Da staunen Sie Bauklötze: Minecraft

Klotz-Planeten in "Minecraft" (Bild: colmmcsky, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)

Klotz-Planeten in "Minecraft" (Bild: colmmcsky, Quelle: Flickr, CC BY-SA 2.0)

Seit gut einem Jahrzehnt perfektioniert die Game-Industrie die Grafik ihrer 3D-Spiele. “Modern Warfare 3″ inszeniert Kriege, als wäre man wirklich dabei, “Battlefield 3″ setzt zusätzlich auf unglaublich menschlich animierte Gesichter. Und in der Welt von “Skyrim” wandert der Spieler durch schneeverwehte Berglandschaften. Im Vergleich dazu wirkt “Minecraft” wie ein Spiel aus dem letzten Jahrtausend. Und doch lockt es Millionen von Anwendern.

Auch Minecraft ist eine virtuelle 3D-Welt. Doch sie ist extrem grob gerastert: Alle Gegenstände bestehen aus einfachen Quadern. Sie sind plump und nicht besonders schön, jedes einzelne der 16 Pixel pro Quaderseite springt förmlich ins Auge. Auch das Spielprinzip kommt ohne Hollywood-Drehbuch aus: Der Spieler kann mit einem virtuellen Werkzeug einen vorhandenen Quader entfernen – oder ein neues Klötzchen aus einem definierbaren Material in die Welt setzen. Das war’s.

10.000 neue User pro Tag

Wer will, kann ohne Registrierung mit jedem Java-Browser als einzelner Spieler die virtuelle Welt betreten und sofort das Spielprinzip ausprobieren. Lohnenswerter ist aber die kostenlose Registrierung, denn nur dann steht der Zugang zu Servern mit Multiplayer-Welten bereit, in denen sich mehrere Spieler tummeln. Dann kann man auch die Bauwerke der anderen Spieler bestaunen. 20 Millionen Nutzer haben sich bereits registriert, vier Millionen haben für die kommerzielle Version des Spiels bezahlt. Pro Tag kommen fast 10.000 neue User hinzu.

Entwickelt hat das Spiel der schwedische Programmierer Notch. Im Alleingang und ganz ohne das Budget millionenschwerer Game-Anbieter. Doch dem Entwickler ist das Ganze längst über den Kopf gewachsen. Seine eigens dafür gegründete Firma Mojang kümmert sich mit inzwischen sieben Mitarbeitern darum, dass die Welt von Minecraft weiter wächst.

Virtuelle Tintenfische

Anfangs gab es nur wenige Quadersorten: Stein, Holz, Wiese, Glas, dazu Blümchen und Fliegenpilz. Inzwischen kann der User nicht nur mit anderen Usern chatten, sondern seine Klötzchen aus über 100 verschiedenen Materialien erschaffen – Wasser, Eis und Schnee haben dabei andere Eigenschaften als zum Beispiel Gold oder Lava. Mechanische Blöcke wie Schalter oder Gruben erlauben die Konstruktion von automatischen Türen. Inzwischen existieren sogar elektrische Schaltkreise, mit denen sich komplexe Steuerungen bauen lassen. Außerdem bricht alle 20 Minuten eine sieben Minuten währende Nacht herein. Würfelmonster, “Mobs” genannt, durchstreifen die Klötzchenwelt, vor denen man sich hinter virtuellen Wänden oder einem Lava-Strom in Sicherheit bringen sollte.

Mit jeder Programmversion wird das Klötzchenuniversum detaillierter. Inzwischen bevölkern virtuelle Schweine, Hühner, Kühe und auch Tintenfische die Welt, auch wenn sie sich eher am Sound, als durch ihr pixeliges Aussehen unterscheiden lassen. Schafe weiden über Gras und geben virtuelle Wolle, die man für Woll-Quader benötigt. Legt man sie auf Holz-Quader, erhält man ein Bett, in dem man die Nacht schadlos überstehen kann.

Quadratische Erde

Das virtuelle Lego ist natürlich reine Zeitverschwendung und zu absolut nichts nütze. Doch gerade das Fehlen eines vorgegebenen Ziels, macht es so spannend. Das renommierte Time-Magazin kürte es daher zum Top-Spiel 2011. Im November fand in Las Vegas die erste Minecraft-Messe MineCon statt, und wie sich es sich für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gehört, gab es dort auch einen Heiratsantrag zwischen Spielern.

