Streetart: Wie das Netz eine vergängliche Kunst konserviert
Populäre und politische Künstler wie Keith Haring oder Banksy haben gezeigt, dass Streetart eine ernstzunehmende Kunstrichtung ist. Durch entsprechende Filme auf Youtube, private Fotosammlungen auf Flickr, Bildern in Blogs aber auch durch Dienste wie Streetview und Streetside wird das Netz zum Museum für diese eigentlich temporär konzipierte Kunst.
Irgendwo in Berlin. Eine Porzellanfliese mit einem aufgedruckten sogenannten QR-Code klebt an einer Wand. Wer hier zufällig vorbeikommt und den pixeligen Code mit seinem Smartphone einscannt, blickt plötzlich in die Vergangenheit. Nicht in irgendeine Vergangenheit, sondern in die Streetart-Vergangenheit des Ortes. Der Berliner Künstler, der diese Zeitmaschine möglich macht, nennt sich Sweza. Er dokumentiert Streetart mit Fotos – und wenn sie durch Regen, Wind, Schnee oder Putzkolonnen verschwunden ist, dann klebt er an dieselbe Stelle eine Fliese mit einem QR-Code, der zu einem Foto führt, das dieses Kunstwerk zeigt. Die Vergänglichkeit der Streetart wird so teilweise aufgehoben.
Lackfarbe oder Aufkleber – alles verschwindet
Streetart findet per Definition im sich stetig verändernden öffentlichen Raum statt. In Städten werden Häuser abgerissen, neue gebaut, bestehende saniert oder deren Fassaden gestrichen, dazu kommt der Einfluss der Elemente. Ob Lackfarbe, Aufkleber oder gekleisterte Poster, irgendwann verschwinden sie alle. Streetart akzeptiert seine Vergänglichkeit durch die stetige Veränderung als Teil der Kunst, und setzt sich gerade mit dieser urbanen Umgebung auseinander. Man denke nur an Banksy, der unter anderem mit Werken berühmt wurde, die sich auf die tausendfachen Überwachungskameras in englischen Städten bezogen haben. Die Kameras waren und sind ein Symbol für den Sicherheitswahn, durch ihre Allgegenwärtigkeit wurden sie zu einem festen Bestandteil des modernen urbanen Raums.
Die Straße ist der Ort an dem Streetart stattfindet. Das Netz aber ist durch Sammlungen von Fotos und Videos der Werke längst zum kulturellen Gedächtnis dieser Kunst geworden. Es gibt Seiten, die beispielsweise nur deutsche Streetart sammeln, wie German Street Art. Unurth, Street Art Utopia und viele andere, bilden Streetart-Werke international ab. Doch auch kleine lokale Projekte von Einzelpersonen leisten der Streetart einen geradezu kurativen Dienst.
Der Leipziger Blogger Ramschkasten zum Beispiel bietet nicht nur eine Sammlung von Fotografien, sondern dazu die Einbindung der Kunst in eine virtuelle Karte. Andere Angebote nutzen Google Streetview oder Bing Streetside für solche Übersichten. Google hat aus dieser Idee in Zusammenarbeit mit einem österreichischen Getränkehersteller sogar ein eigenes Projekt gestaltet: Bei Streetartview klickt man sich um die Welt, besucht Städte und sieht Streetart, die einmal an bestimmten Stellen war oder vielleicht noch dort zu finden ist. Vergängliche Kunst trifft auf virtuellen Raum, sie verlieren teils ihre Vergänglichkeit, ihre Virtualität.
Virtuelles Museum für anonyme Kunst
Und noch etwas leistet das Internet für die Streetart-Künstler, die für den Betrachter in der Regel anonym bleiben. Denn ihre Werke sind illegal entstanden, ihre Kunst kann zu Strafverfolgung führen. Eine Interpretation in Bezug auf den Künstler ist somit kaum möglich, was bleibt, ist der Raum, in dem sie stattfindet – solange sie denn dort zu sehen ist. Das virtuelle Museum aber kann in Zukunft Interessierten und auch der Wissenschaft eine große Hilfe sein, die Entwicklung und das Werk eines bestimmten Künstlers zu untersuchen und ihnen die Bedeutung beizumessen, die heute, ob gerechtfertigt oder nicht, scheinbar nur Banksy zuteil wird.
Besonders eindrücklich zeigt diese Idee des virtuellen Museums eine Website namens Avant Streetart. Auf ihr sind die Ursprünge der Streetart-Bewegung im New York der 80er-Jahre dokumentiert: Die damalige Guerillakünstlergruppe Avant klebte tausende bemalte Poster in ihre Stadt. Seit 2009 können Fotos dieser frühen Streetart im Netz betrachtet werden. Und wer in seiner eigenen Fotosammlung Werke dieser Gruppe entdeckt, kann sie ebenfalls dort veröffentlichen.
Ohne das Internet müsste jeder Streetart-Künstler seinem Werk ein “Memento Mori” zurufen, doch durch das Netz und seine Nutzer ist es andersherum – denn das Internet verblasst nie.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
2 Kommentare | 30. Dezember 2011 | 13:36 Uhr |
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Dass es Leute gibt, welche dererlei Schmierereien für Kunst halten, rechtfertigt m.E. nicht den Übergriff mit der Farbdüse auf alles, was plan ist.
Leider wird hier wieder einmal so getan, als sei das Gegenteil der Fall.
Interessant ist auch, wie die Szene gegen die eigenen Sprayer vorgeht: Es gibt bei uns in der Stadt durchaus genehmigte Street-Art, zum Beispiel bei Bahnunterführungen. Nur werden die ebenfalls übergekritzelt und präsentieren sich schon sehr bald in der gewohnten katastrophalen Optik.
MfG
Als erstes möchte ich dem letzten Satz des Artikels widersprechen. Ich glaube das Internet ist viel mehr der Straße sehr ähnlich, weil es wie diese unkonservierbar ist und sich ständig erneuert.
Jeder Festplatte wird mal abschmieren, der Inhalt jedes Servers einmal gelöscht werden. Und wie bei Kunst und allem anderen auf der Straße ist es möglich, dass manche Fragmente wider Erwarten sehr lange überleben und dann einen kostbaren Blick ein paar Jahre zurück erlauben.
Als zweites will ich eine Gegenposition zu meinem Vorposter beziehen, wenn ich auch nicht unbedingt glaube dadurch die Liebe zu Graff und Street Art in ihm entfachen zu können.
Mit Shepard Fairey hat einer der größten Namen in der Szene einen viel übersehenen Aspekt auf den Punkt gebracht: “The medium is the message.” Was für viele sicher wie die Absolution für jegliche Form des Vandalismus klingt, bedeutet nur, dass bei Street Art nicht allein die handwerkliche oder erzählerische Qualität des in der Öffentlichkeit angebrachten Werkes zählt, sondern der Akt der Rebellion an sich, sowie die Bereitschaft den (unfreiwilligen) Betrachter in seinem Alltag aufzusuchen und ihn in Situationen anzusprechen, in denen er wahrscheinlich normalerweise nicht die Motivation verspüren würde, sich mit den Künsten auseinanderzusetzen.
Wenn sie mir einen gefeierten Maler zeigen, der seine Gemälde in Häuserecken zeitlich unbegrenzt und kostenlos aufhängt, werde ich gerne seine Werke mit denen, die heute in unseren Straßen hängen, vergleichen.
Bis dahin werde ich weiter nachts mit dem Kleistereimer durch die Gegend ziehen.