Projekt Streetscooter: Wie Autobauer aus der Computerwelt lernen
Das “Open-Source-Auto” kommt, schwärmte unlängst das Magazin “Wired”: 2013 soll der “Streetscooter” aus Aachen in Serie gehen. Ist es wirklich so einfach und erfolgversprechend, erprobte IT-Konzepte auf die klassische Industrie zu übertragen?
Ein weißer Kleinwagen mit Elektro-Antrieb und mindestens 120 Kilometern Reichweite: Auf der diesjährigen Internationalen Automobilausstellung stellten Achim Kampker von der Ingenieurs-Universität RWTH Aachen und seine Partnerfirmen nach einem Jahr Entwicklungszeit den sogenannten Streetscooter vor – ein E-Auto für Kurzstrecken, das 2013 in Serie gehen soll. Das Besondere daran: seine Entstehung. Denn für das Fahrzeug bediente sich das Konsortium der Methoden, die man bislang eher im Computerbereich verortete. “Einzigartig” und “wegweisend” preist die Streetscooter-Homepage daher sowohl das Fahrzeug als auch seine “Zeitgeist Concept” getaufte Entwicklungsmethode an. Das griffige Schlagwort “Open-Source-Auto”, unter dem das Fahrzeug bei einigen Online-Medien-Begeisterung erntete, verwenden die Entwickler selbst allerdings nicht – offenbar mit Bedacht.
Relativ offene Lizenz
Wichtigster Unterschied zu Open-Source-Software-Projekten wie etwa die Programme der Mozilla Stiftung (unter anderem Firefox): Den “Quellcode”, ihre Baupläne, legen die Auto-Entwickler nicht für jedermann zum Einsehen und Weiterentwickeln offen. Anders als in der Autoindustrie üblich arbeiten beim Streetscooter aber die zahlreichen mittelständischen Partnerfirmen weitgehend autonom. Das Auto wurde dafür in acht größere Bauteile aufgeteilt, die unabhängig voneinander konstruiert werden. “Zum Beispiel die Karosseriestruktur oder der Antriebsstrang. Wir geben zentral nur die groben Spezifikationen vor”, so Kampke. Alle Entscheidungen zu Konstruktionsteils blieben den einzelnen Entwicklergruppen vorbehalten. Zusammengeführt werden die einzelnen Arbeiten in einer virtuellen Produktionsumgebung. Die Koordination liegt bei der von Kampke geleiteten Dachfirma Streetscooter GmbH, an der die größeren Partnerfirmen beteiligt sind. Sie soll auch den Vertrieb organisieren.
Die Rechte-Lizenz für den Streetscooter, und das ist ungewöhnlich, ist aber nicht exklusiv. “Alle, die daran mitarbeiten, dürfen ihr eingebrachte Wissen und ihre Entwicklungen auch in eigenen Projekten verwenden”, sagt Kampke. Und, ja, für die Zukunft sei auch geplant, “Entwicklungen in bestimmten Bereichen” offenzulegen und mit allen Interessenten zu diskutieren, wie es weitergehen soll. Das klingt schon eher nach Open Source.
Autoentwicklung per Crowdsourcing
Streetscooter ist nicht das einzige Projekt, das in der Autobauerwelt Web-erprobte Wege ausprobiert: Auf der “Local Motors” tauschen sich Autobauer über ihre futuristischen Fahrzeugideen aus. Am anderen Ende der Professionalitätsskala: der “Fiat Mio”. Zwar wurde hier nicht die technische Entwicklung als Open-Source-Projekt realisiert, aber Fiat sammelte massenhaft Kundenvorschläge und Ideen, die in das Design einflossen. Crowdsourcing nennt man das – und im Netz ist das ein großer Trend. Der Mio ist wie der Streetscooter ein Kleinwagen für die Stadt. Trotz Lob und Preisen ging das Konzept aber bisher nicht in Serie.
Auch wenn Websites wie Crowdsourcing oder Go Crowdsourcing beständig auf neue Möglichkeiten hinweisen, wie klassische Industrieunternehmen bei der Produktentwicklung auf Offenheit und Beteiligungsmöglichkeiten setzen sollen – oft handelt es sich doch nur um Marktforschung im modernen Gewand. Und unter den unkommerziellen Versuchen, die Prinzipien von Open Source und freien Lizenzen auf andere als digitale vertriebene Produkte anzuwenden, findet sich bisher nichts, was den Normalkonsumenten erreicht hätte.
Dennoch: Crowdsourcing und Open Source für die Industrie – kein Zweifel, da ist Musik drin. Die Melodie muss nur noch gefunden werden.
(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)
Kommentieren | 17. November 2011 | 16:25 Uhr |
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