Quote.fm: Wo bitte geht es zu den guten Texten?
Wie findet man kontinuierlich gute Texte im Internet? Diese Frage stellte sich Marcel Wichmann letztes Jahr in seinem Blog – und beantwortete sie selbst: gar nicht. Also entschloss er sich mit zwei Mitstreitern dazu, dieses Problem zu lösen. Ziemlich genau ein Jahr später ist das Ergebnis nun online: Quote.fm.
Das Prinzip: Nach der Anmeldung lädt man sich in einem ersten Schritt ein Lesezeichen herunter. Stößt man anschließend auf einen guten Text, kann man eine aussagekräftige Stelle markieren und es im eigenen Profil empfehlen. Über standardmäßige Funktionen wie dem Folgen anderer User schafft man sich so eine Timeline, die im Idealfall aus lauter lesenswerten Texten besteht.
Fokus auf dem Publikum
“Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen einer HTC-Review oder aber einem Text über den Absturz der Air-France-Maschine, dann würde ich mich unter normalen Umständen immer für das Smartphone entscheiden”, sagt der 22-jährige Wichmann. “Aber da ich wusste, dass die Person, die den Text verlinkt, keinen Schrott empfiehlt, las ich den Text über den Absturz. Und siehe da: toller Text! Genau dafür haben wir Quote.fm gebaut.“
In den letzten Jahren entstanden zahlreiche Seiten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ausschließlich gute Texte zu empfehlen. Aber während Longreads sich auf längere Texte beschränkt und Byliner den Fokus auf die Autoren legt, kümmert sich das von Wichmann gemeinsam mit zwei Mitstreitern aufgebaute Quote.fm primär um die soziale Komponente: das Publikum.
Nicht jeder soll rein
Zumindest auf die, die es rein lässt. Denn die Anmeldung ist derzeit eine der Achillesfersen des Hamburger Start-ups. Mitmachen darf – genauer: soll – nicht jeder. Aus Gründen der Qualität. Zwar ist es möglich, sich als sogenannter “Apprentice” zu registrieren, wirklich dabei ist das neue Mitglied dann aber noch lange nicht. In diesem Status lässt sich lediglich aussuchen, welchen Menschen man folgt und so deren Empfehlungen enthält. Selbst zitieren dürfen neue Quote.fm-Nutzer aber erst, wenn sie eine Einladung erhalten, zum vollwertigen Nutzer aufzusteigen. “Die Lösung ist nicht annähernd perfekt”, gibt Wichmann zu. “Aber irgendwann muss man sich entscheiden. Und wir wollen definitiv gute, lesenswerte Texte und keine User, die Goethe-Zitate zitieren.”
Auch auf Quote.fm geht der Trend in Richtung Länge. Der durchschnittliche Artikel hat 2.000 Wörter, das entspricht einer Lesezeit von acht Minuten. Für Wichmann heißt das vor allem, dass sein Dienst den Usern die Möglichkeit bieten muss, die Texte für ein späteres Lesen zu speichern. Ein Verfahren, wie man es von erfolgreichen Angeboten wie Instapaper kennt. So soll sichergestellt werden, dass Texte auch dann gelesen werden können, wenn man keine Verbindung ins Netz hat. Derzeit kann man die Texte an Instapaper oder an Amazons Kindle weiterschicken, aber auf lange Sicht soll alles über Quote.fm laufen. “Bei Instapaper sehe ich nur die Überschrift und weiß oft nicht mehr, warum ich den Text gespeichert habe”, sagt Wichmann. “Wenn ich aber das Zitat lese oder die Person sehe, die mir das empfohlen hat, dann weiß ich das.”
“Wir wollen ja nichts Böses”
Das Problem an dieser Lösung ist jedoch: Nach aktuellem Stand würde man einen Text wie diesen hier, nach dem Klick auf eine Empfehlung, nicht mehr im Hyperland-Blog lesen, er wäre vielmehr innerhalb von Quote.fm gespeichert.
Was für Außenstehende als kleines Detail erscheinen mag, könnte zu ernsthaften Konsequenzen führen. Wie im Falle von Zite könnte es passieren, dass Verlagshäuser gegen diese Art der Textaufbereitung vor Gericht ziehen. Denn wenn die Texte nicht mehr am Ursprungsort gelesen werden, führt das dort zu weniger Werbeeinnahmen. Ein Szenario, für das die Macher bereits anwaltliche Gutachten erstellen ließen, aber gelassen sehen: “Wir wollen ja nichts Böses. Bevor uns aber jemand verklagt, sperren wir lieber alle Texte der entsprechenden Quelle. Einen jahrelangen Rechtsstreit will niemand.”
