Digitale Lebenslinie: Facebook peitscht die Timeline durch

Facebook-Timeline (Bildmontage: Andreas Winterer)

Facebook-Timeline (Bildmontage: Andreas Winterer)

Im Herbst 2011 führte Facebook ein neues Feature ein: Die “Timeline” (deutsch: “Chronik”) zeigt alle Äußerungen und Tätigkeiten eines Benutzers auf einem Zeitstrahl, rückwirkend zu einem beliebigen Zeitpunkt der Vergangenheit. Zugleich haben Programme von Drittanbietern die Möglichkeit, sich ohne Zutun des Nutzers in diesem Zeitstrahl zu verewigen. Bislang war das freiwillig, jetzt kommt es als Zwang für alle.

Denn am 24.1. hat Facebook – etwas versteckt als Update in einem älteren Blogbeitrag – angekündigt, in den nächsten Wochen alle Benutzer mit der Timeline beglücken zu wollen. Ob diese das wünschen oder ablehnen, ist Facebook wie schon bei der Verwendung von Namen in Anzeigen erst einmal egal. Nun ist es aber keineswegs so, dass die Chronik-Funktion von allen geliebt wird: “Die Philosophie, die hinter Timeline steht, ist absurd”, sagte zum Beispiel Ilse Aigner dem “Handelsblatt”. Und in Facebook-Pages mit Titeln wie I Hate Timeline und Timeline Sucks ergießt sich bereits der erste Protest der Nutzer, gepaart mit Austrittsdrohungen, wie sie bei jeder größeren Facebook-Änderung inzwischen üblich sind.

Was schlecht ist an der Chronik

Das ist fast schon ein Ritual. Denn wie das Kräftemessen der Timeline-Hasser mit Facebook ausgehen wird, kann sich jeder denken: Die meisten werden es einfach mit sich geschehen lassen. Natürlich werden viele im Stillen nach Wegen suchen, um die Chronik abzuschalten – und damit prompt in die nächste Falle laufen. Denn schon seit ein, zwei Monaten existieren betrügerische Facebook-Anwendungen, die eine Rückkehr zur alten Profilansicht versprechen. Doch sobald man diesen Anwendungen wie bei Facebook üblich die zur Nutzung notwendige Freigabe seiner Daten erteilt hat, können diese anderweitig verhökert werden, und an der Timeline-Darstellung ändert sich dennoch nichts. In einigen Fällen flattern einem sogar Malware-Programme und massive Werbemails ins Haus.

Es bleibt einem also nichts übrig, als bei Facebook auszutreten und zu Alternativen wie Google+ oder Diaspora zu wechseln. Oder einfach mitzumachen. Denn eigentlich ist nichts schlecht an der Chronik.

Sie zeigt kaum mehr Details aus unserem Privatleben als bisher schon die Profilansicht – nur deutlich unübersichtlicher (je nach Geschmack), mit flächigeren Fotos und einem besser gestaltbarem Titelbild. Wann immer man also irgendwo “Gefällt mir” klickt oder eine Statusmeldung abschickt, taucht das in der Timeline auf – jetzt allerdings auch gegliedert nach Jahren und Monaten. So kann jedermann in einem Profil schnell bis zum Geburtstag vordringen und sich die entsprechenden Bilder ansehen. Natürlich nur, wenn es sie gibt: Es bleibt nach wie vor jedem Facebook-Fan überlassen, nun auch noch seine Babyfotos einzustellen. Und gewiss werden wir noch Nachrichten lesen über besonders akribische Performance-Künstler, die ihr Leben minutengenau dokumentieren, seitdem ihre Eltern einst mit Ultraschallbildern den Grundstein dafür legten.

Öffentliches Leben, sofern man es will

Wirklich problematisch an der Chronik ist eigentlich nur das seamless sharing, also das automatische Teilen von Inhalten im Vorübergehen. Denn der lebenslange Lebenslauf wartet nicht erst, bis Sie “Gefällt mir” angeklickt haben – er registriert selbst, was Ihnen gefällt. Wer zum Beispiel auf tape.tv ein paar Videos angesehen hat, wird diese automatisch in seiner Chronik finden. Gleiches gilt für die Nachrichten, die wir lesen, Fotos, die wir anschauen, Songs, die wir hören und Spiele, die wir spielen.

Gut für die, die das Video von gestern noch einmal sehen wollen. Schlecht für jene, die etwas besonders Sündiges, Verruchtes oder einfach nicht zu ihrem gewünschten Image Passendes getan haben. Oder Geschäftstermine mit familiärer Begründung absagen und sich dann beim Daddeln erwischen lassen.

Ganz so einfach ist es ohnehin nicht. Denn damit das überhaupt möglich ist, muss jeder Facebook-Nutzer vorher jeder Chronik-fähigen Anwendung (derzeit über 60 Apps) einzeln diese Rechte ausdrücklich erteilt haben. Alle anderen müssen draußen bleiben. Kein Grund zur Panik also. Zumal jeder Nutzer auch nachträglich bei den Anwendungseinstellungen die Option “Anwendungsaktivitäten zu deiner Chronik hinzufügen” abschalten (geht bei vielen Apps, nicht bei allen) und außerdem die “Privatsphäre für Anwendungsaktivitäten:” auf “Nur ich” umschalten kann (geht immer).

Timeline: eine natürlich Entwicklung

Die Chronik wird bleiben, denn sie ist eine gute Idee – Systeme wie Tumblr, Posterous und vor allem lifestream.fm versuchen schon länger, Aktivitäten im Web 2.0 zu einem “Life Stream” zu bündeln. Doch hatte bisher keiner die Macht, das so umfassend zu realisieren wie Facebook. Erst recht nicht mit namhaften Partnern wie Washington Post oder Wall Street Journal, zwei Beispiele für “Social-Reader”-Anwendungen, die künftig unsere Lesegewohnheiten ohne weiteres Zutun öffentlich machen werden.

Natürlich kann Facebook auf diese Weise noch genauer erfassen, wer sich wann für was interessiert, wie seine Freunde auf diese Interessen reagieren und welche Werbung am besten einzublenden ist. Doch diese Daten fallen schon jetzt an, weil Facebook ohnehin die Besucher praktisch jeder Seite im Web kennt, die einen “Like”-Button zeigt. Die Facebook-Chronik könnte also ganz im Gegenteil dafür sorgen, dass wir uns dieser Tatsache deutlicher bewusst werden als bisher und nicht mehr ganz so sorglos jeder Facebook-Anwendung freizügig die Rechte einräumen, unsere Gewohnheiten nicht nur zu beschnüffeln, sondern auch noch in die Welt zu bellen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Andreas Winterer

Autorenbild

Andreas Winterer ist freier Journalist, Blogger und Buchautor aus München. Er interessiert sich für Themen wie Identität, Anonymität und Sicherheit und findet jede Art von Kommunikation ziemlich spannend.
Alle Beiträge von Andreas Winterer anzeigen