Die Zeit ist reif für die Zeitung 2.0

Erfindet sich die Zeitung gerade neu? (Foto: Alexander von Streit)

Erfindet sich die Zeitung gerade neu? (Foto: Alexander von Streit)

Google Currents, Flipboard, Zite – eine Handvoll Web-Dienste lösen ein altes Versprechen des Internets endlich ein: die Zeichen für ein erfolgreiches personalisiertes Nachrichtenmagazin in digitaler Form standen noch nie so gut wie heute.

Das Versprechen der individuellen Tageszeitung ist gut 15 Jahre alt und hört auf den Namen “Daily Me“. Statt eine Redaktion entscheiden zu lassen, was in der Zeitung steht, stellen sich Leser in der digitalen Welt ihre Zeitung ganz nach eigenem Gusto zusammen – auch über Zeitungs- und Verlagsgrenzen hinweg. Frühe Versuche, diese Idee zu realisieren, scheiterten schnell und auch die Anläufe in jüngster Zeit führten nicht allzu weit. Das 2009 an den Start gegangene Niiu “pausiert”, die im Februar 2010 vorgestellten Personal News präsentieren sich nur noch mit einer verwaisten Webseite, und ob MyNewspaper, das jüngste Experiment der Schweizer Post, mehr Glück beschieden sein wird, darf bezweifelt werden.

Digitale Zukunft des Publishings

Dafür boomen Dienste, die als Nachrichtenfilter Empfehlungen in sozialen Netzwerken benutzen und aus den dort geteilten Links automatisch magazinartige Webseiten generieren. Deren Ergebnisse können allerdings nur selten überzeugen, produzieren sie am Ende doch nur ein mehr oder minder lieblos gestaltetes Sammelsurium aus Webseiten, die man ohnehin schon kennt – schließlich stammen die Links aus der eigenen Timeline bei Facebook, Twitter & Co.

Da sind Angebote für moderne Tablet-Computer wie Flipboard, Pulse, Zite oder das vor wenigen Tagen an den Start gegangene Currents von Google schon von einem anderen Kaliber und besitzen das Potenzial, den Weg in die digitale Zukunft des Publishings zu weisen.

Besser lesbar als das Original

Auf den ersten Blick unterscheiden sie sich kaum von anderen Angeboten, die nach Vorgaben des Anwenders den Nachrichtenstrom filtern. Hier wie dort lassen sich die Links, die aus den sozialen Netzwerken herein gespült werden, zu einer Nachrichtenseite zusammensetzen. Zusätzlich bieten sie Zugriff auf eine Reihe von Blogs und Online-Zeitungen, die in verschiedenen Ressorts gruppiert und individuell zusammengestellt werden können.

Google Currents (Screenshot)

Google Currents (Screenshot)

Doch sie sind auf eine unaufdringliche Art grundlegend anders: sie präsentieren nicht einfach nur eine mehr oder weniger ansprechend aufbereitete Sammlung von Links, die jeweils zu völlig anderen Webseiten führen, sondern zeigen die verlinkten Artikel mitunter in vollständig neuer Form.

Zu sehen sind andere Schriftarten und Seitenaufteilungen, als bei den Originalquellen. Zudem blenden die Dienste die üblichen Elemente einer typischen Nachrichtenseite wie bunte Logos, unzählige verschiedenfarbige Navigationselemente und Anzeigen aus. So entsteht ein einheitliches Bild aller Artikel über die verschiedenen Quellen hinweg, und das Ergebnis ist in Sachen Lesbarkeit dem Original fast immer deutlich überlegen.

Abmahnung durch große Medienhäuser

Besonders radikal geht hier Zite zu Werk. Hier werden verlinkte Artikel standardmäßig in einer übersichtlichen Textansicht präsentiert und die ursprüngliche Webseite erst nach Anforderung gezeigt. Das ist zwar angenehm für den Leser, aber ein klarer Content-Klau, der so natürlich auch nicht geht. Die Konsequenzen ließen dann auch nicht lange auf sich warten, und Zite handelte sich im März eine Abmahnung der großen US-Medienhäuser ein. Inzwischen wurde Zite von CNN übernommen und scheint damit aus den gröbsten Schwierigkeiten heraus zu sein.

Zite (Screenshot)

Zite (Screenshot)

Andere Anbieter kooperieren lieber gleich mit Verlagen, die den neuen Zugang zu ihren Inhalten nicht als Angriff, sondern als Chance begreifen. Google weist stolz auf die Zusammenarbeit mit mehr als 150 Partnern hin und preist Currents als verlegerische Chance kleiner und mittlerer Anbieter, deren Inhalte ansonsten im Nachrichtenstrom untergehen.

Die Kooperation mit den Verlagen zwingt Google allerdings zu einer seltsamen Verrenkung: Currents ist für Apples mobiles Betriebsystem iOS aktuell nur in den USA erhältlich. So jedenfalls scheinen sich die Verleger das gedacht zu haben. Doch die digitale Welt ist prinzipiell global, mit regionalen Schranken kommt man da nicht weit. Es ist überhaupt kein Problem, die App auch hierzulande auf seinem iPhone oder iPad zu installieren. Dazu benötigt man lediglich einen Account im US-Store, was ein triviales Problem und leicht zu lösen ist. Entsprechende Anleitungen finden sich im Netz zuhauf.

Das Spamfilter-Prinzip

Flipboard, Currents & Co. zeigen überzeugend, wie sich journalistische Inhalte aus den verschiedensten Quellen in angenehmer Form präsentieren lassen. Was diesen Apps allerdings noch fehlt, ist eine echte Personalisierung, die nicht nur das Hinzufügen eigener Quellen erlaubt, sondern thematische Schwerpunkte aus dem Verhalten des Anwenders ermittelt. Doch auch hier zeigt Zite bereits Erfolg versprechende Ansätze. Ähnlich wie moderne Spamfilter, die automatisch unerwünschte Mails erkennen, lernt Zite, was den Leser interessiert und was nicht.

Bleibt noch die generelle Kritik an personalisierten Newsdiensten, die so alt ist wie die Idee von “Daily Me” selbst: Wer nur noch die Inhalte sieht, die ihm gefallen, bewegt sich in seiner privaten Echokammer, oder lebt in seiner Filterblase, in die kaum noch ein unerwarteter Ton von außen dringt. Doch auch dagegen sollte ein Algorithmus gewachsen sein, der dafür sorgt, dass gelegentlich völlig neue, unerwartete und überraschende Inhalte eingestreut werden, die nicht durch das Nutzerprofil vorherbestimmt sind.

Die Technik ist also inzwischen so weit, das Versprechen von 1995 einzulösen – worauf warten wir noch?

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: Giesbert Damaschke

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Giesbert Damaschke studierte Germanistik und Philosophie in Bonn und arbeitet seit über 30 Jahren mit Computern. Er unterrichtet, schreibt und lebt in München. Im Netz ist er unter www.damaschke.de zu finden.
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