Open-Source-Schulbücher: Wie der Schultrojaner neue Ideen ins Bildungssystem schmuggelt

Entsprechen klassische Schulbücher noch dem digitalen Zeitalter? (Foto: Nina Stössinger, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)
Der angekündigte Schultrojaner soll “Raubkopien” von Lernmaterialien aufspüren, doch die Debatte lenkt den Blick auch auf spannende Ansätze jenseits des klassischen Schulbuchs. Diskutiert wird nun über “Open Educational Resources”. Was steckt hinter diesem Open-Source-Prinzip im Bildungsbereich?
Noch steht er nur in einem Absatz des Vertrags über Schulkopien, den die Kultusminister der Länder mit Verlagen und Verwertungsgesellschaften geschlossen haben: der sogenannte Schultrojaner – eine Software, die auf Rechnern in Schulen nach illegalen Kopien von Unterrichtsmaterialien suchen soll. Nach der Welle der Kritik der letzten Wochen galten Nachbesserungen als ausgemacht. Oder doch nicht? Die Signale aus der Politik gehen inzwischen in eine andere Richtung: “Nachverhandlungen sind im Moment nicht geplant”, sagte Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz (KMK) am Mittwoch auf einer Veranstaltung in Berlin. Allenfalls ein “informatives Gespräch” werde es kommenden Dienstag geben, so eine Sprecherin zu Hyperland.
Idee ist gar nicht so neu
Doch wie es auch ausgeht: Der Wirbel um den “Schultrojaner” hat nebenbei die Diskussion um innovative Lernformate ins Rollen gebracht. Vor allem als Reaktion auf den offenen Brief an die Verlage von Torsten Larbig wird in Bildungsblogs und einschlägigen Portalen nun über “Open Educational Resources” diskutiert – und es werden Ideen und Pläne für solche Lernmaterialien mit offenen Lizenzen entwickelt, etwa beim Educamp Ende November in Bielefeld. Dabei ist die Idee solcher offenen Bildungsmaterialien an sich gar nicht neu. Was in den letzten zehn Jahren allerdings eine recht überschaubare Fachdiskussion war, scheint nun auch bei den Praktikern angekommen – bei Lehrern und Medienpädagogen, zumindest bei den netzaffinen unter ihnen.
Die Grundidee teilen solche offenen Bildungsmedien mit ähnlichen Projekten in anderen Bereichen: “Open Access” in der Wissenschaft zum Beispiel, “Open Source” in der Informatik oder “Open Data” bei Behörden und anderen Einrichtungen. Für den Anwender sind diese Inhalte kostenlos, vor allem aber lassen sie sich auch weitergeben. Das ist möglich, da durch freie Lizenzen das Urheberrecht einen anderen Dreh bekommt. Weil die Urheber bestimmen können, wer ihr Werk wie nutzen darf, können sie auch festlegen, dass jeder es nutzen darf.
“Schulbuch kommt aus der Industrialisierung”
Überblickt man die Angebote an offenen Lernmaterialien in Deutschland, so ist das Angebot von Seiten, Materialien- und Quellensammlungen für offenes Bildungsmaterial kaum zu überschauen: das Schulbuchwiki etwa, das ZUM-Wiki, die Schulbücher bei Wikibooks, schließlich auch thematische Portale oder private Websites wie arbeitsblatt.eu. Das Material selbst ist mal mehr, mal weniger gut, vieles ist noch Baustelle. Das auch nicht verwunderlich. Der Idee nach kann die Arbeit an der Qualitätssicherung nämlich auch nach der Veröffentlichung beginnen – zusammen mit anderen Nutzern. Auch Peer-Review-Verfahren, die als Gutachtenmethode im Wissenschaftsbetrieb üblich ist, sind möglich.
Hinter der Vielfalt an Angeboten lassen sich unterschiedliche Ansätze erkennen, wie offene Bildungsmedien gestaltet und an die Adressaten gebracht werden sollen. Am einen Ende der Skala steht ein zentrales Verzeichnis, das Buchform und Lehreinheiten elektronisch nachbildet. Am anderen, eher noch futuristischen Ende: verflüssigte, digitale Wissensbausteine, die sich zu temporären Wolken verdichten und von Schülern auf allen möglichen Geräten und gemäß eigener Fragen genutzt werden. “Das Schulbuch kommt aus der Industrialisierung – von der Werkbank, an der alle alles gleich können müssen”, sagt Guido Brombach vom DGB-Bildungswerk. Es sei der heutigen Gesellschaft nicht mehr adäquat.