Auf YouTube häufen sich unterdessen Videos, die besonders anspruchsvolle Werke präsentieren. Eines zeigt zum Beispiel, wie mehrere Spieler eine komplette Stadt in einer halben Stunde errichten:

An anderer Stelle wurde die Erde im Kleinformat nachgebaut, es gibt eine quadratische Erde, eine gigantische Kopie des Raumschiff Enterprise aus Klötzchen, eine mittelalterliche Stadt, oder auch eine Welt, in der die Klötzchen-Schaltkreise einen funktionsfähigen 16-Bit-Computer simulieren – man kann förmlich durch die Strukturen seiner Prozessorarchitektur hindurchgehen! Viele Minecraft-Welten dienen dazu, Spielfilmszenen nachzustellen, größere Projekte wollen gar ganz Mittelerde (aus “Der Herr der Ringe”) nachbauen, oder zeigen den Angriff auf den Star-Wars-Todesstern.

Hauptsache gigantisch

Viele andere Videos geben sich aber einfach nur der puren Freude am möglichst großen Selbstgebauten hin. Augenfällig ist dabei die Ähnlichkeit zu Lego, denn auch dort konnte man ursprünglich alles aus einfachsten Klötzen bauen. Kein Wunder also, dass der Hersteller bereits einen Einstieg in die Materie überlegt. Weil immer mehr Spieler auch in der Realität “craften” wollten, machte das Unternehmen eine Umfrage. 10.000 Fans nahmen innerhalb von 48 Stunden teil, und so gab Lego im Dezember an, über die Produktion spezieller Minecraft-Steinchen nachdenken zu wollen.

Für ein derart sperriges Thema ist das Interesse überraschend groß: Google Zeitgeist listet “Minecraft” als wichtigsten Begriff Deutschlands im Jahr 2011. Inzwischen hat Minecraft als App auch iPad, iPhone und Android-Smartphones erobert. Kommendes Jahr soll eine Version für Microsofts Xbox 360 erscheinen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

9 Kommentare | 20. Dezember 2011 | 11:36 Uhr | Twittern | Facebook

9 Kommentare

  1. man konnte vor mehr als 12 Jahren schon viel schönere Sachen erstellen. Mit der GoldSrc- (Half-Life), der Unreal- oder der id Tech 3 Engine.

    Viel schwieriger ist das nicht gewesen. Und der Technische Aufwand (benötigte Hardware) war sogar geringer als der bei Minecraft.

    Ich versteh nicht wie die Leute stolz darauf sein können, sowas erstellt zu haben und dann auch noch in ewig langen videos damit angeben wollen.

    Was ist deren Argument auf so niedrigem technischen Stand für nichts und wieder nichts zu arbeiten?

    globalenemy | 20. Dezember 2011 | 17:08 | Antworten
  2. @globalenemy: Grafik kann ein Faktor für Spielspaß sein, und wenn dann auch nur einer. Anscheinend überzeugt das Spiel ja dann in anderen Bereichen. Die persönliche Gewichtung dieser Faktoren kommt natürlich auch zum Tragen. Wenn du für dich die Grafik als so hohe Priorität hast, dann wird dir Minecraft natürlich auch nicht zusagen. Mich persönlich überzeugt das Spiel jedoch aufgrund anderer Elemente, vor allem sei hier die Möglichkeit genannt, sich Bauwerke etc. ausdenken zu können und diese innerhalb eines Spiels mit klar definierten Regeln umzusetzen.

    j4k | 20. Dezember 2011 | 19:47 | Antworten
    • ich finde, das die vielen klötzchen einfach mc ausmachen….diese kann man ja auch noch durch texturepacks “verschönern” aber wer wirklich ne crysis engine sucht ist bei mc falsch…auch ich finde dass die entscheidenden faktoren dass ausdenken und bauen von gebäuden sind(vor allem im multiplayer wo man dann die richtig grossen sachen erschaffen kann…wie zb minen von moria oder so….)

      Kisarus | 20. Dezember 2011 | 22:22 | Antworten
  3. Ich habe mich riesig gefreut als ich Minecraft entdeckt habe weil es endlich mal ein Spiel ist dass aus dieser komischen Gewaltschleife ausbricht in der die Gameindustrie festgeschweisst zu sein scheint.
    Selbst in online Strategiespielen wird nur geboren um zu sterben, einziger Lebensziel der virtuellen Figuren ist entweder alle anderen umzubringen oder selbst Zielscheibe zu sein… absolut geisteskrank, besonders wie oft diese Art “zu sterben” visuell ausgemalt wird.

    Natürlich gibt es bei Minecraft ähnlichkeiten zu Second Life und moderne Game Engines können grafisch noch unleich viel mehr, aber es kommt eben bei Spielen nicht unbedingt auf “mehr” and, sondern darauf dass es den Spieler auf die richtige Weise einbindet.
    Tetris z.B. hat ja sehr einfacht Regeln und eine noch lächerlichere Grafik, dennoch hat das Spiel manchen Menschen hunderte Stunden ihrer Lebenszeit geraubt.

