Wie Facebook den Hyperlink abschaffen will

Facebook-Chef Mark Zuckerberg im September 2011 (Foto: Dylan Tweney, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Facebook-Chef Mark Zuckerberg im September 2011 (Foto: Dylan Tweney, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Zurück in die Zukunft: Facebook schließt sein Universum weiter ab. “Frictionless Sharing”, also reibungsloses Teilen, hatte Mark Zuckerberg, Chef des populären Netzwerkes, vor der Einführung der jüngsten Metamorphose seiner Plattform versprochen. Die “open graph” genannte Technik soll künftig alles erfassen, was die Facebook-Nutzer im Internet machen. Doch das Ergebnis überzeugt derzeit nicht und die Nutzer fühlen sich bevormundet.

Seit der Ankündigung des Projekts auf der F8-Konferenz im September können zwar nur wenige Kooperationspartner die neue Funktion nutzen, aber Facebook spricht schon von einem gewaltigen Erfolg, wie der Branchendienst ZDNet meldet. So profitieren Musik-Streaming-Dienste wie das so mit Facebook verbundene Angebot Spotify besonders: Jedes Lied, das die Nutzer abspielen, wird sofort an seiner Facebook-Pinnwand gepostet. Die Unternehmen konnten ihre Zuhörerschaft so verdoppeln oder gar verzehnfachen.

Links zu uralten Boulevard-Meldungen

Der Gedanke: Wenn Nutzer nicht mehr auf “Like” klicken müssen, sondern ihr Nutzungsverhalten automatisch erfasst wird, erhält Facebook viel mehr Daten und kann daraus wertvollere Inhalte für seine Nutzer heraussuchen. So zumindest die Theorie. Nachrichtenseiten beobachten jedoch einen anderen Effekt: Eigentlich sollte das reibungslose Teilen die aktuellsten und relevantesten Meldungen auf den Nachrichtenseiten enthüllen. Doch das Gegenteil ist bisher der Fall: Statt Nachrichten zu Finanzkrise oder aktuellen Ereignissen fanden sich plötzlich Links zu uralten Boulevard-Meldungen in den Listen der der am meisten geteilten Inhalte. Kein Wunder: Bei der Umsetzung haben die Facebook-Designer nämlich geschlampt: Der Leser bekommt nur die Überschrift eines Artikels zu sehen. Hat er nach einem Klick festgestellt, dass der Inhalt irrelevant oder alt ist, ist es bereits zu spät - alle seine Freunde haben die Schlagzeile ebenfalls in ihrem Facebook-Stream und klicken fleißig auf die vermeintlich spektakulären Inhalte.

Die Financial Times nennt das den “Facebook-Effekt”: Statt einer wertvollen Ergänzung zur redaktionellen Auswahl von Meldungen erhalten die Redakteure einen Einblick in die skandalheischendsten Überschriften auf ihrer Webseite. Dieser zweifelhafte Start des „open graph“ könnte jedoch durch eine Neugestaltung der Funktion zumindest abgemildert werden.

App oder Endstation?

Aus vergangenen Nutzerprotesten hat Facebook gelernt: Die Nutzer mögen es nicht, wenn der Konzern eigenständig neue Funktionen aktiviert, die tief in ihre Privatsphäre eingreifen. So hatte der Konzern bereits 2009 ein ähnlichen Vorstoß gewagt, indem er die Einkäufe der Nutzer bei bestimmten Werbepartner veröffentlichte – und kurzerhand das Einverständnis seiner Nutzer vorausgesetzt. Dass die dann überhaupt nicht begeistert waren, ihre Einkäufe bei Facebook wiederzufinden, erwischte die Facebook-Macher auf dem falschen Fuß. Nach einer riesigen Protestwelle gestalteten sie die Funktion erst um und schalteten sie schließlich ganz ab. Nach einer Sammelklage verpflichtete sich Facebook gar zu einer Zahlung von 9,5 Millionen Dollar an Datenschutzprojekte.

Beim „open graph“ setzt Facebook deshalb ganz auf die Zustimmung der Nutzer. Wenn jemand beispielsweise einen Link zu einem Artikel des britischen “Guardian” auf Facebook postet, wird der auf Facebook nicht mehr unverändert weitergegeben. Stattdessen müssen Nutzer, die dem Link folgen, von nun an eine eigene Guardian-App installieren und so der britischen Zeitung den Zugriff auf die Daten gewähren. So kann Facebook in Zukunft alle Klicks der Nutzer auf der Guardian-Webseite verfolgen. Wer bei diesem Spiel nicht mitmachen will, kann zwar die Zustimmung verweigern – doch dann kommt er nicht mehr ohne Weiteres an den empfohlenen Artikel. Allenfalls kann der Nutzer die Webadresse manuell in die Browserzeile kopieren – eine Kulturtechnik, die Internetnutzer zu Recht verlernt haben.

“Das Teilen im Netz ruiniert”

Ein Facebook-Sprecher spricht auf Anfrage von Hyperland von einer “Testphase”, konnte aber nicht mitteilen, ob Facebook in Zukunft Nutzer weiterhin zwangsweise auf die Apps umleiten will.  In den USA formiert sich jedoch schon erster Widerstand. “Facebook hat das Teilen im Netz ruiniert”, resümmiert zum Beispiel die Kolumnistin Molly Wood, auch ZDNet fordert zur Abkehr von dem neuen App-Zwang auf. Grund zur Hoffnung gibt es: Der britische “Independent” hat eine Lösung eingeführt, die auch ohne App auskommt. So könnte Facebook diesmal eine Kompromisslösung anbieten, ohne seine gesamten Pläne einzustampfen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

5 Kommentare | 29. November 2011 | 11:47 Uhr | Twittern | Facebook

5 Kommentare

  1. Irgendwie finde ich die Überschrift nicht sehr passend – der Artikel ist dafür umso informativer!

    Achisto | 29. November 2011 | 13:21 | Antworten
    • Alexander von Streit

      Wir haben die Überschrift noch einmal angepasst

      Alexander von Streit | 29. November 2011 | 16:10 | Antworten
  2. Ich kopiere ziemlich oft Webadressen in die Browserzeile. Was ist so schlimm daran und warum sollte man das “zu Recht” verlernt haben?

    Jack Candy | 30. November 2011 | 12:30 | Antworten
  3. Link: Digitale Lebenslinie: Facebook peitscht die Timeline durch

    [...] problematisch an der Chronik ist eigentlich nur das seamless sharing, also das automatische Teilen von Inhalten im Vorübergehen. Denn der lebenslange Lebenslauf wartet [...]

  4. Ich konnte Facebook noch nie wirklich leiden, nun umso weniger …

    Reime Freund | 29. Januar 2012 | 20:07 | Antworten

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