Pakistan: Die “Sufi”-Rocker erobern das Netz

Sufi-Rockstar Salman Ahmad als Avatar (Screenshot: josholalia, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Sufi-Rockstar Salman Ahmad als Avatar (Screenshot: josholalia, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Pakistans Jugend hat genug vom Weltbild der Großelterngeneration. Für sie zählen andere Probleme als die alten Grenzstreitigkeiten mit dem Erbfeind Indien. Auch gegen die Versuche orthodoxer Eliten, das Internet “rein” zu halten, wehrt sich eine überwiegend urbane Jugend. Westliche Analysten sagen einen Aufstand der jungen Generation wie in Nordafrika voraus. Wie in Ägypten und anderen nordafrikanischen Ländern, ist Musik ein wichtiger Bestandteil der Protestbewegung. Sufi-Rock heißt das dazu passende Genre und die entsprechenden Bands haben es meisterhaft geschafft, das Internet für die Verbreitung ihrer Musik und Botschaft zu nutzen.

Als Gegenentwurf zu den gesellschaftlichen Spannungen, feiert der Sufi-Rock große Erfolge. Sufi-Rock mischt den traditionell-islamischen Themenkanon mit westlicher Rockmusik und schlägt somit eine Brücke zwischen den Generationen und Völkern. Mit Hilfe des Internets hat es eine Band nun sogar bis an die Spitze der amerikanischen und britischen Charts geschafft.

Islam-Hippies

Sufismus beschreibt die esoterische, mystische Seite des Islam. Sufisten wie Hafez und Rumi schrieben im 13. und 14. Jahrhundert die kanonischen Texte, die auch heute noch die Sufi-Rocker inspirieren. Sufis kann man sich ein wenig als Islam-Hippies vorstellen. Sie predigen eine tolerante Auslegung des Korans und betonen die Bedeutung von Musik und Tanz bei der Suche nach dem Seelenheil. Damit stehen sie im klaren Gegensatz zu orthodoxen Muslimen, die Musik und Tanz als “haram” (verboten) betrachten.

Sufi-Rock: Junoon (Foto: Guilhem Vellut, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Sufi-Rock: Junoon (Foto: Guilhem Vellut, Quelle: Flickr, CC BY 2.0)

Als “Erfinder“ des Sufi-Rock gilt der Musiker Salman Ahmad mit seiner Band Junoon – der erfolgreichsten Band Pakistans. Neu ist das Phänomen dabei nicht. Ihre erste Platte veröffentlichten Junoon schon vor 20 Jahren. Das Internet sorgt aber für ein Revival des Sufi-Rocks und verhilft dem Genre nun auch im Ausland zum Durchbruch. Pakistanische Bands touren inzwischen durch die ganze Welt und kollaborieren mit Ex-Mitgliedern von Guns N’Roses oder der dänisch-pakistanischen Band Outlandish.

900.000 Facebook-Fans

Losgetreten hat den landesweiten Musik-Hype die Fernsehsendung Coke Studio, in der junge Künstler aus Pakistans ländlichen Regionen gemeinsam mit erfahrenen Musikern an Stücken arbeiten. “Heraus kommt stets irgendetwas zwischen Pop, Rock, Sufi und Folk”, erklärt Hamad Dar, der Betreiber von koolmuzone.com, einem der erfolgreichsten Musik-Blogs in Pakistan.

Die Facebook-Präsenz von Coke Studio hat knapp 900.000 Fans. Einzelne Posts erzeugen bis zu über 1.000 Kommentare. Die Seite ist so erfolgreich, dass sie häufig als digitale Pinnwand für Jobangebote und ähnliche Themen genutzt wird. Der Social-Media-Manager Khaver Siddiqi ist immer noch verblüfft, dass es eine eigens auf Pakistans Jugend zugeschnittene Musiksendung zum Quoten-Hit sogar im Ausland und “bis auf den 11. Platz der meistgesehenen YouTube-Kanäle weltweit” gebracht hat. Der Erfolg kam umso überraschender da sich “Coke Studio von Anfang an fast völlig auf soziale Medien verlassen hat”, so Siddiqi.

Das Internet spielt laut koolmuzone-Macher Hamad Dar aber auch jenseits dieser Fernsehsendung eine zentrale Rolle für die pakistanische Musik-Landschaft und Gesellschaft: “Pakistan ist reich an Kultur und Musik. Wir sind sehr stolz auf unsere traditionellen Wurzeln. Mehr und mehr Blogs und Facebook-Seiten konzentrieren sich darauf, und versuchen eine positive Stimmung zu erzeugen, die die disparate Bevölkerung eint.”

Mit Sufi-Jazz in die iTunes-Charts

Das Internet ist schließlich auch verantwortlich für den im Westen momentan erfolgreichsten Act: Das Sachal Studio Orchestra (in Anlehnung an den Sufi-Poeten Sachal), schaffte es mit seiner Interpretation des Jazz-Klassiker “Take Five“ in die Top Ten der iTunes-Charts in Amerika und Großbritannien. Die Gruppe wird aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Musiker als pakistanische Version des Buena Vista Social Club gefeiert. Aber selbst die ergrauten Herren haben die Bedeutung von YouTube und Co. begriffen. Nach dem viralen Erfolg ihrer Videos, pflegen sie nun einen eigenen Channel.

Umgekehrt funktioniert der Austausch zwischen Ost und West nicht immer so gut. Als der englische Kultclub Ministry of Sound eine Party in der Künstler-Hauptstadt Lahore veranstaltete, kamen nur wohlhabende Prominenz – kein Wunder bei Eintrittspreisen von rund 100 Dollar. In den Medien wurde die Feierei nach westlichem Vorbild, als Vorbote einer neuen, entspannten Zeit gedeutet. Im Internet las sich das anders: “Das ist kein sozialer Umbruch sondern eine Verwestlichung, die die Leute von religiösen Werten entfremdet”, kommentiert ein Leser einen Artikel bei dawn.com. “Seid stolze Muslime und Pakistanis, dann kann die Revolution kommen.” Ein anderer mit dem Namen 101Times erwidert: “Solche mittelalterlichen Einstellungen sind das genau das Problem des heutigen Pakistan. Diese Mullahs und Unglücks-Propheten müssen ausgerottet werden. Erst dann wird Pakistan erblühen.”

Langer Weg

Kommentar-Scharmützel wie dieses machen deutlich, das Pakistan noch einen langen Weg vor sich hat. Gleichzeitig zeigen sie aber auch, welcher Weg bereits zurückgelegt wurde. Im Internet herrscht freier Meinungsaustausch – zumindest solange Seiten wie Facebook, Google oder Yahoo nicht gerade wieder geblockt werden. Ob wegen Mohammed-Karikaturen, Pornografie oder vermeintlicher Terrorismus-Prävention: Immer wieder werden zentrale Web-Dienste lahmgelegt. Nur Sufi-Rock ist sicher – selbst die orthodoxen Internetzensoren zählen scheinbar zu den Fans.

Mitarbeit: Rashmi Vasudeva, Hamad Kiani

(Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

1 Kommentar | 07. Oktober 2011 | 13:43 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. genau, was dem islam heute fehlt ist die spirituelle praix. hier bietet sich der sufismus gradezu an.

    Tim | 8. Oktober 2011 | 01:59 | Antworten

Was sagen Sie dazu?