“Stop Online Piracy Act”: Darf sich Wikipedia in eine politische Debatte einschalten?
Kampf gegen staatliche Internetsperren: Der geplante “Stop Online Piracy Act” in den USA führt zu immer heftigeren Reaktionen. Bei Wikipedia wird derzeit über einen Streik debattiert, um das US-Gesetz zu verhindern. Doch ist das überhaupt Aufgabe der Internet-Enzyklopädie?
Was wäre das Internet ohne Wikipedia? Schnell mal eben nachschlagen, wie viele Einwohner die USA haben, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert oder wie die Wahl in Russland vonstatten ging – für Millionen Internetnutzer ist die Online-Enzyklopädie ein kaum ersetzbarer Quell des Wissens. Wenn sich die Online-Aktivisten in der Wikipedia-Community durchsetzen, könnten die Amerikaner in Kürze hautnah erfahren, wie abhängig sie von dem Freiwilligen-Projekt geworden sind. Denn die Wikipedianer planen einen Streik.
Internetangebote boykottieren oder sperren
Kern des Anstoßes ist der “Stop Online Privacy Act”, der derzeit im US-Kongress beraten wird. Seit das Gesetz zuerst in den Komitees vorgelegt worden ist, laufen Internetaktivisten Sturm dagegen. Denn sie sehen in dem Gesetzesvorhaben nicht weniger als den Beginn amerikanischer Internet-Zensur zugunsten der Film- und Musikindustrie. Die fordert seit Jahren, ausländische Internetangebote zu boykottieren oder zu sperren, die unlizensierte Inhalte zum Download oder zum Stream anbieten.
Zwar wurde das Gesetz inzwischen um einige Kritikpunkte bereinigt, doch die Kritiker halten an ihrer Ablehnung fest: “Nach wie vor leidet das Gesetzvorhaben an den gleichem grundlegenden Problemen”, schreibt Geoff Brigham, Justiziar der Wikimedia Foundation. Dass ganze Webseiten blockiert werden sollen, wenn eine unbestimmte Anzahl von Raubkopien gefunden wird, ist gerade für Portale mit Nutzerbeteiligung ein unwägbares Risiko. Denn niemand kann die Beiträge von Millionen Nutzern ständig auf potenzielle Urheberrechtsverletzungen kontrollieren.
World Wide Web am Ende
Die weitgehenden Vollmachten für US-Behörden sind problematisch. So gab die US-Regierung vor wenigen Tagen die Domain eines Hip-Hop-Weblogs frei, das fälschlich als Raubkopierseite gebrandmarkt und beschlagnahmt worden war. Ein ordentliches Verfahren hatte es nie gegeben. Auch als internationaler Präzedenzfall sendet das Gesetzesvorhaben ein fatales Signal: Wenn die USA, Europa, China, Russland und Indien jeweils nur die Teile des Netzes durchlassen, die den lokalen Gesetzen entsprechen, ist das World Wide Web am Ende.
Jimmy Wales, Co-Gründer der Wikipedia, will es nicht so weit kommen lassen. Die Online-Enzyklopädie hat seit Jahren immer wieder mit Zensur und Einflussversuchen einzelner Staaten zu kämpfen. In China wurde sie jahrelang gesperrt, ebenso im Iran. Auf seiner Wikipedia-Nutzerseite hat Wales daher eine Umfrage gestartet, ob die Wikipedia in einen Streik treten soll, um die Öffentlichkeit zu alarmieren. “Ein globaler Streik der englischen Wikipedia würde maximalen Druck auf die US-Regierung ausüben”, schreibt Wales.
Wikipedia ist keine Demokratie
Obwohl sich bisher eine überwältigende Mehrheit in der Diskussion für den Streik ausspricht, gibt es ein Problem: Für eine solch weitgehende Entscheidung gibt es keine Regeln, keine Entscheidungsprozesse. Zwar hat die Wikipedia rudimentäre Wahlmechanismen eingerichtet, um einzelne Mitglieder des Aufsichtsgremiums der Wikimedia Foundation zu wählen. Doch das Verfahren ist kompliziert und wird nur von einem Bruchteil der aktiven Wikipedianer genutzt. Eine der Grundregeln des Projekts ist: Wikipedia ist keine Demokratie. Über Wissen kann man nicht abstimmen.