    Die Gefahr von Minecraft wie bei allen Spielen dass man sich in der einfachen Logik der Spielewelt verliert und vergisst dass da draussen eine realte Welt ist, mit der ja eigentlich “gespielt werden” sollte.
    Man flüchtet sich in eine einfache Aufgabe bei der nix passieren kann und vergisst die Zeit.

    Ganz leicht kann man Tage lang davor sitzen, während man gleichzeitig seine Freunde, die Schulleistungen, den Job etc, einbüsst. Wie man weiss haben Eltern schon ihre Kinder verhungern lassen, weil sie sich lieber in der “World of Warcraft” aufgehalten haben.

    Nicht dass man in den Spielen nicht auch etwas denken lernt… ich glaube definitiv dass Computerspielen in der Tat bestimmte Formen von Intelligenz die auch in der Realität als “Metapher” anwendbar ist steigert, aber beim masshalten ist halt medienkompetenz gefragt, so ähnlich wie bei Rauchen, Alkohol und Kaffee.

    minecraft: Gamehoffnung und Zeitloch | 20. Dezember 2011 | 22:36 | Antworten
  4. Ich habe mich riesig gefreut als ich Minecraft entdeckt habe weil es endlich mal ein Spiel ist dass aus dieser komischen Gewaltschleife ausbricht in der die Gameindustrie festgeschweisst zu sein scheint.
    Selbst in online Strategiespielen wird nur geboren um zu sterben, einziges Lebensziel der virtuellen Figuren ist entweder alle anderen umzubringen oder selbst Zielscheibe zu sein… absolut geisteskrank, besonders wie oft diese Art “zu sterben” visuell ausgemalt wird.

    Natürlich gibt es bei Minecraft Ähnlichkeiten zu Second Life und moderne Game Engines können grafisch noch unleich viel mehr, aber es kommt eben bei Spielen nicht unbedingt auf “mehr” oder “Realismus” an, sondern darauf dass es den Spieler auf die richtige Weise einbindet, und die interaktion zwischen den Spielern mit dem richtigen Rahmen versieht.
    Tetris z.B. hat ja sehr einfacht Regeln und eine noch lächerlichere Grafik, dennoch hat das Spiel manchen Menschen hunderte Stunden ihrer Lebenszeit geraubt.
    Schach oder Backgammon ist ja vom Prinzip her absolut primitiv, aber die Leute haben es durch die Jahrhunderte immer und immer wieder ausgepackt.

    Die Gefahr von Minecraft wie bei allen Spielen ist dass man sich allein in der einfachen Logik der Spielewelt verliert und vergisst dass da draussen eine realte Welt mit echten Personen ist, mit denen ja eigentlich “gespielt werden” sollte.
    Man flüchtet sich in eine einfache Aufgabe bei der nix passieren kann und vergisst die Zeit.
    Die Minecraft-Spieler sind ja weit weg und anonym und als echte Personen unbekannt.

    Ganz leicht kann man Tage lang davor sitzen, während man gleichzeitig die realen Freunde, die Schulleistungen, den Job etc, einbüsst. Wie man weiss haben Eltern schon ihre echten Kinder verhungern lassen, weil sie sich lieber in der “World of Warcraft” aufgehalten haben.

    Nicht dass man in den Spielen nicht auch etwas denken lernt… ich glaube definitiv dass Computerspielen in der Tat bestimmte Formen von Intelligenz die auch in der Realität als “Metapher” anwendbar ist steigert, aber beim Masshalten ist halt Medienkompetenz gefragt, so ähnlich wie bei Rauchen, Alkohol und Kaffee.

    minecraft: Gamehoffnung und Zeitloch | 20. Dezember 2011 | 22:44 | Antworten
  5. zweimal gepostet *rotwerd* hab noch ein paar typos ausgebessert :)

    tschuldigung | 20. Dezember 2011 | 22:45 | Antworten
  6. Endlich mal ein Spiel, das sich vom üblichen Mainstream abhebt!

    Matthaeus Reimen | 22. Dezember 2011 | 14:45 | Antworten
  7. Link: Google, Bing, Twitter, Facebook, YouTube: Das Jahr im Netz

    [...] Google+ und der verstorbene “Jackass”-Darsteller Ryan Dunn. In Deutschland führt das Onlinespiel Minecraft die Liste an, vor dem Bakterium EHEC und dem iPhone 5, das bis zum heutigen Tag nicht erschienen [...]

  8. Minecraft hat auch wirklich seien Vorzüge, gerade weil es ausieht als wäre das Spiel aus einem vergangenen Jahrhundert. Es hat dadurch schon einen gewissen Kultfaktor.

    avatare kostenlos | 16. Januar 2012 | 16:16 | Antworten

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