Internet-Streit über Latte-Macchiato-Mütter

Hipster-Straße am Prenzlauer Berg: Kastanienallee (Foto: Oh-Berlin.com, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Hipster-Straße am Prenzlauer Berg: Kastanienallee (Foto: Oh-Berlin.com, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Die Top-Themen des deutschsprachigen Internets waren im Oktober zwar der Tod von Steve Jobs und die Enthüllung des Staatstrojaners durch den Chaos-Computer-Club, doch der meistdiskutierte Einzelbeitrag beschäftigte sich mit einem ganz anderen Thema: mit den Müttern vom Prenzlauer Berg. Aus einem Gespräch mit einer Cafébesitzerin hat eine taz-Redakteurin einen sprachlich herabwürdigenden, klischeebehafteten Text abgeliefert, der nicht nur auf taz.de hitzig diskutiert wurde.

“Die Weiber hier denken doch, die sind was Besseres”, heißt es darin, die Frauen in dem Berliner Viertel werden als “Rinder” bezeichnet: “Man könnte würgen, wer geht denn über so wat noch drüber.” Der Text, der kein Klischee und Vorurteil auslässt, erzeugte nicht nur hunderte Leserkommentare von absoluter Zustimmung bis zu blankem Hass auf die Autorin, er sorgte auch außerhalb von taz.de für viele Reaktionen. Sage und schreibe über 30.000 mal wurde er bei Facebook und Twitter verlinkt und diskutiert. Kein anderer deutschsprachiger Text war im Oktober so populär in den sozialen Netzwerken.

Auf den weiteren Plätzen der Hyperland-Charts, für die wir exklusiv auswerten, über welche publizistischen Beiträge bei Facebook, Twitter & Co. am meisten gesprochen wird (Methodik siehe unten), folgen ein Satirebeitrag von “Der Postillon” zum Thema Hypo Real Estate (“Legendäres Bernsteinzimmer in Keller von Hypo Real Estate aufgetaucht”) sowie eine Geschichte fürs Herz von Bild.de: “Blindenhund führt blinden Hund – Komm, ich zeig dir den Weg zum Fressnapf”. Der Rest der Einzelbeitrags-Top-Ten besteht ebenfalls aus einer recht wilden Themenmischung: ein Text über den Weltbild-Verlag, der der katholischen Kirche Millionen mit Erotikliteratur in die Kassen spült, findet sich neben einem Bericht über Tierquälerei in Asien und einem über den Tod von Steve Jobs.

  1. taz.de / Kaffeehauschefin über Macchiato-Mütter: “Die Weiber denken, sie wären besser” (30.573 Verlinkungen bei Facebook, Twitter & Co.)
  2. Der Postillon / Legendäres Bernsteinzimmer in Keller von Hypo Real Estate aufgetaucht (20.435)
  3. Bild.de / Blindenhund führt blinden Hund – Komm, ich zeig dir den Weg zum Fressnapf (13.779)
  4. Spiegel Offline / Ring christlich demokratischer Studenten verkackt Flashmob (13.596)
  5. Bild.de / Unfassbare Tierquälerei – Hunde im Tierheim vergast! (12.797)
  6. Welt Online / “Weltbild”-Verlag: Katholische Kirche macht mit Pornos ein Vermögen (12.372)
  7. n-tv.de / “Größte Sammlung im Internet”: Anonymous sprengt Kinderpornoring (12.167)
  8. Spiegel Online / http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,794600,00.html (11.258)
  9. Bild.de / Knackig kalt und Schnee – In vier Wochen beginnt der Horror-Winter (10.879)
  10. Spiegel Online / Erlöserfigur Steve Jobs: Weltverbesserer für wenige (9.996)

So abwechslungsreich die zehn Top-Beiträge des Monats thematisch gesehen sind, so eindeutig ist die Dominanz zweier Themen bei einem Blick auf die Top 100. Der Tod des Apple-Gründers Steve Jobs und die Enthüllung des Staatstrojaners durch den Chaos-Computer-Club waren mit großem Abstand die Themen, mit denen sich die meisten Top-100-Texte beschäftigt haben. Elfmal findet sich Steve Jobs in dieser Liste der 100 meistverlinkten Beiträge, zehnmal der Trojaner. Erfolgreichster Steve-Jobs-Text war dabei der kritische Spiegel-Online-Nachruf “Weltverbesserer für wenige”, der es auch auf Platz 10 der Beitrags-Charts geschafft hat, am meisten mit dem Staatstrojaner punkten konnte der CCC selbst, der über 7.600 Social-Network-Verlinkungen mit seinem Text “Chaos Computer Club analysiert Staatstrojaner” erreichte. Die zehn Top-Themen des Monats im Überblick:

