-Nachrichten von Barack Obama sind während der Wahlkampfzeit vielleicht für manche Nutzer nur dann spannend, wenn das Wort Guantanamo darin vorkommt.
Trotz Aufbruchstimmung im Social Web in den vergangenen Monaten, trotz dutzender, innovativer neuer Dienste ist dieses Filterproblem nach wie vor ungelöst. Wir brauchen ein neues Subjot.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
8 Kommentare | 30. Januar 2012 | 13:41 Uhr |
|


Wieso brauchen wir die überhaupt? Damit Onkel schreiben kann, er ist bei Aldi?
Mal im Ernst: Bis heute konnte mir keiner, aber auch gar keiner vermitteln, warum man so einen Schwachsinn braucht!
Tja.. Ich brauch auch kein Auto, keinen Lockenstab, keinen Kaffee-Vollautomaten. Oder anders: kein Theater, keine Opern, keine Literatur, keine Musik. Wozu das alles? Schön, dass es das gibt, aber brauchen tu ich’s nicht.
ich sag nur https://joindiaspora.com/ da haben sie ihre Alternative
Gruß, Kriety
Wir haben bereits genug soziale Netzwerke zum sinnfreien Zeitvertrieb. Vielleicht realisieren die Menschen irgendwann mal, dass sich das wahre Leben offline abspielt.
Evtl. ist hypothes.is eine etwas gehobenere Implementierung des gleichen Gedanken:
http://hypothes.is/
Macht Ihr im ZDF schon soviel Schleichwerbung für Facebook und Co., daß Ihr nicht-kommerzielle und Daten-schützende Alternativen, wie z.B. Diaspora gar nicht mehr seht?
Ps:
Google z.B. ist auch nur eine Suchmaschine von vielen, wird aber mittlerweile (auch wegen der Schleichwerbung) von fast 90% der Suchenden verwendet.
Fragt Euch auch hier endlich mal, ob diese Marktmacht auf Dauer gesund ist!
wtf?
-
Macht Ihr im ZDF schon soviel Schleichwerbung für Facebook und Co., daß Ihr nicht-kommerzielle und Daten-schützende Alternativen, wie z.B. Diaspora gar nicht mehr seht?
Ps:
Google z.B. ist auch nur eine Suchmaschine von vielen, wird aber mittlerweile (auch wegen der Schleichwerbung) von fast 90% der Suchenden verwendet.
Fragt Euch auch hier endlich mal, ob diese Marktmacht auf Dauer gesund ist!
Pps:
Mein Kommentar von 14. April 2012 | 02:08 bitte entfernen.
Danke!