Analog erlaubt, digital verboten
Ganz neu ist ein solches Bausteinverfahren allerdings auch nicht: Viele Lehrer arbeiten schon lange nicht mehr nur mit einem einzigen Buch, sondern wählen aus vielen Quellen geeignetes Material aus. Genau das verwehren ihnen allerdings die aktuellen Regelungen zu Schulbuchkopien. Ein Beispiel: Zwei unterschiedliche Buchseiten einscannen und in einem Arbeitsblatt kombinieren – was mit Papier und Schere erlaubt ist, ist derzeit digital verboten.
Vor dem Hintergrund wolkenartiger, digitaler Wissensbausteine wirkt es da fast schon konservativ, wenn der Verein Wikimedia Deutschland ein Schulbuch unter freier Lizenz entwickeln will. Den Segen der Kultusminister und eine Verlagskooperation vorausgesetzt, könnte es eines Tages auch gedruckt im Ranzen liegen. Um beharrliche Kultusapparate und Verlage für die Idee der offenen Bildungsmedien zu gewinnen, ist das vielleicht auch nicht der schlechteste Ansatz.
Auch bei Wikimedia sieht man das allerdings nur als eine unter vielen Initiativen. Letzten Endes zählten alle Versuche, freies Wissen voranzubringen, meint Elly Köpf, die auch ein Projekt zum besseren Umgang mit Wikipedia – immer noch das meistgenutzte offene Bildungsmedium – an Schulen betreut. Der Schultrojaner jedenfalls, so hat es den Anschein, schmuggelt derzeit vor allem neue Ideen ins Bildungssystem.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
4 Kommentare | 08. Dezember 2011 | 11:20 Uhr |
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“Überblickt man die Angebote an offenen Lernmaterialien in Deutschland, so ist das Angebot von Seiten, Materialien- und Quellensammlungen für offenes Bildungsmaterial kaum zu überschauen” halte ich für etwas übertrieben. Zugegeben, es gibt schon einiges Material, das wirklich frei und offen ist. Noch ist das Angebot jedoch recht begrenzt. Dazu kommt noch, dass vieles Material, welches als offen bezeichnet werden könnte, zwar im Internet verfügbar ist, jedoch nicht als solches gekennzeichnet ist, etwa durch Creative Commons Lizenzen. Damit ist es auch nicht für Suchmaschinen auffindbar. Lehrerinnen und Lehrer teilen ihre Materialien gerne mit anderen, wissen aber häufig nicht um die Problematik. So nutzt es dann auch nichts, wenn sie ihre Materialien in ein Blog packen und nirgendwo Aussagen zu ihren Vorstellungen von der Nutzung der Materialien machen.
Hier muss ein Umdenken stattfinden und Aufklärung betrieben werden. Daran muss in nächster Zeit unbedingt gearbeitet werden und jeder kann mitmachen.
Ich arbeite als Dozent für das Landesinstitut Hamburg für Lehrerbildung und Schulentwicklung und behandle in meinen Fortbildungen seit langem das Thema Urheberrecht und Mediennutzung in der Schule. Gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen arbeiten wir daran, ein umfassenderes Wissen im Umgang mit dem Urheberrecht bei den Lehrerinnen und Lehrern aber auch den Schülerinnen und Schülern zu erreichen. Dabei geht es nicht nur um die Beschaffung von lizenzfreiem Material, sondern auch um die Lizenzierung eigener Werke z.B. mit Creative Commons. Die Resonanz bei den Lehrerinnen und Lehrern ist durchweg positiv und man könnte vielleicht bereits vorsichtig davon sprechen, dass hier ein erster frischer Wind, oder zumindest der Wunsch nach Veränderung zu spüren ist. Ganz gleich wie es weitergeht – das Thema Mediennutzung in der Schule und Urheberrecht ist m.E. in der öffentlichen Debatte angekommen. Und das empfinde ich als einen großer Schritt in die richtige Richtung.
@Damian Duchamps
Stimme zu: Angaben zu Lizenzen fehlen häufig. Wenn das durch Metadaten geschieht, wäre es auch ein Beitrag zur Durchsuchbarkeit, damit auch zur Überschaubarkeit.
Mit dem Bildungskoffer.org ist ein Portal entstanden auf dem Bildungsmaterial unter Creative Commons Lizenzen veröffentlicht werden kann und wo vor allem auch gemeinsam daran weiter gearbeitet werden soll. Dadurch wird der qualitativen Zugewinn bei den Inhalten unter freier Lizenz hoffentlich sichtbar.