1. Der Tod von Steve Jobs (11 Beiträge unter den 100 meistdiskutierten)

2. Der Staatstrojaner (10)

3. Der 55-Mrd.-Euro-Rechenfehler der Hypo Real Estate (3)

3. Die weltweite Occupy-Bewegung (3)

3. Facebook und der Datenschutz (3)

6. Der Tod von Muammar al-Gaddafi (2)

6. Der Datenschutzskandal um ein Electronic-Arts-Spiel (2)

6. Die Diskussion um den Werbeclaim von Schlecker (2)

6. Die EM-Qualifikation der deutschen Fußball-Nationalmannshaft (2)

6. Die Anfang Oktober aufgetauchten Draconiden-Sternschnuppen (2)

In den Einzelcharts der Blog-Beiträge findet sich ein bis dahin recht unbekanntes Blog mit dem schmissigen Titel “Spiegel Offline” auf Platz 2. Ein dort verlinktes Video, in dem ein Professor während einer laufenden Vorlesung wortstark einen geplanten Flashmob der politischen Studentengruppe RCDS verhinderte, hat es im Oktober auf mehr als 13.500 Social-Network-Links gebracht. Geschlagen wurde “Spiegel Offline“ damit nur vom erneut sehr erfolgreichen Satire-Blog „Der Postillon“ und seinem Artikel “Legendäres Bernsteinzimmer in Keller von Hypo Real Estate aufgetaucht“. Neben weiteren “Postillon“-Einträgen finden sich in der Blog-Top-10 u.a. auch noch zwei ernsthafte Artikel: der netzpolitik.org-Scoop, in dem beschrieben wird, dass Schulbuchverlage Trojaner auf Schulcomputer bringen wollen, um nach widerrechtlich kopiertem Lehrmaterial zu suchen, sowie der offene Brief des bekannten Bloggers Fefe an die Piratenpartei.

  1. Der Postillon / Legendäres Bernsteinzimmer in Keller von Hypo Real Estate aufgetaucht (20.435 Verlinkungen)
  2. Spiegel Offline / Ring christlich demokratischer Studenten verkackt Flashmob (13.596)
  3. Der Postillon: Bundeswehr zieht aus Afghanistan ab, weil brillante Genies in Berlin Gleise anzünden (4.934)
  4. Design made in Germany / Verlosung: Wacom Intuos4 M (4.810)
  5. Der Postillon / Umfrage: Mehrheit würde verheerenden Godzilla-Angriff langweiliger Eurokrise vorziehen (4.672)
  6. saschalobo.com / Bundestrojaner für Mac (3.933)
  7. netzpolitik.org / Der Schultrojaner – Eine neue Innovation der Verlage (3.209)
  8. Der Postillon / Technikjournalisten und Fanboys spekulieren über Design und Features von Steve Jobs’ Sarg (3.138)
  9. Der Postillon / Homöopathisches Wirtschaftsinstitut empfiehlt Ein-Cent-Rettungsschirm für verschuldete EU-Staaten (2.885)
  10. Fefes Blog / Liebe Piraten, wir müssen reden. So wird das nix … (2.652)

Zur Methodik: Für unsere exklusiven Hyperland-Charts filtern wir alle publizistischen Beiträge aus dem deutschsprachigen Teil des Internets, die eine gewisse Resonanz erzielen. Mit Hilfe verschiedenster Recherchewege werden zehntausende Artikel identifiziert, die oft bei Twitter, Facebook und in Blogs genannt wurden. Mit Hilfe der offiziellen API-Schnittstellen von Facebook, Twitter, Linked in und Google sowie der Blog-Suchmaschine Icerocket werden anschließend die Gesamtverlinkungen in Tweets, Facebook-Likes, etc. für all diese Beiträge ermittelt und ein Ranking erstellt. Das dient als Grundlage für unsere Analysen und Tabellen, die wir an dieser Stelle veröffentlichen.

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Autor: schroeder.j

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Jens Schröder ist freier Journalist, Autor und Daten-Analyst für verschiedene Auftraggeber vom Medienportal MEEDIA bis zum ZDF-Blog Hyperland. Nebenbei ist Schröder ein Blogger der ersten Stunde, betrieb und betreibt seit zehn Jahren verschiedene Blogs. 2013 startete er die Social-Media-News-Charts 10000 Flies.
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3 Kommentare

  • IT-Profi
    04.11.2011, 14:28 Uhr.