Zwischen dem ersten Blogpost und dem Launch der Seite verging genau ein Jahr. Während dieser Zeit hat Marcel Wichmann jeden Fortschritt online dokumentiert. Angst davor, dass die Idee geklaut wird, habe er zwar gehabt, aber auf die Größe seines Blogs vertraut. Geklaut wurde nichts. Im Gegenteil: Es kamen hilfreiche Tipps und eine – bis dato – kleine, dafür loyale Anhängerschaft.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
5 Kommentare | 22. Dezember 2011 | 10:13 Uhr |
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Naja, es gibt noch keine “Send to Kindle” Funktion, bevor die jetzt jemand sucht. Die wird es aber geben.
Es gibt dumme Menschen, und es gibt intellente. Wenn ein kluger Mensch eine Werbeseite hat; nein, ich meine natürlich eine Webseite, sind mehr oder weniger alle Texte auf dieser Seite gut; sodass es meines Erachtens vielleicht besser ist, (gleich) eine Linksammlung guter Webseiten zu präsentieren, wie beispielsweise Linkperlen.de.
Man könnte auch argumentieren, dass es grundsätzlich nicht richtig sei, Webinhalte beziehungsweise -texte in gute und schlechte unterteilen zu wollen, weil jeder Mensch jeweils andere Texte als gut ansieht. Dies ist vielleicht so ähnlich wie mit der Musik.
Beispielsweise ist für den einen Homophobie ein Verbrechen. Und ein anderer sieht darin die Befreiung von Männern mit weiblicher Orientierung von gleichgeschlechtsteiliger Sexualität, damit diese Menschen endlich den (wirklich) richtigen Partner finden können.
So gesehen wären (auch) generell Linksammlungen gut, wo es keine Zensierung gibt, sondern wo einfach jede Webseite aufgenommen werden kann, wo ein selbsternannter Welterlöser seine Essays zum besten gibt.
[...]
* Anmerkung der Redaktion: Der externe Link wurde entfernt. Das ZDF kann keine Verantwortung für den Inhalt der Seiten Dritter übernehmen.
So eine Linksammlung kann sich auch jeder selbst machen, indem er jeweils die externen Links einer Webseite einer Liste hinzufügt, die man dann wiederum aufruft und so weiter. Mit dem Freeware-Editor Vim beziehungsweise gVim kann man mit dem Befehl :sort u alle URLs sortieren und es werden alle Doppelten entfernt.
Eigentlich wollte ich ja was ganz anderes schreiben, dass ich das nämlich sehr gut finde, dass es endlich eine Webseite gibt, die zumindest weitgehend nur solche Texte enthält, oder enthalten soll,
die vom Herrgott zum wahren göttlichen Propheten Erwählte (5. Mose 18) geschrieben haben, um der Menschheit ihre vom Heiligen Geist inspirierten Erleuchtungen allen Erlösung suchenden Menschen zuteil werden zu lassen.
Ich hatte diesen Vim-Befehl vergessen, der alle Youtube-Video-URLs auf das erforderliche Minimum kürzt; was bei einer Liste, die auch Youtube-Video-URLs enthält, sehr nützlich ist:
:%s#\(http:\/\/www.youtube.com\/watch?\)\([^&]\+&\)*\(v=[^&]\+\)\(&.\+\)*#\1\3
Damit sich keiner wundert; mein erster Beitrag vom 27.12.2011 wurde bis jetzt noch nicht freigeschaltet, während der zweite ergänzende Beitrag von mir sofort freigeschaltet wurde.
Inzwischen ist mein Beitrag endlich freigeschaltet worden. Ich habe mir die Seite mit den guten Textzitaten angeschaut. Mir gefällt aber nicht, dass die Zitate alle ziemlich kurz sind beziehungsweise anscheinend nur kurz sein dürfen.
Dies ist vergleichbar mit Seiten, die gute Twittersprüche zitieren. Wenn aber eine Seite nur kurze Textpassagen als gute Texte präsentiert, kann letztlich der Anspruch, dass man gute Texte präsentieren will, insgesamt eher nicht erfüllt werden, weil gute Texte meistens eher umfangreiche Texte sind.