Störfall “Sonnenallee”: Die unendliche GEMA-YouTube-Geschichte

GEMA vs. YouTube, nächstes Kapitel: Es geht um den Film "Sonnenallee". Screenshot: YouTube
GEMA vs. YouTube, nächstes Kapitel: Es geht um den Film "Sonnenallee". Screenshot: YouTube

GEMA vs. YouTube, nächstes Kapitel: Es geht um den Film "Sonnenallee". Screenshot: YouTube

Müsste man die Streitigkeiten zwischen der GEMA und YouTube beschreiben, man würde mit “es war einmal” beginnen. Aktuelles Kapitel der phantastischen Erzählung: Für kurze Zeit wurde der erste bei YouTube Deutschland verfügbare deutsche Kinofilm “Sonnenallee” auf der Videoplattform gesperrt. Schuld daran will niemand sein. Willkommen im Märchen 2.0.

Und es begab sich am frühen Morgen eines Mittwochs, dass der erst vor wenigen Tagen freigeschaltete Kultfilm “Sonnenallee” für einige Minuten vom Bildschirm verschwand. Stattdessen begrüßte den Zuschauer eine mittlerweile gut bekannte Texttafel: Der Inhalt dieses Videos, so die Info, sei aus Rechtsgründen hierzulande nicht verfügbar. Eine schreiende Ungerechtigkeit, die in Deutschland unverzüglich mit Häme und Spott bestraft werden muss, zumindest nach Ansicht vieler Menschen in sozialen Netzwerken.

Die vermeintlich Bösen

Soweit die Einleitung zum neuesten Kapitel des Märchens. Was üblicherweise in der Dramaturgie folgt, ist die Einordnung der handelnden Figuren in ein Gut und Böse. Das Netz zumindest fackelte nicht lang, und schickte schnell die GEMA auf den digitalen Scheiterhaufen.

Doch die wäscht ihre Hände in Unschuld. “Die GEMA hat die Blockierung dieses Films nicht veranlasst”, sagt Bettina Müller, Pressesprecherin der Organisation, gegenüber Hyperland. Zumal die GEMA auch gar nicht die Nutzung unterbinden dürfe. Im “Urheberwahrnehmungsgesetz” nennt sich dies “Abschlusszwang”: Die GEMA kann die Nutzung der Werke – in der Regel – nicht verweigern, auch wenn die endgültigen Kosten für den Lizenznehmer noch nicht feststehen beziehungsweise in Verhandlung sind. Dazu bietet das Gesetz das Mittel der “Hinterlegung“: Bis zur Einigung auf einen final zu zahlenden Betrag, werden die Lizenzgebühren treuhänderisch auf einem Konto hinterlegt.

Noch ein Bösewicht?

Von beiden Varianten – direkter Rechteerwerb als auch Hinterlegung bis zur Einigung, habe YouTube keinen Gebrauch gemacht, sagt Bettina Müller. Anders als die Konkurrenz: Portale wie Clipfish und myvideo nutzen das Mittel der Hinterlegung. Um YouTube wieder an den Verhandlungstisch zu zwingen, hat die GEMA bereits 2010 eine Musterklage, basierend auf zwölf Videos eingereicht.

Womit die Rolle des Bösewichtes YouTube übernehmen müsste. Doch die Mutter Google hat einen anderen Schuldigen ausgemacht. Google verkündet folgendes Statement: “Wir können bestätigen, dass der Kinofilm “Sonnenallee”, der derzeit in voller Länge und kostenfrei auf YouTube abrufbar ist, heute morgen für kurze Zeit nicht abgerufen werden konnte. Das Problem wurde innerhalb von 45 Minuten gelöst, so dass Filmfreunde diesen Klassiker nun wieder auf YouTube genießen können.”

Aller Bösewichte sind drei?

Was das Problem war, bleibt im Dunkeln. Ebenso unklar bleibt, welche Rolle der eigentliche Musikrechteinhaber Sony Music Entertainment spielt. Um der unüberschaubaren Zahl neuer Videos Herr zu werden, erstellt YouTube automatisch Fingerabdrücke von Bild und Ton der hochgeladenen Videos. Kommt es zu einem Treffer in der Urheberrechte-Datenbank, wird der Videohochlader informiert – und der Urheber. Und dieser entscheidet dann, ob er dem Video rechtlich den Daumen nach oben oder unten gibt. Sprich: Er sperrt das Video – oder eben nicht.

Und somit wandert der schwarze Peter weiter in Richtung Sony Music. Dort weiß man auch nicht, wer das Video gesperrt haben könnte. Pressesprecher Sebastian Hornik sagte auf Anfrage von Hyperland: “Falls es zu einer manuellen Sperrung durch uns gekommen sein sollte, dann nicht von Deutschland aus.” Möglich sei, dass dies aus dem New Yorker Büro passiert sein könnte.

Fazit: Nichts Genaues weiß man nicht.

Zukunftsmarkt Musikvideo

Was als kleines Scharmützel wirkt, ist in Wahrheit ein riesiger Markt. In den USA sind Musikvideos längst die stärkste Videogattung auf YouTube. Die größten Akteure sind der Musikableger VEVO – und der getrennt davon agierende Musikriese Warner Music. Allein im Oktober 2011 wurden in den USA in den beiden YouTube-Netzwerken eine Milliarde – vermarktete – Videos abgerufen. Fast 3,5-mal mehr als beim Nächstplatzierten, dem Videospiel-Primus Machinima.

Ausnahme oder Regel?

Doch im Märchenland YouTube ist nicht alles legal, auch wenn keine Texttafel den Musikgenuss verhindert. Das Covern von Musikstücken ist in den USA gang und gäbe, in Deutschland durch die Rechteproblematik ein Spiel mit dem Feuer. Was viele aber nicht davon abhält, musizierend an der Grauzone zu stehen.

Der Student Alexander Böhm, im Netz als “AlexiBexi” bekannt, zählt zu den deutschen Top-YouTubern, mit teils mehreren Millionen Abrufen pro Video. Seine Spezialität: Neben eigenkomponierten Musikstücken interpretiert er aktuelle Chartkracher gerne neu, meistens mit selbst eingedeutschten Texten. Manchmal offensichtlich verfälscht, manchmal sehr am Original.

Die Rechte an den Werken hat er nach eigenen Angaben nicht, versteht die Videos aber eher als Parodie – oder als Hommage. Je nach Nähe zum Original.

Wo kein Kläger …

Mit Sperrungen hat ein AlexiBexi-Fan nicht zu kämpfen – seine Videos scheinen weder ein Problem für Rechteinhaber noch für YouTube zu sein. Kein digitaler Fingerabdruck, der Alarm schlägt, kein aufgeregter Vertreter der Musikindustrie, kein YouTube-Admin, der mit erhobenem Zeigefinger winkt. Im Märchen ist nun mal alles möglich.

Und wenn sie nicht gesperrt sind, tja, dann senden sie noch heute.

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