Social-Media-Kriegsführung: Erst twittern, dann schießen?
In Afghanistan lieferte sich die NATO mit den Taliban Wortgefechte auf Twitter. In Libyen twitterten Aufständische die Koordinaten von Gaddafi-Truppen und baten um NATO-Luftangriffe. In Somalia werden Dorfbewohner per Twitter gewarnt, wenn sie sich in Sicherheit bringen sollten. Taugt die Nachrichtenplattform Twitter als Kommunikationsmittel für das Schlachtfeld?
In 129 Zeichen erklärte NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen den Libyen-Einsatz der Allianz für beendet. Zuvor hatten in dem Konflikt vor allem die libyschen Aufständischen Twitter benutzt, um für ihre Sache zu werben und Informationen zu verbreiten. Minutiös, schneller als über die internationalen Nachrichtenagenturen und größtenteils korrekt ließ sich verfolgen, wo die Aufständischen vorrückten und wo sie von den Truppen des Machthabers Gaddafi zurückgedrängt wurden. Auch die NATO nutzte das daraus entstehende Bild als Teil ihrer Bombardementplanung, wie sie selbst einräumte. Spätestens nachdem dies bekannt wurde, gaben libysche Aufständische in der Hoffnung auf Luftunterstützung selbst mögliche Ziele auf Twitter durch – teilweise samt Koordinaten.
War of Words
In den derzeitigen Kämpfen in Somalia ist auf Twitter ein Sprecher der kenianischen Armee in Erscheinung getreten, der auf diesen Weg Offensiven gegen die islamistische Shabab-Miliz und die Zivilbevölkerung in bestimmten Orten auffordert, sich in Sicherheit zu bringen. Wie viele der möglicherweise betroffenen Somalier allerdings unter den mehr als 10.000 Followern von “MajorEChirchir” sind und etwas von seinen Warnungen mitbekommen könnten, ist fraglich. Dafür meldeten sich kurz nach den kenianischen Angriffswarnungen auch Vertreter der Islamisten auf Twitter zu Wort. “Den größten Teil ihrer Follower machen Journalisten, Terrorismusforscher und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen aus, nicht die fromme muslimische Jugend”, merkt “Wired” süffisant an.
“Das ist ein ‘War of Words’, der sich aber vor allem an das globale Publikum wendet. Die Außendarstellung ist der konkrete militärische Zweck”, sagt Sascha Stoltenow, Ex-Bundeswehroffizier, PR-Berater und Militär-Blogger. “Denn in einem Krieg oder Konflikt, der unter den Bedingungen der Mediengesellschaft geführt wird, ist beides, pen und gun, Teil des Ganzen.”
Unbekannte Blogger als Quellen
Ähnliche Twitter-Wortgefechte über Faktenlage und Deutung militärischer Ereignisse gibt es schon seit längerem in Afghanistan – zwischen Taliban-Sprecher Abdulqahar Balkhi und Vertretern der internationalen Truppen unter NATO-Führung. Hier gehen die die westlichen Militär-Twitterer den Gegner direkt an – und schlagen einen ganz anderen Ton als beispielsweise im US-Armee-Profil “Operation Enduring Freedom”, das lieber über Hilfsmaßnahmen, Basketballspielen und Shakespeare-Aufführungen in Afghanistan informiert.
Militärexperte Stoltenow sieht im Kampf um die Deutungshoheit im Netz eine entscheidende Herausforderung der Militärs durch Twitter und andere Social-Media-Dienste. An den direkten Einsatz in Gefechten – wie durch die Beispiele Libyen und Somalia suggeriert – sieht er dagegen nicht. “Um Twitter zu genauen Zielabsprache zu nutzen, ist das System viel zu unzuverlässig. Außerdem hängt der militärische Nutzen im Gefecht einzig und allein von dem ab, der am anderen Ende der Leitung sitzt. Dazu brauche ich ausgebildete Feuerleitoffiziere.” Welche westliche Armee verließe sich allein auf unbekannte Blogger als Quellen, wenn ein Luftwaffeneinsatz mit hohen Kosten und den möglichen politischen Folgen eines Fehlschlags verbunden ist?
42 Millionen Dollar für Forschung
Zur Informationsgewinnung, so Stoltenow, wird es aber “in Zukunft selbstverständlich werden, auch die Kommunikation auf Plattformen wie Twitter oder Facebook auszuwerten. Das spielt sich aber alles auf einer eher strategischen Ebene ab.” Die US- und die britische Armee haben längst erkannt, dass sie sich in die Kommunikation im Netz einschalten müssen, um dort nicht als Verlierer da zu stehen. So stellt die US-Armee jetzt 42 Millionen Dollar zur Verfügung, um erforschen zu lassen, wie sich die sozialen Medien für ihre Zwecke nutzen lassen.
Bei der Bundeswehr sieht das anders aus. Selbst davon, den einzelnen Soldaten für ihren persönlichen Umgang mit Social-Media wenigstens eine grundsätzliche Orientierungshilfe mit auf den Weg zu geben, sei sie “weit entfernt”, sagt Stoltenow. Da passt der Name des offiziellen Bundeswehr-Profils bei Twitter ins Bild: Das heißt BundeswehrRSS, weil es größtenteils lediglich über einen RSS-Feed automatisiert die offiziellen Meldungen von der Bundeswehr-Homepage zu Twitter schaufelt, statt dort selbst zu agieren.
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1 Kommentar | 13. Dezember 2011 | 10:17 Uhr |
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Ich halte Warnmeldungen via Twitter für gleichermaßen ungeeignet, wie Zielmeldungen.
Grund: es lässt sich nicht verifizieren, wie vertrauenswürdig der Absender ist und ob nicht ggfs. der Account gehackt wurde. Trotzdem kann es ein “Ausgangspunkt” für eine Überprüfung auf ein “mögliches” Ziel sein – als Einzelquelle darf es aber keine Relevanz entwickeln.
Im Bereich der Kriegsführung, in der schon immer Propaganda zum Einsatzkam würde ich mein Leben nicht an einen Tweet hängen – im Gedränge einer “Loveparade” schon eher.
Und das Kriegsende wird auch nicht per Twitter verkündet – nur die Information über das verkündete Kriegsende weiter getragen, wie es auch im Fernsehen oder Radio geschieht.