Zwar lehnen so gut wie alle Wikipedia den “Stop Online Privacy Act” ab – aber ist es die Aufgabe eines Wissensportals, aktiv dagegen zu kämpfen? “Wir sind eine Enzyklopädie”, protestiert ein Gegner des Vorhabens. Bei der Erstellung der Wikipedia-Artikel hat das Angebot eine strikte Neutralitätsregel, kann sich das Projekt also selbst eindeutig politisch positionieren? Und wenn ja: hat Wikipedia keine Verpflichtung, das Wissen für die Menschen weiterhin bereit zu halten? Würde Wikipedia auf jedes Gesetzesvorhaben im Widerspruch zu seinen Zielen mit einem Streik reagieren, wäre es kaum noch online.
Präzedenzfall Italien
Zwar hat Wikipedia keine Streikregeln, aber schon einen Präzedenzfall. Als das italienische Parlament ein Gesetz beriet, das Internetaktivisten als “Maulkorb” charakterisierten, schalteten die dortigen Wikipedianer kurzerhand die italienische Ausgabe der Online-Enzyklopädie ab. Mit Erfolg: Nach nur drei Tagen strich der zuständige Ausschuss die kritisierten Passagen aus dem Gesetzentwurf.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
9 Kommentare | 16. Dezember 2011 | 10:10 Uhr |
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Dadurch das Wikipedia schon mehrmals zur politischen Debatte in verschiedenen Ländern stand, sollte es auch mal einen Standpunkt setzen.
Und meiner Meinung nach nicht nur im englisch sprechenden Raum, sondern gerne auch im deutschsprachigen.
Ich bin absolut dafür, dass Wikipedia ein Zeichen setzt und in den Streik tritt. So macht man den Menschen die Auswirkungen von Internet-Zensur am schnellsten deutlich, indem man ihnen einfach mal den Zugriff zur größten Online-Enzyklopädie verweigert. Zum Teufel mit SOPA!
Die Wikipedia ist verantwortungsloser Weise nur am Erfolg ihres Online-Auftrittes interessiert. Hier ein Bericht von mir, wie mit mir umgegangen wurde, als ich harsche Kritik übte:
http://www.cyberlord.at/forum/?id=1431&thread=1354
Es gibt hier leider ein großes Missverständnis.
Ziel der Wikipedia, seiner Schwesterprojekte und der Wikimedia-Foundation ist es Wissen jedem Menschen frei zugänglich zu machen.
Um dieses Ziel zu verfolgen kann es ggf. auch erforderlich sein politisch aktiv zu werden.
Dem Neutralitätsgebot unterliegen lediglich die Inhalte der Wikipedia. Mit dem Projekt selber werden durchaus bestimmte Interessen verfolgt.
Unbedingt kann, sollte und darf die Wikipedia als Projekt politisch aktiv sein, wenn eigene Interessen berührt werden. Wie ein Vorposter schon schrieb: Neutralität nur für den Inhalt von Artikeln, nicht als “Gesamtorganisation”.
Und auch andere Medien äußern sich mal mehr, mal weniger offen “in eigener Sache”.
Ich denke, ein “Streik” der Wikipedianer kann den Entscheidungsträgern nur gut vor Augen führen, welche Konsequenzen das eigene Handeln hat.
Zunächst volle Zustimmung zu Nico. Dann noch der Hinweis: Ja, Wikipedia ist keine Demokratie. Es gibt aber demokratische Elemente. Die sind in den einzelnen Sprachversionen unterschiedlich. In der deutschsprachigen Version sind beispielsweise Meinungsbilder (i.A. Wahlen) verbindlich. In der englischsprachigen Wikipedia gibt es noch zwei andere mächtige Elemente. Zum einen das ArbCom, das Schiedsgericht mit weitreichenden Befugnissen, zum anderen Jimbo Wales als eine Art Halbgott.
Wenn es also ein “offizielles” Meinungsbild zu dieser Frage gibt, sollte diese Entscheidung auch bindend sein. An diesem Punkt sind die Wikimedia-Projekte durchaus demokratisch (wie immer sehen es meist die Personen anders, die mit nicht selten Kruden Anträgen scheitern).
Wiki,Google,Facebook mal 1 Woche wech…… (nur in den USA)
Die Gesichter will ich sehn !
[...] ist. Für 24 Stunden ist die englischsprachige Online-Enzyklopädie weltweit abgeschaltet. Um die Freiheit der Informationen auf lange Sicht zu erhalten, werden eben diese Informationen kurzfristig vom Netz genommen. In [...]