    A propos Zur Methodik: Man sieht hier sehr schön, warum es nichts bringt, die Schattenseiten sozialer Netzwerke zu diskutieren, wenn sich die Diskussionsplatform höchstselbst genau jener statistischen Analyse-Tools bedient, welche jene Netzwerke bereithalten. Denn wie sollten die solche Zahlen ermitteln ohne genauer hinzusehen.

    Zwar kann man argumentieren, dass es einen Unterschied darstellt, ob man den Traffic überwacht oder den Verkehrsteilnehmer. Ich fürchte nur, diese Trennung ist schwer möglich und subtil genug, um die gesamte Diskussion ad absurdum zu führen. Und das ist natürlich am Ende auch so gewollt.

    Es steht also zu erwarten, dass in Zukunft robustes Klinikpersonal mit am Internet hängenden Tablet-PCs durch die Krankenhausgänge huscht, auf denen schon mal Google, Twitter, Facebook, Skype, Earth etc vorinstalliert sind. Das einzige zu erwartende Gegenargument ist wohl: Für so etwas haben die gar keine Zeit. Brauchen die auch nicht, wenn ständig ein halbes Dutzend Indexer läuft und “statistische Erhebungen” an die Zentrale funkt.

  • Jessica
    04.11.2011, 17:26 Uhr.

    Schön, dass endlich mal kritisch mit der Bericht Erstattung der Taz umgegangen wird. Wenn man sich den Artikel durchliest, kommt einem wirklich das Grausen.

    • Fridel
      04.11.2011, 18:22 Uhr.

      Begin Satire
      Glauben die “Weiber” denn nicht tatsächlich, etwas besseres zu sein? Nur dass mann das nicht offen sagen darf?

      Ich meine, wenn man sich anschaut, was die sich so alles herausnehmen. Das fängt doch schon mit den Schuhen an. Selbst das halbste Persönchen kriegt es immer noch hin, aufgrund von “gängiger Spezialbesohlung” beim Traben einen klackernden Lärm zu veranstalten, dass man glauben möchte, ein gefährliches Tier käme daher und es sei besser, umgehend die Flucht zu ergreifen. (-> Frau entgegnet nun natürlich sofort: Typisch männliche Projektion. Womit wir wieder beim Thema wären.)

      Nein, ich denke, nach wie vor versteht sich die Frau als letztes pan-universales Mysterium, welches nie ein Mann zu ergründen wisse oder wenigsten dürfe. Denn genau diese Sicht der Dinge bietet zwei kolossale Vorteile: Entweder der Mann stellt sich wirklich dumm oder ist es. Dann lässt sich ihm vorwerfen, er verstehen sie einfach nicht. Oder aber das Gegenteil ist der Fall. Dann heißt es empört von ihr, er sei wohl ein Frauenversteher. Jetzt sei aber schluss! Niemals könne ein Mann eine Frau verstehen -> Tautologie.

      Die einfache Psychologie der weiblichen Seele ist aber kein Mysterium sondern ergründet sich aus einem banalen chemisch/organischen Funktionieren. Und dieses hat eben zur Folge, dass frau eben nichts und niemandem begegnen kann, ohne es zu bewerten. Diese Bewertung erfolgt dabei selbstredend nicht auf rationaler oder Verstandesebene sondern – leider Gottes – auf emotionaler. So ist dann alles doof, toll, geil, ekelig, … Nichts hat das Recht, einfach nur da zu sein, weil es nun mal so ist. Und aus genau dieser Blähung heraus folgt natürlich der Dünkel. Wer alles und jeden bewertet, der impliziert natürlich, dass er dafür geschaffen sei. Ein typisches Indiz für dieses eher völlig unnütze als auch nur geringst brauchbare innere Erleben besteht etwa darin, dass Frauen ständig die Hände im Gesicht haben. Und zwar zu den ungewöhnlichsten Anlassen. Bevor sie ihre Geldbörse öffnet, erst noch mal die Strähne aus dem Gesicht streichen, die eigentlich dort gar nicht war… Es gibt da praktisch immer etwas zu richten und zu signalisieren. Man möchte sagen: Hauptsache frau signalisiert etwas und alle bilden sich etwas darauf ein.

      Groteske am Rande: Der I Like-Button dient letztlich der Feminisierung der WEB-Kultur, weil plötzlich jeder dazu eingeladen wird, Dinge zu bewerten, über die er sich ansonsten mit Recht keine Gedanken gemacht hätte. Das Icon dazu schließt natürlich jeden rationalen Zugang zur Funktion aus.
      End Satire

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